Der in Texas geborene und aufgewachsene Amerikaner Townes Van Zandt war ein Musiker und Sänger, der Zeit seines Lebens keine riesengroße Fan-Gemeinde hatte, geschweige denn Mainstream-Akzeptanz genießen durfte. Dennoch durfte er für sich verbuchen, bereits seit Ende der sechziger Jahre als – damals noch – lebende Kult-Figur zu gelten, die Musiker und Komponisten der nächsten Jahrzehnte und bis heute inspiriert und beeinflusst hat. Fast ebenso legendär wie die von ihm hinterlassene Musik ist sein Lebensstil. Immer am Limit, immer in die Fratze des Abgrunds starrend und mit einem Bein bereits im Grab trotzte er Gevatter Tod jedoch wesentlich länger, als ihm dies bereits in jungen Jahren vorausgesagt wurde. Und selbst wenn sein musikalischer Output – sprich Studioalben mit neuen Songs – bereits aber Mitte der siebziger Jahre doch sehr überschaubar wurde, so hatte er mit seinen ersten sechs Alben bereits ein Gesamtwerk kreiert, für das so manch anderer Musiker – hinsichtlich Qualität und Tiefe – gleich mehrere Leben benötigen würde.
Der Verfasser dieser Zeilen lernte Van Zandt in den letzten Jahren des alten Jahrtausends kennen, als ihm ein ebenfalls musikbegeisterter Arbeitskollege eine CD mit der dringenden Anweisung übergab, diese in Ruhe anzuhören. Aus einem vollkommen bescheuerten Grund (der Name des Musikers war mir unsympathisch) legte ich die Scheibe erst viel später, es war so etwas wie eine 'Best of', eines Abends in den Player und widmete mich irgendwelchen Freizeit-Aktivitäten am PC. Spätestens beim zweiten Track wurde ich allerdings unruhig, beim dritten grummelte es erheblich in der Magengegend und spätestens beim fünften Song war mir – tief in der Seele getroffen – klar: »Oh Mist, das kann ich mir nicht weiter anhören!!!« Selbstverständlich war es längst zu spät, Townes hatte mich an den (sorry!) Eiern gepackt und ließ nicht mehr los. Um es etwas 'weltlicher' auszudrücken, hatte er mich mit seinen Melodien, seinem Gesang und diesen Songs umgehend in den Bann gezogen.
»Von diesen großartigen Songs mal ganz abgesehen, hat Townes Van Zandt der Menschheit vor allem einen riesengroßen Dienst erwiesen: Er hat sich an brandgefährliche Orte im Hirn und der Seele der Menschheit gewagt, um uns davon zu berichten. Viele von uns hat er dadurch davor bewahrt, selbst in die Hölle schauen zu müssen.«
(Guy Clark, 1999)
Direkt an diesem ersten Tag des Kennenlernens entstand eine tiefe bzw. – wenn man so will – 'Liebesbeziehung', die bis zum heutigen Tag anhält. Dabei ist die Musik von Mr. Van Zandt ganz sicher keine, die man sich jeden Tag zu Gemüte führen kann. Denn dafür ist sie alleine emotional schon viel zu aufgeladen und kann – im falschen Moment gewählt – schon mal viel zu tief gehen. An anderen Abenden, wie beispielsweise der größten Lebenskrise des Schreiberlings ca. zehn Jahre nach dem ersten Hören, war sie Balsam auf der Seele und der größte Trost, den er finden konnte. Danke dafür, Townes! Wer weiß, welchen Blödsinn ich damals sonst so angestellt hätte. Aber natürlich sind diese großartigen Songs auch ansonsten etwas ganz Besonderes.
Townes Van Zandt wurde in ein reiches Elternhaus geboren, wurde jedoch als Teenager ein Opfer der damals in den USA gerne angewandten Elektroschock-Therapien, die ein Arzt seinen Eltern aufgrund auffälliger Verhaltensweisen (beispielsweise ließ er sich während einer Party mal rückwärts vom Balkon aus dem 3. Stock fallen, nur »…um zu erfahren, wie sich das so anfühlt…«) empfahl. Als die Behandlung abgeschlossen war, war Townes endgültig fürs Leben gezeichnet. Noch jung, heiratete er das erste Mal und nach weiteren Rückschlägen (selbst das US-Militär lehnte ihn wegen seiner Vorgeschichte ab) fand er glücklicherweise ein Ventil durch die Musik und sein Songwriting. Nicht lange nach der Hochzeit schnallte er sich seine Gitarre um und war ständig unterwegs. Von einer Bühne zur nächsten, von einem Sofa bei irgendeinem 'Kumpel' zum nächsten. Allerdings ergatterte er dadurch auch einen Plattenvertrag, der im Jahr 1968 zu seinem Debütalbum "For The Sake Of The Song" führte.
»Sometimes I don’t know where
this dirty road is taking me
Sometimes I can’t even see the reason why
I guess I keep a-gamblin'
lots of booze and lots of ramblin'
it’s easier than just waitin' around to die«
(aus dem Song "Waitin' Around To Die", 1968)
Handelt es sich bei diesem Erstwerk noch um eine Veröffentlichung mit starken Songs, die jedoch geradezu erschreckend unfachmännisch 'kaputt'-produziert wurden, so begann die große Kunst des Townes Van Zandt auf Schallplatte mit seinem zweiten Werk "Our Mother The Mountain" (1969). Gefolgt wurde dies mit zwei Klassikern für die Ewigkeit in Form der Scheiben Townes Van Zandt (1970) sowie "Delta Momma Blues" (1971) und den – wenn überhaupt – nur minimal schwächeren "High Low And In Between" (1972), gefolgt von "The Late Great Townes Van Zandt" (1973). Als eines seiner großen Vermächtnisse gilt auch die Doppel-Live-Scheibe "Live At The Old Quarter, Houston, Texas", die 1973 aufgenommen, aber erst 1977 veröffentlicht wurde. Spätestens ab Anfang der Siebziger war der gute Townes nicht nur ein starker Trinker, sondern auch schwer heroinabhängig. Dies half ganz sicher nicht dem Fakt, dass er sich für die geschäftliche Seite seines Berufs sowieso nicht interessierte. Wenn er gewollt hätte, hätte er an jedem Abend des Jahres einen Gig buchen können, die Nachfrage war da. Somit auch Geld. Geld auf die Hand, das jedoch ebenso schnell verjubelt war, wie er es bekommen hatte.
»Days, up and down they come like rain on a congadrum
forget most, remember some, but don’t turn none away.
Everything is not enough and nothin' is to much to bear.
where you been is good and gone, all you keep is the getting there.«
»Well, to live is to fly
all low and high
So shake the dust off of your wings
and the sleep out of your eyes«
(aus "To Live Is To Fly", 1971)
Etwa Mitte der Siebziger zog sich Townes mit seiner zweiten Frau Cindy (später unter anderem verewigt in dem Stück "Loretta") in sein gemietetes Anwesen, einen Wohnwagen in einem Trailer Park, also der zweituntersten Stufe des amerikanischen Sozialsystems, zurück. Bereits seit Jahren manisch-depressiv, gab er sich hier seinen Süchten hin. Erst 1978 erschien das nächste Studioalbum "Flyin' Shoes", doch einen Abend vor der dazu anstehenden Konzertreise ging er auf eine Sauf-Tour, sprang aus dem fahrenden Auto eines Kumpels und brach sich mehrere Knochen. Goodbye Tour – goodbye nächste Karriere-Chance. Erst 1987 kam die nächste Platte "At My Window". Ein weiteres gutes Album, wenn auch mit einigen alten (neu eingespielten) Songs ("For The Sake Of The Song") und Konzert-Standards ("Who Do You Love") 'aufgehübscht'. In den Achtzigern hatte er auch seine dritte Ehefrau kennengelernt, mit der nach seinem Sohn J.T. Van Zandt aus erster Ehe zwei weitere Nachkommen (Willie und Katie Belle) zeugte.
Klar war mittlerweile auch, dass es mit Townes sowohl körperlicher als auch psychischer Verfassung deutlich nach unten ging. Es ging nochmal ins Studio, um "No Deeper Blue" (1994) zu produzieren, ein Album, das prallgefüllt mit Abschiedssongs ist. Einmal für sich selbst (das großartige "A Song For"), dann jeweils eines für seine noch jungen Kinder ("Hey Willy Boy" bzw. "Katie Belle Blue") und schließlich noch eines für deren Mutter, der mittlerweile von ihm getrennt lebenden Noch-Gattin ("Lover’s Lullaby"). Dazu eines für einen seiner engen Freunde, den 1989 ermordeten Blaze Foley ("Blaze’s Blues"). Sicherlich nicht sein bestes Album, das aber dennoch mit dem einen oder anderen Höhepunkt punkten kann.
»There’s nowhere left in this world where to go
my arms, my legs they’re a-tremblin'
Thoughts both clouded and blue as the sky
not even worth the rememberin’«
»Now as I stumble and reel to my bed
all that I’ve done, all that I’ve said
Means nothin' to me, I’d soon as be dead
all of this world be forgotten«
(aus "A Song For", 1994)
Im Herbst 1996 spielte der deutsche Musiker Markus Rill ein Konzert im Vorprogramm des großen Amerikaners, der anschließend wieder nach Hause flog und sich nur wenige Tage später bei einem Sturz die Hüfte brach. Erst Tage später entdeckt, brachte ihn seine von den Nachbarn alarmierte Noch-Frau ins Krankenhaus, wo bereits nach wenigen Tagen und den in ihrer Wirkung immer nachlassenden Medikamente die Entzugserscheinungen immer schlimmer wurden. Townes verließ das Hospital gegen den Rat der Ärzte auf eigene Entscheidung und fand im einst gemeinsamen Haus seiner Familie Unterschlupf. Nur wenige Tage darauf schlief er am 1. Januar 1997 für immer ein. Aber wie auch immer sein Leben mit allen Höhen und Tiefen verlaufen ist, hat er unglaubliche Musik hinterlassen, die für immer weiterleben wird.
»Townes Van Zandt ist der beste Songwriter dieser Welt. Und ich würde mich mit meinen Cowboystiefeln auf Bob Dylans Küchentisch stellen, um diese Wahrheit heraus zu schreien!«
Und nochmal Steve Earle über seinen alten Freund und musikalischen 'Ziehvater':
»You used to say the highway was your home
but we both know, that ain’t true
It’s just the only place a man can go
when he don’t know, where he’s travelin' to«
(aus "Fort Worth Blues", 1997)



Neueste Kommentare