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Tedeschi Trucks Band And Leon Russell / Mad Dogs & Englishmen Revisited – Live At Lockn' – CD-Review

Tedeschi Trucks Band and Leon Russell - "Mad Dogs & Englishmen Revisited - Live At Lockn'" - CD-Review

Als Joe Cocker Anfang 1970 ausgepumpt von einer US-Tour in eine kleine Ruheoase in Los Angeles zurückgekehrt war und erfuhr, dass sein Manager für ihn bereits die nächste – und zwar in Kürze anstehende – Rundreise durch die USA gebucht hatte, weigerte er sich. Nicht nur brauchte er unbedingt Ruhe und Zeit zum Ausruhen, sondern er hatte auch seine Grease Band gerade erst aufgelöst. Um eine lange Story kurz zu halten, wurde Cocker damals klipp und klar gemacht, dass er in Amerika keinen Fuß mehr auf den Boden bekäme, falls er sich weigere. Und da sein Manager Dee Anthony auch genau über diesen großen Einfluss verfügte, gab der gute Joe dann nach. Was die neue Band betraf, so wurde Leon Russell kontaktiert, der es tatsächlich innerhalb weniger Tage schaffte, eine Gruppe aus vierzig (!) Musikern und Sängern zusammen zu stellen, die auch umgehend mit den Proben begannen. Diese Tour fand dann vom 20. März bis 16. Mai 1970 unter dem Namen "Mad Dogs & Englishmen" statt. Abgeworfen hat sie letztendlich nicht nur ein fantastisches Live-Album, sondern auch die beste Tour-Dokumentation auf Film, die mir bekannt ist.

Nun hatte die Tedeschi Trucks Band vor einigen Jahren ja ihre eigene Version des Kultalbums Layla & Other Assorted Love Songs auf dem amerikanischen Lockn' Festival eingespielt (2019) und 2021 veröffentlicht. Bereits einige Jahre davor (2015) taten sie dasselbe mit eben jenem "Mad Dogs & Englishmen". Tatsächlich gerade noch rechtzeitig, dass sie dafür den einstigen Original-Zeremonien-Master Leon Russell gewinnen konnten. Einerseits geht der Rezensent an solche Projekte immer mit ein bisschen Skepsis ran, aber da "Layla …" wirklich großartig umgesetzt wurde, war die Vorfreude dann doch da.

Eine kurze Vorstellung der beteiligten Akteure: The Tedeschi Tracks Band!

Die zu diesem Zeitpunkt noch lebenden sowie auf der Bühne stehen könnenden Musiker der Original-Band von 1970: Leon Russell (piano, lead vocals), Chris Stainton (keyboards), Rita Coolidge (lead vocals & space choir), Claudia Lennear (lead vocals & space choir), Pamela Polland (lead vocals & space choir), Chuck Blackwell (percussion, drums), Bobby Torres (percussion), Daniel Moore (space choir), Matthew Moore (space choir) sowie Bobby Jones (space choir).

Special Guests: Chris Robinson (The Black Crowes), Dave Mason, Warren Haynes, John Bell, Anders Osborne, Doyle Bramhall II. sowie Shannon McNally.

Und um ganz ehrlich zu sein, traf mich direkt der erste Track, "The Letter", dann schon mal mit voller Breitseite in der Magengegend. Bereits die ersten Piano-Klänge Leon Russells trafen einen Nerv und dazu wird das Stück von Susan Tedeschi auch noch wirklich großartig gesungen. Es ist alles da, der volle Sound inklusive Bläser, immer wieder das geile Piano Russells und auch der vielstimmige Background Choir, hier der Space Choir, ist am Start. Beim Rezensenten hatte die Band bereits nach dieser ersten Nummer gewonnen – und ihn damit so ganz nebenbei emotional in seine Einzelteile zerlegt.

Aber das war ja noch lange, lange, lange nicht alles. Auch für das wunderschöne "Darling Be Home Soon" bleibt Miss Tedeschi am Mikro. Ebenfalls sehr stark. Mit "Dixie Lullaby" gibt dann der Meister Russell seine ersten Lead Vocals zum Besten. Der gute Leon ist immer ein Genuss und selbst wenn er sich hier aus gesundheitlichen und auch Altersgründen nicht mehr ganz so gut wie in seinen besten Zeiten anhört, so kommt das trotzdem immer noch richtig stark. Für "Sticks And Stones" steht mit Chris Robinson der erste Gast auf die Bühne und liefert eine durchaus gelungene Version ab. Zusammen mit Claudia Lennear von der Original-Band bringt Russell dann Bob Dylans "Girl From The North Country". Leons Stimme muss hier hörbar kämpfen, um die richtigen Töne zu finden, was die Performance aber nur noch authentischer und ehrlicher macht. Dave Mason ist für sein "Feelin' Alright" vor dem Mikro, macht jedoch – zumindest auf den Autor – am wenigsten Eindruck. Auch der Auftritt von Warren Haynes bei "She Came Into The Bathroom Window" ist, wenn auch gut und absolute solide, nicht das Highlight des Abends.

Auch wenn das bis dahin gebrachte Material bereits sehr stark und beeindruckend war, so geht es zum Ende hin, sprich ab dem Stück "Bird On The Wire", erst mal so richtig ans Eingemachte. Ergreifend gesungen von Rita Coolidge – die hörbar auch mit ihren eigenen Emotionen zu kämpfen hatte – und somit immer eine Garantie, falls man mal wieder Lust auf eine Ganzkörper-Gänsehaut hat. Die gute Rita bleibt dann auch gleich vorne um abwechselnd mit den anderen Ladies der Original-Mad Dogs den The Band-Klassiker "The Weight" zu intonieren. Weiter geht es mit dem souligen Gesang von John Bell bei "Delta Lady", bevor dann mit dem hervorragenden "Space Captain" das Finale eingeläutet wird. Und wie! Gesanglich von dem Duo Susan Tedeschi/Chris Robinson sowie dem vollen Space Choir zelebriert ist es für den Hörer allerspätestens jetzt an der Zeit, in die Stratosphäre abzuheben. Mit "With A Little Help From My Friends", dem Joe Cocker-Signatur-Song wird anschließend über neuen Minuten lang dieses ganze Projekt und der extrem gelungene Abend abgefeiert. Äh, und so ganz nebenbei: Wem bei Susan Tedeschis erstem und aus dem tiefsten Inneren zu kommenden Schrei »…Oooh lord, I just need someone to love!« nicht das Blut in den Adern gefriert, der ist ganz sicher schon gar nicht mehr lebendig.

Wenn eine Nummer nicht fehlen darf, dann das 1970 nach der Original-Tour und für den Soundtrack der Tour-Dokumentation von Leon Russell geschriebene und gesungene "The Ballad Of Mad Dogs & Englishmen". 14 Monate nach dem hier reviewten Konzert wurde er dann von seinem 'Space Captain' abgeholt und hat diesen Planeten verlassen.

Ein Fazit aus zwei Blickwinkeln: Aus objektiver Sicht eine bärenstarke Rock-/Soul-/Blues-Platte, bei der es die Tedeschi Trucks Band mit ihren Gästen geschafft hat, das Feeling und den Sound der damaligen Zeit noch einmal einzufangen. Die sowieso sehr guten Songs sind zwar nicht deckungsgleich mit dem Original-Album von Cocker, aber alle hier enthaltenen Tracks wurden 1970 auf der 'Mad Dogs…'-Tour ebenfalls gespielt. Es gibt wohl auch einen Film zu diesem Event aus dem Jahr 2015, der aber scheinbar erst vor Kurzem Premiere hatte. Daher wird es wohl noch ein bisschen dauern, bis man ihn erwerben kann, wobei auf den üblich verdächtigen Internet-Plattformen bereits einige Songs des Konzerts abrufbar sind.
Aus persönlicher Sicht ist diese Scheibe für mich als großen Fan des Original-Albums sowie Films und der beteiligten Musiker/Sänger ein wahres Fest und emotional sehr mitreissend. Susan Tedeschi singt großartig, aber natürlich auch Derek Trucks und der Rest der Gruppe ist klasse. Nach Stücken wie "The Letter", "Bird On A Wire", "Space Captain" sowie dieser Version von "With A Little Help…" braucht der Rezensent tatsächlich immer erst mal ein bisschen, um sich zu fangen. So, und heute Abend wird die DVD der 1970er Tour ausgepackt und noch einmal ausgiebig genossen.


Line-up Tedeschi Trucks Band & Leon Russell:

Leon Russell (piano, lead vocals – #3,5,10,14)
Susan Tedeschi (guitars, lead vocals – #1,2,6,8,12,13)
Derek Trucks (lead & slide guitars)
Kofi Burbridge (keyboards)
Kebbi Williams (saxophone)
Ephraim Owens (trumpet)
Elizabeth Lea (trombone)
Tim Lefebvre (bass)
Tyler Greenwell (drums)
J.J. Johnson (drums)
Mike Mattison (background vocals)
Mark Rivers (background vocals)
Alecia Chakour (background vocals)

Line-up The Mad Dogs:

Leon Russell (piano, lead vocals – #3,5,10,14)
Chris Stainton (keyboards)
Chuck Blackwell (percussion, drums – #10)
Bobby Torres (percussion)
Rita Coolidge (background vocals, lead vocals – #9,10)
Claudia Lennear (background vocals, lead vocals – #5,10)
Daniel Moore (background vocals)
Matthew Moore (background vocals)
Bobby Jones (background vocals)
Pamela Polland (background vocals, lead vocals – #10)

Special Guests:

Chris Robinson (lead vocals – #4,12,13, background vocals – #7,11)
John Bell (lead vocals – #11)
Warren Haynes (gutar & lead vocals – #8)
Dave Mason (guitar – #13, lead vocals – #7)
Anders Osborn (guitar – #7,8)
Doyle Bramhall II (guitar – #2,3,9,10,13)
Shannon McNally (background vocals)

Tracklist "Mad Dogs & Englishmen Revisited":

  1. The Letter
  2. Darling Be Home Soon
  3. Dixie Lullaby
  4. Sticks And Stones
  5. Girl From The North Country
  6. Let’s Go Get Stoned
  7. Feelin' Alright
  8. She Came Into The Bathroom Window
  9. Bird On A Wire
  10. The Weight
  11. Delta Lady
  12. Space Captain
  13. With A Little Help From My Friends
  14. The Ballad Of Mad Dogs & Englishmen

Gesamtspielzeit: 71:59, Erscheinungsjahr: 2025 (2015)

Über den Autor

Markus Kerren

Hauptgenres: Roots Rock, Classic Rock, Country Rock, Americana, Heavy Rock, Singer/Songwriter
Über mich
Meine Beiträge im RockTimes-Archiv
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Meine Konzerberichte im Team mit Sabine
Mail: markus(at)rocktimes.de

7 Kommentare

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  1. Manni

    OMG, wie geil ist das denn? Dagegen verblasst selbst die Interpretation von Layla dieser großartigen Band aus der selben Location. (Ok, leicht übertrieben…)

    Der liebe Joe hört von dort, wo er ist, sicher mit Freude zu 🙂

  2. Jürgen aus Bonn

    Hallo Markus,
    vielen Dank für Dein Review, durch das ich erst auf die TTB-Einspielung von "Mad Dogs" aufmerksam geworden bin. Ich habe mir umgehend und ausführlich den Stream angehört (auf CD scheint die Einspielung derzeit in Deutschland nur auf Umwegen erhältlich zu sein). Inhaltlich bin ich voll und ganz bei Dir. Auch mich hat "The letter" 'mit voller Breitseite in der Magengegend' getroffen. Die mit eindeutigem Wiedererkennungswert gespielten 'ersten Piano-Klänge' trafen auch meinen Nerv; sie stammen allerdings nicht von Leon Russell himself. Auf YT gibt es auch von diesem Auftritt ein Video, auf dem deutlich erkennbar ist, dass das Intro (und wahrscheinlich noch mehr als Lead-Piano) von einem hinter Leon sitzenden, im line-up des Konzerts nicht aufgeführten Keyboarder gespielt wurde (der im line-up aufgeführte Kofi Burbridge ist es jedenfalls nicht; er sitzt noch weiter hinten).
    Doch das tut dem Gesamteindruck nicht weh. Die Anwesenheit allein von Leon Russell, der ja ein Jahr später leider verstarb, gibt dem ganzen Projekt eine gewisse Authentizität.

    1. Jürgen aus Bonn

      Der hinter Leon Russell sitzende Keyboarder ist übrigens Chris Stainton, der auch schon bei der Ursprungstournee mit dabei war.

      1. Markus Kerren

        Hi Jürgen,

        genau, das ist Chris Stainton, Cockerf’s engster vertrauter Mitmusiker in den ersten Jahren seiner Karriere. 1972 sollte die Chris Stainton Band übrigens ein neues Album einspielen, hatte aber keinen Sänger. Chris fragte Joe, der sich auch nicht lumpen ließ und die Scheibe ("Something To Say") einsang. Die sollte dann zunächst unter dem Namen Chris Stainton Band with Joe Cocker rauskommen, letztendlich stand dann aber tatsächlich NUR Joe Cocker auf dem Album-Cover. Das war dann – zumindest für lange lange Zeit – die letzte Zusammenarbeit der beiden was Plattenproduktionen betrifft.

        Chris Stainton war übrigens auch der Komponist von ca, 90 % der wenigen Songs, bei den Cocker als Co-Komponist bzw. Texter gewirkt hat. "Sandpaper Cadillac" und "Change In Louise" beispielsweise vom ersten Cocker-Album oder auch "That’s Your Business Now" vom zweiten Album. Tatsächlich erschreckend (da ungewohnt) viele Tracks steuerten die beiden mit für das Album "Something To Say" (das in den USA übrigens ohne Titel bzw. als "Joe Cocker" erschien, obwohl zwei Jahre vorher bereits eine Platte mit dem Titel "Joe Cocker!" rausgekommen war) bei. Mit "Pardon Me Sir", "High Time We Went", "She Don’t Mind", "Black-Eyed Blues" sowie "Woman To Woman" immerhin stramme fünf Stück. Dazu kam dann noch der Titeltrack "Something to Say", den Cocker zusammen mit Peter Nicholls geschrieben hatte. Danach fällt mir zu Cocker in Verbindung mit Songwriting nicht mehr viel ein. Gerade noch "I Get Mad" zusammen mit Jim Price für das Album "I Can Stand A Little Rain" (1974), aber sonst fällt mir da nicht mehr viel ein.

        So etwa Mitte/zweite Hälfte der Siebziger hatte Chris Stainton ein/e Projekt/Band namens Tundra, die ein Album veröffentlicht haben. Gefällt mir personlich nicht gut bzw. ich finde es nicht sehr stark. Naja, und später war Stainton dann für einige Jahre in Eric Claptons Band.

        1. Markus Kerren

          Nachtrag: Chris Stainton war also auch in der Anfang des Reviews erwähnten Grease Band (u. a. mit Henry McCullough an der Gitarre und Allen Spanner am Bass), die mit Cocker gerade eine Tour abgeschlossen hatte und anschließend aufgelöst wurde. Stainton war der einzige Musiker, der an Cockers Seite blieb und dadurch dann auch bei der "Mad Dogs & Englishmen"-Tour dabei war. Genau genommen war er der Grund, warum das Wort 'Englishmen' als vorletzten Buchstaben ein 'e' statt ein 'a' hat 🙂

  3. Markus Kerren

    Hi Thomas,

    vielen Dank für deinen Kommentar. "Mad Dog With Soul" hab ich natürlich schon gesehen und die ca. 60 Minuten sind tatsächlich sehr gelungen.

    Das Non Plus Ultra zu der Original-Tour von 1970 ist aber immer noch der Film "Mad Dogs & Englishmen", der eigentlich auch noch auf DVD erhältlich sein sollte.

    Markus

  4. Thomas

    Danke für deine Rezi. Ich empfehle hierzu die Doku "Mad Dog with Soul" bei Arte. Die besagte Tour wird darin ausgiebig gewürdigt.

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