Wie bereits George Harrison etwa sechs Wochen zuvor, erklärten sich auch The Who Anfang der siebziger Jahre dazu bereit, ein Konzert für die seinerzeit katastrophalen Zustände bzw. die Menschen in Bangladesh zu spielen, um den damit erzielten Gewinn zu spenden. Stattgefunden hat das Ganze dann am 18. September 1971 im Londoner Stadtteil Kennington und bevor das Quartett am Abend die Bühne betrat, hatten davor bereits mehrere Bands wie unter anderem Mott The Hoople sowie Lindisfarne das in Heerscharen erschienene Publikum bei Laune gehalten. Und nachdem die Who-Show dieses Endsommer-Abends immer wieder als Bootleg durch die Gegend schwirrte, ist sie nun vor wenigen Wochen ganz offiziell auf CD und Vinyl erschienen.
Die Band hatte eine Tracklist zusammengestellt, die etwa die Hälfte, sprich fünf von neun, der Songs ihres erst wenige Wochen davor veröffentlichten aktuellen Studioalbums Who’s Next, eine kurze Tommy-Episode sowie alte Hits enthielt. Soundtechnisch muss gesagt werden, dass hier gegenüber dem Bootleg mit Sicherheit noch einiges raus geholt wurde, wenn das Endergebnis einen audiophilen Hörer wahrscheinlich immer noch nicht glücklich machen wird. Dafür bekommen wir die Band hier so, wie sie sich damals auch tatsächlich anhörte. Spielerisch präsentierten sich die vier Londoner in guter Form und rockten wie gewohnt geradeaus nach vorne. Natürlich nicht, ohne auch die langsameren Stücke zu vergessen und somit ist hier eine richtig gute Version von "Behind Blue Eyes" enthalten. Wie alle damals neuen Stücke, von ein paar kleinen Schönheitsfehlern abgesehen, stark gebracht. Authentisch eben.
John Entwistle bringt seine Nummer "My Wife" bereits ziemlich früh im Set und als klassischer Anheizer wurde der "Summertime Blues" gewählt. Klasse auch, dass die älteren Tracks wie etwa "I Can’t Explain" oder "Substitute" immer noch mit soviel Spielfreude gezockt wurden, als wären sie gerade erst ganz frisch geschrieben worden. "Baba O’Riley" fehlte auf der Setlist, dafür wurde ein Cover von "Baby, Don’t You Do It" gebracht, ein Track, den der Rezensent bisher von The Who noch nie gehört hatte. Außerdem das Townshend-Stück "Naked Eye", das die Band zwar bereits seit 1969 im Live-Set hatte, das es aber nie auf ein offizielles Studioalbum schaffte. Veröffentlicht wurde es dann 1974 auf der Outtake-Compilation "Odds And Sods". Trotzdem klasse und selbst wenn man das unzerstörbare "My Generation" mal unkommentiert stehen lässt, so sei noch gesagt, dass auch die "Tommy"-Nummern "Pinball Wizard" sowie "See Me, Feel Me"/"Listeneing To You" richtig gut kommen.
Als letzter Song des Abends wurde dann noch knapp zehn Minuten zum "Magic Bus" gejammt, bevor die in jenen Jahren übliche Zerstörungsorgie der Kollegen Pete Townshend und Keith Moon ihren Lauf nahm. Letzten Endes ist "Live At The Oval" nicht nur für Fans und Sammler durchaus lohnenswert, da es wohl die ersten existierenden Live-Aufnahmen von Songs der "Who’s Next" enthält. Außerdem klasse für die Freunde unbearbeiteter Live-Aufnahmen. Hier kann man zwischen zwei Tracks auch mal Roger Daltrey aus dem Off hören, wie er einen Ordner anweist, einen Störenfried aus dem Publikum zu ziehen. Nur vom Sound darf man keinen Spitzenleistungen erwarten. Dazu gibt es ein dickes Booklet mit ausführlichen Liner Notes und coolen Fotos vom Konzerttag. Ach ja, und wer sich über den Songtitel "So Glad To See Ya" wundert: das Stück wird Roger Daltrey zugeschrieben, ist jedoch lediglich 65 Sekunden lang und eine mit Musik unterlegte Begrüßung der Fans. Kann man so machen!
Line-up The Who:
Roger Daltrey (harmonica, lead vocals)
Pete Townshend (guitar, background vocals, lead vocals – #)
John Entwistle (bass, background vocals, lead vocals – #3)
Keith Moon (drums & percussion)
Tracklist "Live At The Oval 1971":
- So Glad To See Ya
- Summertime Blues
- My Wife
- Love Ain’t For Keeping
- I Can’t Explain
- Substitute
- Bargain
- Behind Blue Eyes
- Won’t Get Fooled Again
- Baby, Don’t You Do It
- Pinball Wizard
- See Me, Feel Me/Listening To You
- My Generation
- Naked Eye
- Magic Bus
Gesamtspielzeit: 76:41, Erscheinungsjahr: 2025 (1971)



2 Kommentare
Markus Kerren
7. September 2025 um 17:02 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Hi Manni,
hm, ja, der Satz ist ein bisschen unglücklich ausgedrückt, da geh ich nochmal dran.
Dass es die Songs von "Who’s Next" aber schon von einem Konzert im April 1971 gibt, war mir allerdings tatsächlich nicht bekannt.
Danke für deine Ergänzung,
Markus .
Manni
6. September 2025 um 15:12 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Auch ich war erstaunt über den eher harschen Klang, da ist selbst der des Who-Konzerts beim Isle of Wight Festival 1970 ausgeglichener trotz der dort deutlich schlechteren Aufnahmebedingungen.
Letzten Endes ist "Live At The Oval" nicht nur für Fans und Sammler durchaus lohnenswert, da es wohl die ersten existierenden Live-Aufnahmen von Songs der "Who’s Next" enthält.
Markus, die Songs der "Who’s Next" aus dem Oval lagen alle schon zu früheren Zeitpunkten als Live-Aufnahmen vor. Die Konzerte mit diesen Aufnahmen stammen vom April 1971 (Young Vic Theatre, Lambeth, London) und Dezember 1971 (Civic Auditorium, San Francisco). Beide mit deutlich besserem Klang als die vorliegende CD.
Who’s Next deLuxe (2003) und Who’s Next / Life House (2023), wobei die 10-CD Edition "Life House" ebenfalls das Konzert aus dem Young Vic beinhaltet. Mehr "Who’s Next" geht nicht mehr…