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Suzi Quatro / A’s B’s & Rarities – CD-Review

Suzi Quatro / A's B's & Rarities

Wer in den 70ern auf Glam Rock-Bands wie The Sweet, Mud, Slade, Showaddywaddy und wie sie alle hießen stand, kam unweigerlich auch mit Suzi Quatro in Berührung.
Eine Fronfrau, die in ihrer Band im engem Lederoutfit und mit den zu dieser Zeit angesagten Plateau-Stiefeln selbstbewusst und leidenschaftlich die Bühnen rockte und den Bass zupfte, das war damals in einer hauptsächlich von Männern dominierten Welt nicht alltäglich und machte Quatro zur Ikone.

Seit ihrem Durchbruch mit dem von den beiden Komponisten Mike Chapman und Nicky Chinn geschriebenen Nummer-Eins-Hit "Can The Can" hat sie weit über 50 Millionen Platen verkauft. Nun gibt sie uns mit "A’s B’s & Rarities" einen tieferen Einblick in die frühen 70er Jahre ihrer Karriere.
Auf dieser Platte sind nicht nur die bekannten Klassiker wie das bereits erwähnte "Can The Can", "Devil Gate Drive", "48 Crash", "Daytona Demon", "Too Big", "The Wild One" oder auch "Your Mamma Won’t Like Me" zu finden, Ohrwürmer, deren Gerüst aus kernigen, aber sehr melodiebetonten Riffs bestehen.
Auch B-Seiten und Raritäten stellt sie uns vor und zeigt sich bei diesen von einer völlig anderen Seite. Und da wird es erst wirklich richtig interessant.

Beginnen wir mit dem, 1972 als A-Seite veröffentlichten, sehr eingängigen, melodiebetonten "Rolling Stone", das ganz ohne die Quatro-bekannten rockigen Elemente auskommt und in Portugal Platz 1 belegte. Dieser Song hat Ohrwurmcharakter. Auf der B-Seite hören wir das von Suzi selbst komponierte "Brain Confusion", ein schleppender Fingersnap-Blues, garniert mit feinem Background-Gesang. Als sie dieses Stück damals live performte, war der Musikproduzent Mickie Most dermaßen angetan, dass er ihr sofort einen Plattenvertrag anbot.
Das flotte "Ain’t Got No Home" ist eine wunderschöne Coverversion. Clarence 'Frogman' Henry veröffentlichte den Song im Jahr 1957 und Suzi machte diesen 1973 zu ihrem eigenen. Hört euch hier nur mal ihre wandelbare Stimme an, phantastisch! Über 30 Jahre blieb dieses Juwel im Verborgenen und wurde nun endlich wieder zu Tage befördert.
"Ain’t Got No Home" war die B-Seite ihres großen Hits "Can The Can".

"Ain’t Ya Somethin' Honey" ’suhlt' sich wiederum im Blues und zeigt sehr deutlich, dass sich die Musikerin und Komponistin gern mal ausprobieren und stilistisch nicht festnageln lassen wollte. Nur zu verständlich.
"Little Bitch Blue" rockt dann wieder gewohnt heftig und erinnert mich stellenweise etwas an "48 Crash".
"Roman Fingers" ist eine tanzbare, melodisch-luftige Nummer, in der sich die Protagonistin von ihrer sanften Seite zeigt, während bei "In The Morning" wieder der bekannt-typische Suzi-Sound geboten wird.
"I Wanna Be Fre" punktet durch tolle Gitarren-Hooks sowie Suzis klagend-rauchige Stimme.
Ich glaube, wer "Shake My Sugar" im Radio hören würde und nicht weiß, wer dahintersteckt, würde dieses Stück niemals der Rock-Lady zuordnen. Ein Rockabilly mit Jodeleinlagen. Ich für meinen Teil hab mich mächtig amüsiert, kann mir aber vorstellen, dass das nicht jedermanns Geschmack ist. Dennoch, ich finde diesen musikalischen Ausflug sehr mutig.

Und nun machen wir mit "Peter Peter" einen Abstecher ins funkige Metier was beweist, dass sie sich hier ebenfalls wohl fühlt. Mit feindosierten Gitarreneinlagen, Clavinet sowie Bläsern im Hintergrund (leider sind letztere nicht im Booklet aufgeführt) bekommt das Stück noch den letzten Schliff. Dieser Song erschien passend zu der Zeit, als Disco Funk die Charts stürmte.

Suzi Quatro und ihre Band beherrschen auch den Boogie, das beweisen sie eindrucksvoll mit "Tear Me Apart". Die Nummer hätte auf einem Stauts Quo-Album ebenfalls eine gute Figur gemacht. Sogar ein Honky Tonk-Piano kommt hier zum Einsatz. Gefällt mir außerordentlich gut. Genau so gut wie auch das folgende "Kids Of Tragedy", das im 70er-Jahre-Psychedelic Pop zu verorten ist.

Abgerundet wird die Platte mit dem fast elfminütigen "Angel Flight". Hier haben wir es mit einem völlig außergewöhnlichen Song zu tun, einem orchestralen, sehr epischen Werk, das uns mitnimmt auf eine Reise durch die vier Jahreszeiten. Ständige Rhythmuswechsel, dazu der Einsatz von Flöten, Klavier, Streichern und Klarinette verbreiten eine fast zauberhafte, manchmal auch düstere Stimmung. Vor meinem geistigen Auge erscheinen Bilder von einem Pferd, dessen Mähne im Wind weht und die Fantasie schlägt Purzelbäume.
Das Stück gehörte immer zu Suzis Lieblingsstiteln, wie sie selbst verriet. Aber es blieb – bis jetzt – unveröffentlicht.
»Angel Flight war seiner Zeit wirklich voraus. Ich wollte immer, dass es veröffentlicht wird…wunderbar, wunderbar…und eine großartige Produktion […] aber als es allen Beteiligten vorgespielt wurde, fanden sie es zu weit vom erwarteten Suzi-Quatro-Sound der damaligen Zeit entfernt.«

Schade eigentlich, dass dieses Schätzchen bis jetzt im Verborgenen geblieben ist.
Ich habe Kritiken gelesen, in denen ein Vergleich mit Jefferson Airplane erwogen wurde. Dem kann ich nur zustimmen.
Was hier geboten wird, ist ein absolutes Hammerwerk, das man wahrhaftig niemals von einer Suzi Quatro erwartet hätte.

Ich denke, Suzi Quatro-Fans werden diese Veröffentlichung als wahre Schatztruhe empfinden und lieben, Puristen werden weniger glücklich damit sein. Aber für diese gibt es ja immer noch die Best Of-Scheiben.

Diese Compilation ist erstmals auf Vinyl erhältlich und wurde auf 140 g schwerem rotem Glitzer-Vinyl gepresst. Weiterhin erscheint "A’s B’s & Rarities" auf CD. Mir hat die CD zu Rezensionszwecken vorgelegen.
Die Collection wurde von Phil Kinrade bei AIR Mastering anhand der Original-Masterbänder remastert.


 Line-up Suzi Quatro:

Suzi Quatro (vocals, bass)
Len Tuckey (guitars, backing vocals)
Alisstair McKenzie (keyboards, backing vocals)
Dave Neal (drums, backing vocals)

With:
Mick Waller (drums – #1)
Peter Frampton (guitar – #1)
Errol Brown (backing vocals – #1)
John 'Rabbit' Bundrick (keyboards – #2)
Alan White (drums – #2)
'Big' Jim Sullivan (guitar – #2)
Keith Hodge (drums – #2)

Tracklist A’s B’s & Rarities:

  1. Rolling Stone
  2. Brain Confusion (For All The Lonely People)
  3. Ain’t Got No Home
  4. Can The Can
  5. Ain’t Ya Somethin' Honey
  6. 48 Crash
  7. Little Bitch Blue
  8. Daytona Demon
  9. Devil Gate Drive
  10. In The Morning
  11. Too Big
  12. I Wanna Be Free
  13. The Wild One (Single Version)
  14. Shake My Sugar
  15. Your Mama Won’t Like Me
  16. Peter, Peter
  17. Tear Me Apart (Alternative Version)
  18. Kids Of Tragedy
  19. Angel Flight

Gesamtspielzeit: 75:00, Erscheinungsjahr: 2025

Über den Autor

Ilka Heiser

Hauptgenres: Classic Rock, Blues Rock, Heavy Rock
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