Das Label Cannonball hat sich scheinbar auf die Veröffentlichung von Konzerten spezialisiert, die einst im Radio übertragen wurden. Mit solchen über den Äther weitergegebenen und festgehaltenen Shows war man in den USA dem europäischen Fest- und Inselland damals meilenweit voraus, was sich bis heute auszahlt. Zugegebenerweise florierten einige der neu veröffentlichten Live-Mitschnitte schon seit geraumer Zeit auf dem Bootleg-Markt, aber für alle, die diese Aufnahmen noch nicht im Schrank stehen hatten, stellen sich solche Live Cuts – wie beispielsweise die von uns bereits vorgestellten der Black Crowes, AC/DC oder Lynyrd Skynyrd als durchaus erfreuliche Angelegenheit heraus. Nun liegt mir eine Doppel-CD der designierten Skynyrd-Nachfolger Molly Hatchet mit zwei Gigs aus den Jahren 1979 und 1982 vor. Hervorragendes Timing, erleben wir hier doch gleich die ersten beiden Sänger Danny Joe Brown sowie Jimmy Farrar gleich hintereinander und können somit hervorragend nochmal über die Vor- und Nachteile der beiden Frontmänner fachsimpeln.
Der erste Silberling enthält eine Show vom 23. Februar 1982 in Los Angeles, also nur ganz wenige Monate vor dem Ausstieg/Rauswurf (je nachdem, wem man glauben will) Jimmy Farrars. Der Schock bei den Fans (und wahrscheinlich auch der Band) war groß, als der Original-Hatchet-Frontmann Danny Joe Brown nach zwei absoluten Klassiker-Alben (Molly Hatchet und Flirtin' With Disaster) aufgrund seiner Diabetes-Erkrankung (so zumindest die offizielle Begründung) einen Schlussstrich zog und erstmal das weiße Handtuch warf. Mit Jimmy Farrar wurden anschließend die lauwarm bis skeptisch beurteilten Scheiben Beatin' The Odds (1980) sowie "Take No Prisoners" (1981) nachgeschoben, die zwar durchaus gute Momente hatten, aber auch offenbarten: Die Chemie hatte sich geändert, die Richtung hatte sich geändert, das war (speziell bei "Take No Prisoners") fast schon eine andere Band.
Aber zum Konzert: Mit "Beatin' The Odds" folgt gleich mal ein krachender Opener einer Show, die neben wenigen Ausnahmen natürlich jede Menge Nummern der ersten beiden Platten aufbot. Von "Take No Prisoners" sind mit "Bloody Reunion" und den powervoll gespielten, aber deutlich weniger southern klingenden "Lady Luck" sowie "Dead Giveaway" immerhin drei Stücke enthalten, die im Vergleich mit den Klassikern aber nicht mithalten können. "Beatin' The Odds" wurde außer dem Titelsong gänzlich ausgespart, was zum einen Bände über die Gewichtung dieser Scheibe innerhalb der Band spricht und zum anderen deutlich macht, wie hoch nach wie vor die älteren Nummern der ersten beiden Scheiben im Kurs standen. Jimmy Farrar kann man gar nicht mal einen Vorwurf machen, denn der erledigte seinen Job verdammt gut. Dennoch war der Schatten seines Vorgängers (der ihn später im gleichen Jahr wieder ablösen sollte) einfach immer zu groß für ihn. Fair oder nicht, Sekt oder Selters, Puma oder Addidas? Letzten Endes entscheidet immer der Fan und das in den allermeisten Fällen eben aus dem Bauch heraus. Dennoch eine richtig gute Show, bei der auch der Sound absolut ansprechend ist. Thumbs up!
Dann kommt Spannung auf, denn mit dem zweiten Rundling gibt es einen Gig vom 20. April 1979 auf die Ohren. Und dabei haben wir es schließlich mit der Originalbesetzung (zumindest wenn man ab dem Debütalbum zählt) zu tun. Fast fassungslos stelle ich beim Betrachten der Tracklist fest, dass hier die Übernummer "Flirtin' With Disaster" überhaupt nicht enthalten ist… gabs sowas überhaupt? Nach genauerem Hinschauen stellte sich dann heraus, dass das zweite Album zum Zeitpunkt dieser Show noch sechs Monate brauchte, um auf die Menschheit losgelassen zu werden, der Song also möglicherweise noch gar nicht (oder erst in einem frühen Stadium) existierte. Okay… Wenn dann aber das erste Stück "Bounty Hunter" erklingt und Danny Joe Brown seinen ersten Schlachtruf (wie ein ausgewachsener Braunbär auf Brautschau) in Richtung Publikum loslässt, dann weiß man doch gleich wieder, wo man zuhause ist. Ich will den Sänger-Vergleich gar nicht so sehr auf die Spitze treiben, aber der definitive Molly Hatchet-Frontmann war und ist (wäre er noch unter uns) nun mal der gute Danny Joe. Punkt.
Geboten wurden an diesem Abend in Atlanta, Georgia also vor allem Tracks der ersten Scheibe und einige, die anschließend auf der zweiten landeten. Abgerundet von ein paar Coversongs wie "T For Texas", "Crossroads" oder dem "Harp Jam". Gesagt werden muss auch, dass die Band bei beiden Shows ganz hervorragend in Form war, ebenso wie der Sound dieser Aufnahmen mehr als gut erhalten (und natürlich remastert) wurde. Bezüglich der Songs gibt es auf diesem älteren Konzert "Big Apple" statt "Lady Luck", "The Creeper" statt "Dead Giveaway" oder auch "Trust Your Old Friend" statt "Bloody Reunion".
Ganz egal also, wie man zu den unterschiedlichen Phasen der Band Molly Hatchet steht, hier dürfte für jeden was dabei sein und speziell die Fans der frühen Jahre werden nicht enttäuscht werden. Wer diese Aufnahmen also nicht bereits sein Eigen nennt, der kann hier als Molly Hatchet-, Southern Rock- und natürlich auch ’normaler' Rockfan bedenkenlos zugreifen. Klasse Aufnahmen einer einst großartigen Band!
Line-up Molly Hatchet:
Jimmy Farrar (vocals – CD 1)
Danny Joe Brown (harmonica, vocals – CD 2)
Dave Hlubek (guitars)
Duane Roland (guitars)
Steve Holland (guitars)
Banner Thomas (bass)
Bruce Crump (drums)
Tracklist "Let The Good Times Roll":
- Beatin' The Odds
- Let The Good Times Roll
- It’s All Over Now
- Lady Luck
- One Man’s Pleasure
- Dead Giveaway
- Gator Country
- Dreams I’ll Never See
- Flirtin' With Disaster
- Bounty Hunter
- Bloody Reunion
- Boogie No More
- Bounty Hunter
- Let The Good Times Roll
- Gator Country
- The Creeper
- T For Texas
- Big Apple
- Dreams I’ll Never See
- Trust Your Old Friend
- The Harp Jam
- One Man’s Pleasure
- Crossroads
- Boogie No More
Gesamtspielzeit: 62:55 (CD 1), 66:48 (CD 2), Erscheinungsjahr: 2016 (1982, 1979)



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