Der Berliner Musiker Lutz Graf-Ulbrich, den meisten Musikfreunden besser als Lüül bekannt, hat ein bewegtes und reiches Musikerleben hinter sich. Besser gesagt führt er es nach wie vor, denn schließlich ist er ja noch unter uns und nach wie vor aktiv. Bereits Mitte der sechziger Jahre gründete er die Band The Agitation, die sich später in Agitation Free umbenannte und bis zur Auflösung 1974 einige für die Geschichte des Krautrock prägende Platten (unter anderem "Malesch" von 1972 und das Nachfolgewerk "2nd" von 1973) veröffentlichte. Anschließend arbeitete er als Tour-Musiker und war für einige Jahre Lebensgefährte der legendären Nico. Es folgten Stationen bei unter anderem Ashra (einem Ableger von Ash Ra Tempel) sowie erste Soloalben, bis er 1995 Mitglied bei den 17 Hippies wurde. Bereits vor seinem Ausstieg 2022 war er mehrfach zum Buchautor geworden. 2018 konnten wir euch das Soloalbum Fremdenzimmer vorstellen, 2024 folgte ein Reunion-Album von Agitation Free und nach dem Tod seines guten Freundes Manuel Göttsching zog sich der Berliner schwer getroffen wieder ins Studio zurück, um das hier zu reviewende, bereits im Frühling 2025 erschienene, "Lüüls Lab" aufzunehmen.
Und das hat Lüül tatsächlich komplett im Alleingang durchgezogen, kein Begleitmusiker, kein Produzent, gerade mal das Mastering hat er aus der Hand gegeben. Die Musik bzw. die acht hier vertretenen Songs sind so gestrickt, dass das Kopfkino des Hörers umgehend in Schwung gebracht wird. Die Grooves und Beats kommen vom Band bzw. einer Maschine, während Lüül dann stimmungsvolle Gitarren- oder Keyboardspuren darüber legt. Keine Ahnung, ob es Einbildung oder ein Streich des Unterbewusstseins ist – der Rezensent wusste ja, dass der Musiker aus Berlin stammt – aber ich hatte beim Anhören dieser Platte umgehend Bilder und Eindrücke meiner vielen Besuche in der Bundeshauptstadt vor Augen. Und rein von der Atmosphäre her fühle ich mich immer auch ein bisschen an die Berlin-Phase von David Bowie (vor allem die Alben "Low" und "Heroes", beide 1977) erinnert. Wobei sich Bowie dafür damals zugegebenerweise von deutschen Elektronik-Musikern inspirieren ließ.
Richtig klasse und vom Aufbau her wie oben beschrieben ist beispielsweise das Stück "Morgentau". Eine melancholische und irgendwie auch dunkle Aura, dafür mit einer richtig starken Gitarre versehen. In diese Kerbe haut auch das direkt nachfolgende "Monolog", für das auch die E-Bow-Gitarre am Start ist. Diese Songs kann man sich unter anderem auch als super Film-Soundtrack vorstellen. Auf Gesang hatte der gute Lüül wohl keine große Lust, oder – und das ist sogar wahrscheinlicher – er wollte mal wieder zurück zum Sound der siebziger Jahre und seinen Wurzeln bei Agitation Free, bei denen ja, wenn überhaupt, auch ganz selten gesungen wurde. Die einzelnen Nummern haben die für diese Art von Musik genau richtige Länge und bewegen sich zwischen knapp fünf und knapp acht Minuten Spielzeit. Ach ja, und einen einzigen Einfluss auf die Musik von Außen gibt es dann doch, denn Lüül hat für diese Scheibe seine eigene Version des Tracks "Oasis" von Manuel Göttsching aufgenommen. Dem verstorbenen Freund ist auch das komplette Album gewidmet.
Der heftigste Song der Platte ist eindeutig das psychedelische "Der wilde Ritt", dem entgegen stehen dafür das sehr schöne und atmosphärische "April Suite", das tolle – bereits erwähnte – "Oasis" sowie das deutlich orientalisch angehauchte "Mystical Road". Ebenfalls klasse ist das die Electronic und feine Gitarrenmelodien verbindende "Motion Mode". Somit ist Lutz Graf-Ulbrich, alias Lüül, mit "Lüüls Lab" ein richtig rundes, gutes und in sich geschlossenes Album gelungen, das sich unbedingt lohnt angetestet zu werden. Eigentlich für jeden Musik-Fan, speziell jedoch für die Freunde des Krautrock der siebziger Jahre. Der Sound ist aktuell und keinesfalls angestaubt und somit hat der Berliner es geschafft, das Feeling der Hochzeit des Krautrock mit der Jetzt-Zeit zu kombinieren. Sehr gelungen!
Line-up Lutz Graf-Ulbrich:
Lüül (electric guitars, E-bow, sounds, keyboards, grooves)
Tracklist "Lüüls Lab":
- Sad And Hopeful
- Motion Mode
- Der wilde Ritt
- Oasis
- Morgentau
- Monolog
- April Suite
- Mystical Road
Gesamtspielzeit: 49:53, Erscheinungsjahr: 2025



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