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Tobias Meinhart / Sonic River – CD-Review

Tobias Meinhart / Sonic River - CD-Review

Erstmals lernte ich die Musik des aus einem kleinen Dorf in Bayern stammenden Saxofonisten Tobias Meinhart mit seiner Platte "Silent Dreamer" aus dem Jahre 2017 kennen. Die Musik des Albums hat mich seinerzeit bereits begeistern können, weil ich sie für eines der packendsten Beispiele für die Umsetzung von Jazz-Tradition in die Moderne betrachtete.

Meinhart widmete sich zunächst dem Schlagzeug, bis der Großvater ihn damit infizierte, sich dem Jazz-Saxofon zuzuwenden, im zarten Alter von dreizehn Jahren war das, und schließlich führte das dazu, dass Tobias den ersten Preis beim Wettbewerb "Jugend jazzt" gewann. Der Saxofonist Domenic Landolf wurde sein Mentor, es folgten Studienjahre in Amsterdam und Bern. Daraufhin verschlug es ihn, nun bereits über fünfzehn Jahre lang, nach New York City und dann konnte er rasch in die dortige Jazzszene eintauchen und wurde eine prägende Persönlichkeit in diesem Umfeld. Und genau dort, in den Sear Sound Studios in New York, wurden auch die elf Tracks der aktuellen Veröffentlichung "Sonic River" eingespielt. "Sonic River", das ist das Stichwort – denn dieses nunmehr bereits zehnte Soloalbum ist das erste, dass auf des Protagonisten eigenem Label erscheint, auf Sonic River Records! Produziert hat Matt Pierson, der bereits für Brad Mehldau und Joshua Redman tätig war.

Ein großer Schritt also, ebenso eine Art Freiheit, und wie Tobias es zur neuen Veröffentlichung ausdrückt: »Es geht auf dem Album um den Spirit des Jazz. Ich traue mich, das auszudrücken, was in diesem Moment gerade in mir vorgeht«.. Das deutet darauf hin, dass die Musik einen sehr persönlichen Ausdruck und viele Emotionen atmen wird. Bezüglich des Plattentitels kann man auch einen Rückschluss darauf ziehen, dass, so laut Pressemitteilung, Flüsse im Leben von Tobias Meinhart schon immer eine wichtige Rolle gespielt haben. War es zu Schulzeiten die Donau, die der in einem kleinen Ort in der Nähe von Regensburg aufgewachsene Saxofonist täglich überqueren musste, ist es heute der East River in New York.

Ebenfalls hält thematisch neben dem Wasser Literatur Einzug, literarische Bezüge dienten als Inspiration für Kompositionen und Arrangements. Hierzu stehen im Besonderen die beiden Gesangstitel des Albums, gesungen hat sie die Portugiesin Sara Serpa. Einmal ist es "The Panther" nach Rainer Maria Rilke und dann "Silencio", das sich an der argentinischen Lyrikerin Alejandra Pizarnik orientiert. So sind beide Texte sowohl im Original als auch in der englischen Übersetzung im aufklappbaren Booklet abgedruckt.

Aufgrund der Vielseitigkeit der Musik konnte ich mannigfaltige Eindrücke gewinnen, schließlich werden verschiedene Eindrücke, die sich persönlich unterschiedlich manifestieren können, als Vorlage geboten. So öffnen sich bei mir recht viele Assoziationsmöglichkeiten. Allein der Eröffnungstitel lässt mich spontan an John Abercrombie denken, wenn Charles Altura sein Solo vollzieht, der Protagonist selbst erweckt in mir spontan Gedanken an John Coltrane, wenn das Saxofonspiel mit ruhig und gedämpft wirkenden Ton mich in eine Fantasiewelt, geprägt von einem Gefühl der emotional verträumten Abwesenheit, hinüber trägt. Sehr gelungen empfinde ich auch das zeitweilige Zusammenspiel von Gitarre und Saxofon. Im Übrigen fühle ich mich zu Coltrane erneut hinversetzt, wenn das meditative "Korean Chant" erklingt, das trägt für mich Spuren von "A Love Supreme"!

Bei "After The Rain" zum Beispiel, erinnert mich so manche Passage an Musik von Wayne Shorter, sehr interessant sind auch die Elemente klassischer Musik, die durch das Pianospiel eingebracht werden. Auf "Mr. Vertigo" kann mich Charles Altura noch einmal begeistern, scheint er mit dem gedämpften und warmen Sound förmlich durch die Luft zu fliegen. Der Titelsong atmet die aus meiner Sicht höchste Stufe der Emotion, Matt Penman am Bass kann sich hier auch mit einem sehr warmherzigen Vortrag einbringen, insgesamt erstrahlen innerhalb dieser Atmosphäre ein dicker Hauch von Romantik und Schönheit, auch war es in diesem Zusammenhang ein guter Griff zum Sopransaxofon.

Grundsätzlich stammen alle Kompositionen von Tobias Meinhart, allein für "Where Did You Sleep Last Night" bediente er sich einer Vorlage des Blues- und Folk-Interpreten Leadbelly (Huddie Ledbetter), ein Song, der sogar bereits von der Band Nirvana gecovert wurde. Hier startet es recht funky und groovy, total cool. …, und bleibt auch so, Altura zeigt sich auch hier wieder als Gewinn, Ladin am Piano offenbart bei dem Stück eine andere Variante seines Könnens, ich spüre den Hauch Gospel in seinem Spiel.

Der Einsatz von Sara Serpa auf den Gesangstiteln (Tracks 7 & 8) bringt ein prickelnd südamerikanisches Feeling in die Stimmung und lässt sie beständig fließen, beim Gesang muss ich wiederum auch an Flora Purim denken. Insgesamt ergibt sich hinsichtlich der Auswahl der Songs und deren Zusammenwirken eine facettenreiche Werkschau mit ständig neu zu entdeckenden Varianten, ein wichtiger Bestandteil des Ganzen ist die Rhythm Section, durch ständige Bewegung des Drummers und das Alles verbindende Spiel des Bassisten. Einerseits überlassen sie den drei Solisten Spielraum zur Gestaltung, andererseits sind es auch genau die, die eine Verbindung eingehen, so dass man nicht umhin kann, alle beteiligten Musiker*innen als ein Ganzes, eine Einheit zu betrachten, die es vollbracht hat, alle elf Stücke auf ein hohes edles und emotional ausgeprägtes Niveau zu heben, elf Miniaturen von bildhafter Kraft. Und kraftvoll werden wir verabschiedet mit "Dark Horse", auch ein Song, der Elemente verschiedener Genres in sich zu bergen scheint, halt ein wenig über den "Tellerrand des Jazz'" hinaus … .

Und als Bewohner der Nordseeküste kann ich durchaus den Bezug zum Thema Wasser nachvollziehen, die Musik bewegt sich zwischen Zurückhaltung und Vorpreschen, eben wie Ebbe und Flut!


Line-up Tobias Meinhart:

Tobias Meinhart (tenor & soprano saxophone, alto flute)
Eden Ladin (piano, pump organ)
Matt Penman (bass)
Obed Calvaire (drums)
Sara Serpa (vocals – #7 & 8)
Charles Altura (guitar – #1, 3, 6, 7, 8, 9)

Tracklist "Sonic River":

  1. This Is Water (7:05)
  2. After The Rain (4:28)
  3. Mr. Vertigo (7:30)
  4. Sonic River (4:24)
  5. Fugue Y (7:05)
  6. Where Did You Sleep Last Night (4:41)
  7. The Panther (4:29)
  8. Silencio (5:46)
  9. Pinball (6:00)
  10. Korean Chant (3:59)
  11. Dark Horse (6:16)

Gesamtspielzeit: 58:08 Erscheinungsjahr: 2025

Über den Autor

Wolfgang Giese

Hauptgenres: Jazz, Blues, Country
Über mich: Althippie, vom Zahn der Zeit geprägt, offen für ALLE Musikstile
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Mail: wolfgang(at)rocktimes.de

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