Für die Kollegen Ronnie Lane, Ian McLagan und Kenney Jones war es ein absoluter Albtraum. Wurden sie in der Silvesternacht von 1968 auf 1969 bereits einmal von einer Frontmann-Diva namens Steve Marriott mitten in einem Konzert ver- und im Stich gelassen, so bahnte sich spätestens ab Herbst 1972 die Wiederholung einer solchen Katastrophe an. Aber zurück zum Anfang: Nach dem Abgang von Marriott fand das verbliebene Trio mit ihrem Kumpel Ron Wood recht schnell einen neuen Gitarristen und war damit fürs Erste zufrieden. Der gute Woody war aber wohl der Meinung, dass Ronnie Lanes Gesang auf Dauer nicht powervoll bzw. zwingend genug war, zumindest nicht um die USA zu 'knacken', und brachte zu den Proben seinen alten Jeff Beck Group-Bandkollegen Rod Stewart mit. Etwa 43 Diskussionen und 537 Pints Lager später stimmten die zunächst sehr skeptischen drei Musiker der Aufnahme des Sängers in die Band zu. Nachdem nun aus den Small Faces also die Faces geworden waren, unterschrieb die Combo einen Plattenvertrag. Kurz zuvor hatte Stewart zusätzlich einen Deal für seine Solokarriere abgeschlossen und fuhr somit zweigleisig.
Da er für seine ersten Soloalben die Faces-Musiker als Backing Band einsetzte, das neue Quintett auch eigene Alben aufnahm und somit Nonstop-Tourneen gefahren wurden, war die Combo beschäftigt und glücklich. Dann hatte der Frontmann 1971 mit der Solo-Single "Maggie May" (das eigentlich die Single-B-Seite zu "Reason To Believe" war) einen wahren Monster-Hit, dem noch einige weitere folgten und 'Rod The Mod' war plötzlich ein Superstar und in aller Munde. Stewart selbst verlor dagegen immer mehr sein Interesse an der Band und hatte ständig irgendwelche Ausreden am Start, wenn Aufnahmetermine anstanden. Für das vierte Studialbum der Band ließ er sich in den ersten zwei Wochen der Sessions ohne ein Wort überhaupt nicht blicken. Klar waren die anderen vier Musiker stocksauer und als der Sänger endlich auftauchte, war die Stimmung auch nicht gerade prickelnd. Der Produzent Glyn Johns hatte alle Hände voll zu tun, um den Frieden zu bewahren und die Aufnahmen voran zu treiben. Und was kam dabei heraus? Ein wundervoll 'dreckiges' Rockalbum, das aber auch die folkigere bzw. sanftere Seite der Band zeigte, wofür in erster Linie Ronnie Lane verantwortlich zeichnete.
Auf der damaligen ersten LP-Seite herrscht jedoch vorrangig fetziger, manchmal rumpelnder und nach vorne treibender Rock der ersten Güte. Ein perlendes Piano eröffnet das Album und somit auch den Song "Silicone Grown", bevor bereits nach wenigen Sekunden Woods Gitarre übernimmt und schließlich der Rest der Band und auch der Gesang einsetzen. Gut drei Minuten stampfender Rock aus der Feder Stewart/Wood. "Cindy Incidentally" war die erste Single-Auskopplung und haut in dieselbe Kerbe, selbst wenn hier die Gesangslinien etwas melodischer und durchdachter rüberkommen. Sehr ähnlich gestrickt sind "My Fault" sowie "Borstal Boys", wobei es sich bei der letztgenannten Nummer um eine der besten des Albums handelt. Auf der A-Seite wird es also lediglich bei dem von Ronnie Lane gesungenen "Flags And Banners" etwas ruhiger. Dennoch ein klasse Song, der darüber hinaus Abwechslung auf die erste Hälfte des Albums zaubert.
Der einzige etwas schwächere Song der Platte ist das die zweite Seite eröffnende Instrumental "Fly In The Ointment". Spaß macht auch dieser Track, allerdings fällt er gegenüber allen anderen dann doch ab. Zurück zu Ronnie Lane, der die Hauptstimme bei "Glad And Sorry" übernommen hat, unterstützt von Ian McLagan und Ron Wood. Ein feines Piano, ein fetter Bass und dennoch eine sehr folkige Ausrichtung. Sehr schön. Für "Just Another Honky" ist Rod Stewart zurück am Mikro. Die fetzigen Rocker von Seite 1 des Albums sind auf der zweiten Hälfte komplett verschwunden und so stellen sowohl dieses Stück wie auch "If I’m On The Late Side" die andere, mehr reflektierende und sanftere Seite der Band dar. Klasse. Und schließlich ist da noch der Titeltrack, bei dem es sich um den ersten im Aufnahmestudio von Ron Wood eingesungenen Song überhaupt handelt. Eine feine folkige Ballade mit einem starken Piano-Alleingang von McLagan und Slide-Solo von Woody.
Für dieses Review lag dem Rezensent eine frühe CD-Ausgabe (aus den Neunzigern, wenn ich mich richtig erinnere) des Albums vor, die seltsam und schrecklich dumpf klingt. Ganz sicher nicht der Sound, den man mit einem Meister-Produzenten wie Glyn Johns in Verbindung bringt. Die Vermutung liegt sehr nahe, dass es an der damaligen miserablen Überspielung auf CD liegen muss. Zu einer Zeit, als jedes Album, das bei Drei nicht schnell genug auf den Bäumen war, ganz schnell auf Silberlinge gepresst wurde, um so viel Kohle mit alten Alben wie möglich zu machen. Denn wenn "Ooh La La" bei Erscheinen so geklungen hätte wie diese CD-Ausgabe, dann wäre die Scheibe damals ganz sicher nicht auf Platz 1 der britischen Charts gelandet.
Wie dem auch sei, für die Faces standen die Zeichen der Zeit in Großbuchstaben an der Wand. Ronnie Lane, der immer das Herz der Band war, verließ die Gruppe Mitte 1973 nur wenige Monate nach Erscheinen von "Ooh La La" und machte – leider ziemlich erfolglos – solo weiter. Der letzte Tropfen, der das Fass bei ihm zum Überlaufen brachte war wohl der, dass Rod Stewart jedem der großen englischen Musik-Magazine erzählte, was für ein beschissenes Album "Ooh La La" eigentlich sei. Die Faces veröffentlichten in den nächsten beiden Jahren gerade mal noch zwei Singles, bis Rod Stewart Ende 1975 komplett die Brocken hinwarf, Ronnie Wood im Anschluss fest zu den Rolling Stones wechselte und Ian McLagan sowie Kenney Jones zusammen mit Steve Marriott (aber ohne Ronnie Lane) eine Small Faces-Reunion starteten, die nach wenigen Jahren und zwei Alben aber auch mehr oder weniger im Sand verlief.
Man kann sicher darüber diskutieren, welches das beste Studioalbum der vier Faces-Werke war, dem Verfasser dieser Zeilen gefallen sie – mit Ausnahme des deutlich schwächeren "Long Player" – alle sehr gut. Wer die Band also bisher nicht kannte, sollte unbedingt mal deren Alben First Step, "A Nod’s As Good As A Wink … To A Blind Horse" oder eben "Ooh La La" anchecken.
Line-up Faces:
Rod Stewart (banjo & additional guitar – #3, lead vocals – #1,2,4,5,7,9)
Ronnie Wood (lead & rhythm guitars, slide, acoustic guitars, electric bouzouki, co-lead vocals – #4,8, lead vocals – #10)
Ronnie Lane (bass, rhythm & acoustic guitars, tambourine, percussion, lead vocals – #3,8)
Ian McLagan (piano, organ, harmonium, background vocals, co-lead vocals – #8)
Kenney Jones (drums & percussion)
With:
Neemoi 'Speedy' Aquaye (congas & shakers & percussion – #6)
Tracklist "Ooh La La":
- Silicone Grown
- Cindy Incidentally
- Flags And Banners
- My Fault
- Borstal Boys
- Fly In The Ointment
- If I’m On The Late Side
- Glad And Sorry
- Just Another Honky
- Ooh La La
Gesamtspielzeit: 30:24, Erscheinungsjahr: 1973



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