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Big Mouth Blues – Zum 80. Geburtstag von Gram Parsons

Big Mouth Blues - Zum 80. Geburtstag von Gram Parsons - Zwischenruf

Nein, er ist und wird natürlich nicht zurückkommen, wie es der erste Titel seines letzten Albums ("Grievous Angel", 1974), "The Return Of The Grievous Angel", suggerieren mag. Der amerikanische Musiker, Visionär, Songwriter und Sänger Gram Parsons hat diese Welt am 19. September 1973 im Alter von 26 Jahren für immer verlassen. Am gerade vergangenen 5. November 2026 hätte er ansonsten seinen 80. Geburtstag gefeiert, was wir zum Anlass nehmen, noch einmal in die kurze Zeit seines Schaffens einzutauchen.

Der Grund dafür ist recht simpel: Gram Parsons war in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren einer der wenigen kreativen Geister, die das erfanden, was damals Country Rock und heute Americana bzw. Alternative Country genannt wird. Und dabei hat er ganze Arbeit geleistet, selbst wenn es für ihn eher brotlose Kunst war. Aufgegriffen wurde dieser Sound bzw. Stil von vielen anderen Bands und letztendlich waren es in erster Linie The Eagles, die den ganz großen Durchbruch damit hatten und millionenfach Alben verkauften. Waren es, von späteren Veröffentlichungen seiner Folk-Phase Mitte der Sechziger mal abgesehen, lediglich sechs Studioalben auf denen Parsons wirkte, so hatten diese riesengroßen Einfluss auf die Szene an der Westküste, später auf die ganze USA und nochmal etwas später auf die ganze Welt.

Los ging alles mit der Anfang 1968 veröffentlichten Platte "Safe At Home" der International Submarine Band, bei der Parsons bereits der klare Leader war.Hier wurde eine Art von Country Rock zelebriert, die man in den USA in dieser Form noch nicht gehört hatte. Alleine der Opener "Blue Eyes" besticht mit deutlich dominanteren Drums und einem Beat, der deutlich offensiver war, als dies bis dahin in der Country-Musik praktiziert wurde. Weitere Perlen auf diesem Pionier-Album waren und sind das Medley "Folsom Prison Blues/That’s Allright, Mama", Jack Clements "Miller’s Cave" und auch das eigenkomponierte "Luxury Liner". Veröffentlicht auf einem Mini-Label war aber allen Beteiligten klar, dass diese Reise nicht besonders weit gehen wird. Und dann musste Gram Parsons mal eben auf die Bank, um etwas Geld abzuheben.

Dabei kam es zu dem Treffen mit Chris Hillman, währenddessen dieser ihn zu einer Probe der Byrds einlud, die gerade nach einem Keyboarder suchten. Es dauerte nicht lange, bis Parsons neues Band-Mitglied war und … alle Pläne für das nächste Album über den Haufen warf. Roger McGuinn hatte eine Platte geplant, auf der sich alle möglichen in den USA mal populären Musik-Stile befinden sollten, wurde aber bald vom Rest der Band überstimmt, lieber mit der Idee von Parsons und einem Country Rock-Album weiter zu machen. Das letzten Endes veröffentlichte "Sweetheart Of The Rodeo" hört sich heutzutage zwar etwas handzahm an, wurde jedoch nach den Aufnahmen noch kräftig nachbearbeitet. Unter anderem gab es rechtliche Probleme mit Parsons altem Label, sodass dessen Gesangsspuren fast alle wieder von den Songs genommen werden mussten, um im Anschluss von McGuinn neu eingesungen zu werden. Das etwas unrühmliche Ende der lediglich ein paar Monate dauernden Periode bei den Byrds fand statt, als Parsons in London Freundschaft mit Keith Richards schloss und sich entschloss, lieber weiter mit dem Stones-Gitarristen abzuhängen, anstatt mit den Byrds auf eine Tour durch das von Apartheit verseuchte Südafrika zu gehen.

Sprung ein paar Monate nach vorne: Die besagte Byrds-Tour wurde zum Desaster und war einer der der letzten Tropfen, warum Chris Hillman ebenfalls aus der Band ausstieg. Gram und Chris fanden wieder zueinander und gründeten The Flying Burrito Brothers. Aber nicht nur das, mit dem ersten Album The Gilded Palace Of Sin legten sie einen absoluten Klassiker dieses Genres vor. Leider nur war die Band mit der Scheibe und Songs wie "Christine’s Tune", "Hot Burrito #1", dem souligen "Dark End Of The Street", "My Uncle" oder "Hot Burrito #2" ihrer Zeit weit voraus, sodass die Platte im Sande verlief. Etwa zu dieser Zeit verlor Parsons dann allerdings auch die Kontrolle über seinen Alkohol- und Drogenkonsum, was der Band ganz sicher nicht weiterhalf. Ein halbherziges zweites Album ("Burrito Deluxe", 1970) war dann auch weitaus schwächer, selbst wenn es den Rolling Stones-Song "Wild Horses" enthielt, den die Kollegen um Mick Jagger seinerzeit noch gar nicht selbst rausgebracht hatten.

Gram Parsons wurde schließlich von der Band aufgrund seiner Nachlässigkeiten gefeuert und entschloss sich zu einer Solokarriere. Nachdem er die junge und noch vollkommen unbekannte Sängerin Emmylou Harris kennengelernt hatte, entwickelten sich die beiden zu einem traumhaften Gesangspaar. Mit GP, für das gleich mehrere Musiker aus Elvis Presleys Begleitband verpflichtet werden konnte, entstand ein weiteres Country Rock-Meisterwerk. Als Highlights dürfen an dieser Stelle die Tracks "Still Feeling Blue", "Streets Of Baltimore", "She", "Cry One More Time" oder der "Big Mouth Blues" genannt werden, wobei diese auch nur die Spitze des Eisbergs bilden. Die sich anschließende Tour fand vor kleinem Publikum statt und die sich deutlich mehr aufs Feiern statt auf die Musik konzentrierenden Musiker wurden relativ bald von Miss Emmylou Harris in die Mangel genommen, um endlich konzentriert zu proben. Was wahre Wunder bewirkte, wie man auf dem sehr guten Live-Album "Live 1973" von Gram Parsons &The Fallen Angels feststellen kann.

Nach der Tour ging es relativ schnell wieder ins Studio, um den Nachfolger "Grievous Angel" einzuspielen. Diese Platte wird von den sogenannten Musik-Experten in öffentlichen Kanälen in der Regel als Parsons Meisterwerk angesehen. Dem kann man, muss man aber nicht zustimmen, was der Scheibe jedoch nichts von ihrer Klasse nimmt. Auch hier sind, allen anderen voran "Return Of The Grievous Angel", mit "Brass Buttons", "$ 1000 Wedding", "Ooh Las Vegas" oder "In My Hour Of Darkness" echte Perlen vertreten. Nachdem die Aufnahmen abgeschlossen waren, galt es erstmal ein bisschen Urlaub zu machen, bevor die Promo-Maschinerie und eine weitere Tour auf der Agenda standen. Leider konnten den Musiker jedoch weder seine Ehefrau Gretchen, noch die ihm sehr nahe stehende Emmylou Harris von seinen schlechten Angewohnheiten abhalten und so kam es dann zu der dramatischen Nacht, als der Protagonist in den frühen Minuten des 19. September 1973 in einem Motel-Zimmer an den Folgen einer Alkohol- und Morphium-Überdosis verstarb.

Gram Parsons hatte zeitlebens keinen nennenswerten Erfolg mit seinen Alben, dennoch gelten diese bis heute als Genre-bildend und Inspiration für unzählige Bands und Musiker. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten so einige Bands, die den in Florida geborenen Visionär in ihren eigenen Songs gewürdigt haben. Wer die Fahne jedoch von jeher und bis heute ganz hoch hängt und sein Licht nicht verglimmen lässt, ist Emmylou Harris. Miss Harris hat über die Jahrzehnte immer wieder Parsons Songs auf ihren Alben (u. a. mit dem direkt an Gram gerichteten Track "The Road" aus dem Album Hard Bargain, 2011) und Konzerten zelebriert und spricht noch heute in den höchsten Tönen von dem viel zu jung verstorbenen Amerikaner. Der Verfasser dieser Zeilen hatte einmal in den 2010er Jahren das Glück die gute Emmylou zusammen mit Rodney Crowell in Berlin live zu erleben. Eine zunächst positiv nervöse Vorfreude wandte sich dann beim ersten Song des Abends, "Return Of The Grievous Angel", in knappe fünf Minuten, die den Autor emotional komplett in seine Einzelteile zerlegte. Ein Zustand, dem das direkt folgende "If I Needed You" von Townes Van Zandt nicht gerade hilfreich war. Ein wunderschönes und aufwühlendes Konzert, das ich nie vergessen werde.

Aber wie dem auch sei, wer Gram Parsons bzw. sein Werk nicht kannte, dem seien zum Einstieg in erster Linie die Platten "GP", "Live 1973" und "The Gilded Palace Of Sin" ans Herz gelegt. Aber auch alle weiteren, mit Abstrichen bei "Burrito Deluxe", sind es unbedingt wert, entdeckt zu werden. In diesem Sinne: Herlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag, Gram, selbst wenn du ihn nie erlebt hast!

Über den Autor

Markus Kerren

Hauptgenres: Roots Rock, Classic Rock, Country Rock, Americana, Heavy Rock, Singer/Songwriter
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Mail: markus(at)rocktimes.de

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