Ich liebe Algorithmen und KI – jedenfalls dann, wenn sie mir Vergessene Perlen in die Hörmuscheln spülen bzw. in den Augen ein Strahlen erzeugen. So bekam ich kürzlich bei YT Ausschnitte eines Live-Konzerts von Fleetwood Mac aus dem Jahr 1997 zu Gehör bzw. zu Gesicht. Die weckten sofort mein Interesse, bis ich entdeckte, dass auch das gesamte Konzert dort verfügbar ist: "The Dance", ein auf MTV ausgestrahlter Live-Auftritt aus einem Studio in Los Angeles. Spätestens, als ich die Ansagen von Christine McVie zwischen den letzten Songs (dazu später) hörte, kam mir das Ganze doch sehr bekannt vor. Und tatsächlich habe ich die CD-Version des Konzerts ’seit 100 Jahren' (sprich: seit der Veröffentlichung im Jahr 1997) in meinem Bestand. Doch die Menge von seither gehörter 'guter Musik' lässt älteres Material manchmal in Vergessenheit geraten, was bezüglich des vorliegenden Albums äußerst bedauerlich ist.
1997, als Fleetwood Mac eigentlich schon praktisch tot waren (Studio-Aufnahmen der Band hat es seitdem m.W. nicht mehr gegeben; sieht man von dem 2003er Album "Say You Will" ab, bei dem aber Christine McVie bereits nicht mehr Mitglied von Fleetwood Mac war), gingen sie noch einmal auf große Reunion-Tournee (US only). Eingeleitet wurde diese durch besagtes Konzert, das noch vor dem Tour-Start im Fernsehen ausgestrahlt wurde und Appetit machen sollte auf das, was die Band noch einmal präsentieren wollte.
1997, genau 20 Jahre nach der Veröffentlichung ihres Mega-Sellers Rumours. Und so verwundert es nicht, dass rund ein Drittel der gespielten Songs diesem Album entstammten. Der Rest waren Nummern aus im wesentlichen noch älteren Scheiben von Fleetwood Mac, insbesondere vom gleichnamigen 'Debütalbum' der Band in der vorliegenden Besetzung aus dem Jahr 1975. Vom "Rumours"-Nachfolger "Tusk" hingegen wurde nur der Titelsong präsentiert (was mich nicht wundert, denn ich war seinerzeit nach dem Mega-Album "Rumours" von "Tusk" mehr oder weniger enttäuscht; der Funke wollte jedenfalls nicht überspringen. Einzig der Titel-Song (auch dazu noch später) blieb in Erinnerung. Ergänzt wurde die Set-List durch Solo-Nummern insbesondere von Lindsey Buckingham sowie vier neue Songs, die es meines Wissens auf kein Studio-Album geschafft haben; das äußerst eingängige "Temporary One" wurde immerhin im selben Jahr noch als Single veröffentlicht.
Die Filmaufnahmen zeigen die Professionalität, aber auch die Spielfreude der Band. Insbesondere der Namensgeber, seinerzeit bereits 50 Jahre alt, sprüht vor Energie und scheint wirklich Spaß gehabt zu haben an dem Gig. Die In-Ear-Kopfhörer, die ihm ja als Monitor-Boxen dienen sollen, hingen schon bald lässig über den Schultern. Was braucht ein Profi wie er solche technische Unterstützung? Überhaupt: 'The most underrated rhythm section im Rock-Business', die beiden Gründungsmitglieder der Ur-Fleetwood Mac, Mick Fleetwood an den Drums sowie John McVie am Bass, bereiten mit ihrer ganzen Routine den Boden für die übrige Band. Erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang aber auch noch den Percussionisten Lenny Castro, der viele Jahre später noch Joe Bonamassa unterstützt hat, insbesondere auf dessen Tour De Force im Jahr 2014.
Das gesamte Konzert wird routiniert (im positiven Sinne) dargeboten, mit launigen Ansagen insbesondere von Lindsey Buckingham zwischendurch. Auch wie er phasenweise seine Gitarre(n) malträtiert, macht beim Zuschauen/-hören Spaß. Das Publikum vor Ort hatte jedenfalls großen Spaß an diesem Auftritt (ich – beim Abspielen der Konserve – übrigens auch!); soweit möglich, hat es dazu getanzt.
Den Höhepunkt des Konzerts bieten – wie so oft – die letzten drei Songs, die bereits als Zugaben präsentiert werden: Den Anfang macht das bereits angesprochene "Tusk": Die Originalaufnahme des Songs hatten Fleetwood Mac zusammen mit der USC Trojan Marching Band eingespielt, aber wie kann man das konzertant präsentieren? Indem tatsächlich mit dem Beginn eines Schlagzeug-Solos von Mick Fleetwood die ortsansässige USC Trojan Marching Band mit zahllosen, in trojanische Uniformen gekleideten Bläsern und Drummern die Bühne betritt! Diese geben dem Stück eine Klangfülle, die schlicht unbeschreiblich ist. Mick Fleetwood hatte die Idee hierzu anlässlich eines Besuchs in Frankreich, wo er – verkatert – eine Brass Band erleben 'durfte'. Die eigentliche Idee war sogar, bei der nächsten Tournee in jeder Stadt mit der örtlichen Brass-Band zusammenzuspielen; verwirklicht wurde die Idee m.W. einzig bei dem vorliegenden Konzert!
Doch damit nicht genug: Mit dem Hinweis von Christine McVie, dass die Band den folgenden Song noch niemals mit einer Brass-Section gespielt hätte, geht es fast übergangslos über zu ihrem Mega-Hit "Don’t Stop", dem die Brass-Section zusätzlich enorme Energie verleiht. Als diese Musiker schlussendlich die Bühne (sowie den Orchestergraben) verlassen, verschwinden auch die Mitglieder von Fleetwood Mac im Untergrund – bis auf Christine McVie, die abschließend solistisch am Klavier die äußerst einfühlsame Ballade "Songbird" vorträgt; ein berührender Abschluss eines wundervollen Konzerts.
Fast 30 Jahre nach diesem Event gibt es keinen Grund, sich dieses Konzert nicht entweder als Film-Konserve oder aber als Ton-Konserve zu Gemüte zu führen; ich empfehle (nicht nur der Vollständigkeit halber) ausdrücklich die DVD, die aktuell für einen sehr günstigen Kurs zu bekommen ist. Diese beinhaltet zwar keinerlei Booklet, dafür jedoch eine andere Überraschung: Ohne, dass ich hierfür vorab eine entsprechende Produktinformation gelesen hätte, bekommt man einen doppelseitig(!) bespielten Silberling (für mich eine absolute Novität). Und lediglich im Innenkreis findet man jeweils einen Aufdruck 'Side A Dolby Digital 5.1' bzw. 'Side B LPCM Stereo'. Letzteres, die sog. 'Linear Pulse Code Modulation' ist ein unkomprimiertes Audioverfahren, das den Ton exakt in seiner ursprünglichen, verlustfreien Qualität wiedergibt. Sei es wie es ist: der Sound der DVD – egal welche Seite man abspielt – ist sensationell. Wer Vergleichbares von der Bildqualität erwartet, wird hingegen enttäuscht: Wer UHD erwartet oder 4K, ist hier falsch. Es handelt sich immerhin um eine Aufnahme aus dem vorigen Jahrtausend. Dafür ist die Bildqualität aber in Ordnung, jedenfalls, wenn man den Bildschirm auf das Seitenformat 4:3 einstellt. Und sie ist allemal besser als die auf YT verfügbare Version.
Line-up Fleetwood Mac:
Lindsey Buckingham (lead guitar & vocals)
Christine McVie (lead vocals, keyboard)
Mick Fleetwood (drums)
John McVie (bass)
Stevie Nicks (lead vocals)
u.a.
Tracklist "The Dance":
(DVD; CD mit kürzerer, zudem leicht abweichender Reihenfolge):
- The Chain
- Dreams
- Everywhere
- Gold Dust Woman
- I’m So Afraid
- Temporary One
- Bleed To Love Her
- Gypsy (DVD only)
- Big Love
- Go Insane (DVD only)
- Landslide
- Say You Love Me
- You Make Loving Fun
- My Little Demon
- Silver Springs
- Over My Head (DVD only)
- Rhiannon (DVD only)
- Sweet Girl
- Go Your Own Way
- Tusk
- Don’t Stop
- Songbird (DVD only)
- Don’t Stop [Music Over Credit Roll] (DVD önly)
Gesamtspielzeit: 80:00 (CD), 104:00 (DVD), Erscheinungsjahr: 1997





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