»Was lange währt, wird endlich gut«, heißt das bekannte Sprichwort und wenn in diesen Worten auch viel Wahrheit steckt, so passt das nur zur Hälfte auf das Jubiläum des Labels Sireena Records.
25 Jahre Bestand werden in diesem Jahr gefeiert, was eine lange Zeit für ein spezialisiertes Label bedeutet. Aber sie sind nicht 'endlich' gut geworden, sondern waren das von Beginn an.
Vor zwanzig Jahren, also zum fünfjährigen Labelgeburtstag, erschien der Sampler Pearls Before Swine – 5 Years Sireena Records und einige der Bands auf dieser Kompilation sind auch heuer wieder auf der Zusammenstellung zu finden.
Das liegt daran, dass die Songs des Doppeldeckers zum Geburtstag nicht von Sireena Records, sondern von »Freunden, Gönnern und Fans des Labels« ausgesucht wurden. Mit Kiev Stingl, der Electric Family und den Multicoloured Shades sind drei meiner vorgeschlagenen Bands auf dem Sampler; wenn auch mit anderen Titeln, als von mir favorisiert. Aber genau das macht auch hier die Demokratie aus: Die Mehrheit sagt an.
Wer den Output von Sireena kennt, weiß ohnehin, dass da keine Schwachstellen im Programm sind. Vielleicht ist die ein oder andere Musikrichtung nicht immer die persönlich favorisierte (bei mir ist das z.B. Punk), aber Dank dem oft erwähnten Händchen für das Besondere, hat es das Label mit The Flying Klassenfeind geschafft, dass ich diese Band, die im Punk-Ordner abgeheftet ist, anhöre. Der Track "Sin City" ist hammergeil – und was könnte besser passen, als beim Hören dieses fast als Trinklied durchgehenden Stückes die sog. sündigste Stadt des Universums musikalisch vor Augen zu sehen?
Auch ganz toll, dass mit Henry Vahl einer DER deutschen Volksschauspieler im Backkatalog von Sireena verewigt ist, denn dieses Original ist unabhängig vom persönlichen Musikgeschmack wohl bei jedem, dem das Ohnsorg Theater ein Begriff ist, in guter Erinnerung. Wie wohl auch das weibliche Pendant, Heidi Kabel, die ebenfalls im Sireena-Regal steht und welchen Beweis braucht es noch, um die enorme Bandbreite des Labels zu dokumentieren?
Für die beiden Gründer Tom Redecker und Lothar Gärtner gab es nur eine Vorgabe: Musik, die beiden gefällt, sollte unter die Fittiche genommen werden und das bedeutet, dass es keine Tellerränder gibt, solange das Essen schmeckt. Leider ist Lothar Gärtner Ende 2005 nach schwerer Krankheit verstorben und Tom führte die Geschäfte alleine, bis 2008 mit Bernd Paulat die passende Verstärkung ins Boot kam. In unserem Interview zum zehnjährigen Jubiläum hat uns Tom Wissenswertes darüber und generell über Sireena Records erzählt. Auch zum 20-Jährigen gibt es ein schönes Gespräch mit Tom.
Nun aber wieder zum neuen Album: Die meisten Platten mit den Liedern in der untenstehenden Trackliste wurden in RockTimes behandelt und diese Rezensionen sind beim Klick auf die jeweilgen Links nachzulesen. Die Band Interzone ist in unserem Index. Allerdings ist auf Letzte Ausfahrt "Aus Liebe" nicht vorhanden und wenn er auf den ersten Blick auch so daherkommt, sollte man sich nicht täuschen lassen und die Worte des damaligen Rezensenten Markus beherzigen: »Nun sollte man allerdings nicht den Fehler machen, Interzone zur Neuen Deutschen Welle (NDW) zu zählen, zu der die Combo aus der Hauptstadt ohnehin nie zu zählen war«. So ist es nämlich, denn trotz des deutschen Textes und der zeitlichen Nähe, ist das starker Deutschrock und die Interzone-Wurzeln führen schließlich zu der Berliner Band Curly Curve. Unbedingt anchecken, sollte die Band also noch unbekannt sein.
Das gilt auch für Tri Atma. Diese deutsch-indische Band ist nicht nur an unserem Magazin vorbeigegangen, sondern auch an mir. 1977 in Hannover (wo eigentlich sonst?) gegründet soll Tri Atma eine der allerersten Bands gewesen sein, die fernöstliche Tunes in ihrem musikalischen Menü einbaute. Jazz-Rock-Fusion, Kraut, Reggae und etwas Elektronik waren weitere Beigaben und von allem hat "We Are Just Walking" etwas. Nicht zu viel von den einzelnen Zugaben, aber genug, um das Stück fröhlich und angenehm beschwingt durch die Minuten traben zu lassen. Auch Tri Atma ist eine Band, von der ich denke, dass es sich lohnt, mehr davon zu hören.
Hermann Lammers Meyer darf, ja muss man zu den deutschen Countrymusikern zählen, die auch im Mutterland des Country ernst genommen wurden und werden. Einen kleinen Einblick gibt es in einem Interview, dass Kollege Wolfgang vor dreizehn Jahren mit dem Norddeutschen geführt hat. Auf seinem Stück "The Part Where I Cry" auf dieser Kompilation ist der Musiker zusammen mit dem Outlaw Willie Nelson zu hören, was klar macht, wo und wie Herr Lammers Meyer einzuordnen ist. "The Part Where I Cry" ist Country pur, ist Country pur …
Drei Alben der Shiny Gnomes haben wir rezensiert und ich muss feststellen, dass der Song "What Ulli Says" darauf nicht enthalten ist. Die Kollegen Markus und Paul haben aber korrekt rezensiert, denn "What Ulli Says" passt perfekt in die Ecke psychedelischer Pop Rock. Dazu kommt eine klasse Reminiszenz an alte Psycho-Beats und ich kann mich nur wiederholen und die enorme Bandbreite nicht nur der vorliegenden Kompilation, sondern des Labels Sireena Records im Allgemeinen loben. Und natürlich auch ein dickes Lob an diejenigen, die das Programm für diese Jubiläumsausgabe zusammengestellt haben.
Gerne möchte ich diese mehr als zweieinhalb Stunden feinster Musik all denjenigen empfehlen, die wenig von Sireena kennen. Nicht nur weil viele der Platten limitiert und edel daherkommen, nicht nur weil viele der Platten (insbesondere die Split-Singles) mittlerweile Sammlerobjekte sind und auch nicht nur weil Sireena mittlerweile viele Lizenzen von anderen Labels erworben hat und Alben erstmalig auf CD veröffentlicht … Nein, durch diese 155 Minuten lange musikalische Sternstunde besteht die Gelegenheit ein Label kennenzulernen, dessen Macher natürlich schwarze Zahlen brauchen und Gottseidank wohl auch schreiben, aber die in allererster Linie nicht auf Teufel komm raus produzieren, sondern mit Herz und Verstand entscheiden, was es wert ist, veröffentlicht zu werden. Perlentauchern gleich, heben sie immer wieder Schätze, bereiten sie auf und wir Musikliebhaber dürfen uns darüber freuen.
Eine dieser Perlen ist das Album The Lost Tapes von Octopus. Diese verloren geglaubte Cassette wurde nach Jahrzehnten gefunden, von Sireena remastert und auf CD und Vinyl veröffentlicht. Leider ist nichts davon auf vorliegendem Sampler, aber empfehlen möchte ich neben "More Pearls Before Swine – 25 Years Sireena Records" auch dieses über 50 Jahre (Jesses!) alte Octopus-Kleinod.
Vielen Dank, Tom und Bernd, Gratulation zum Jubiläum und einen Toast auf die nächsten 25 Jahre …
Und nun die Reviews lesen, die viele der Bands und Songs beschreiben.
"More Pearls Before Swine – 25 Years Sireena Records" Tracklist:
- Islo Mob – Kaffee & Kuchen
- Interzone – Aus Liebe
- Kiev Stingl – Lila Diva
- Heroina – Dancing Barefoot
- Snowball – Hold On
- Pee Wee Bluesgang – Boudoir De Luxe
- Dead Guitars – Happy Sad
- Fee – Mach dich lieber anders tot
- Real Ax Band – Someone Else In My Skin
- Minne Graw – Träume Leben
- Snafu – Long Gone
- Ramses – Look @ Your Neighbours
- Tribute – Climbing To The Top
- Grobschnitt – Another Journey
- Tri Atma – We Are Just Walking
- Henry Vahl – Einer spinnt immer
- The Electric Family – What Is In Your Head, Fred
- Don Stevenson – Driven The Train
- The Multicoloured Shades – Somewhere Far Away
- Nautilus – Point Of Return
- The Pachinko Fake – He Made Love to a Sixpack
- The Perc Meets The Hidden Gentleman – The Infant King
- Jennifer Kowa – Lover Of Your Spirit
- Brian Parrish – Slow Riding
- Roman Bunka – Si Ga Ni Wa Ta
- Giants Dwarfs and Black Holes – Soul Trip
- Desperado – Herzlich Willkommen
- Hermann Lammers-Meyer & Willie Nelson – The Part Where I Cry
- Bad News Reunion – Water In My Eyes
- The Shiny Gnomes – What Ulli Says
- The Flying Klassenfeind – Sin City
Gesamtspielzeit: 79:41 (CD 1), 75:14 (CD 2), Erscheinungsjahr: 2025



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