Früher, oder in anderen Worten in den sechziger und siebziger Jahren war es in England, aber auch in den USA Gang und Gäbe, dass die gerade angesagten Bands ins Radio-Studio eingeladen wurde und dort ihre Songs live auf der Bühne zum Besten gaben. Für die Musiker natürlich eine super Gelegenheit, ihre Stücke auch für die Musikliebhaber zugänglich zu machen, die nicht zu ihren Konzerten kommen konnten. Da waren natürlich auch The Pretty Things keine Ausnahme, die zwar mit ihren ersten Singles in England recht hoch charten konnten, danach aber nicht mehr wirklich vom Fleck kamen. Die mir nun vorliegende Box "Live At The BBC" gab es zwar unter anderem bereits auf vier Silberlingen, auf dieser neuen Ausgabe wurde jedoch noch einiges weiteres Material drauf gepackt, sodass dieses Erlebnis nun auf gut gefüllten sechs CDs mit einer jeweiligen Spielzeit zwischen 67 und 78 Minuten vorliegt.
Und wenn man sich so zu Gemüte führt, was für eine starke Band einem da so einen Knüller nach dem anderen um die Ohren haut, ist es wieder einmal umso erstaunlicher, dass den Briten der große Erfolg immer verwehrt blieb. Remastert wurde diese neue Ausgabe von Eroc, was gleich schon mal vorneweg signalisiert, dass man hier den bestmöglichen Sound erwarten darf – und auch bekommt. Ein paar wenige Sessions fallen zwar etwas ab, was aber dem Alter der Bänder und einer vielleicht nicht ganz optimalen Aufbewahrung zuzuschreiben ist. Aber mindestens 95 % des Materials klingt großartig!
Zeitlich wird chronologisch vorgegangen und die Mannen um Phil May und Dick Taylor zeigten bereits sehr früh, dass sie so ziemlich jeden Laden mit ihrem Sound auseinander nehmen konnten. Neben den frühen Hits "Rosalyn" und "Don’t Bring Me Down" stehen da auch schon echte Granaten á la "Mama, Keep Your Big Mouth Shut", "Big Boss Man" oder "Big City" und um das Publikum ganz zum Ausrasten zu bringen, folgten noch Standards wie etwa "Johnny B. Goode" oder "Road Runner". Ganz schnell sind wir dann schon in der psychedelischen Phase der Jahr 1966/1967 und Songs der Marke "LSD", "Buzz The Jerk" oder "Walking Through My Dreams". Nicht zu vergessen die grandiose Rock-Oper S.F. Sorrow, die hier natürlich auch immer wieder in Ausschnitten zum Einsatz kommt.
Wobei wir bei der Pretty Things-Lieblingsphase des Rezensenten, den späten Sechziger (inkl. den Electric Banana-Platten) bis Mittsiebziger-Jahren angekommen wären. Leider war auch den Studioalben "Parachute" (1970) und "Freeway Madness" (1972) trotz grandioser Songs wie "Cries From The Midnight Circus", "Sickle Clowns", "Havana Bound", "Religion’s Dead" oder "Love Is Good" kein großer Erfolg vergönnt. All diese Nummern und einiges mehr darf man hier noch einmal live und in all ihrer Roh- sowie Wildheit nachvollziehen und miterleben. Alleine bei "Old Man Going" aus der Radioshow vom Juni 1970 muss man sich (auf positive Art) ernsthafte Sorgen um das verwendete Studio-Equipment machen. Die neuesten Aufnahmen stammen aus den Jahren 2009 sowie 2018 und zeigen einmal mehr, dass die (mittlerweile auch personell stabile) Band nullkommanichts verlernt hatte.
Der letzte große Block beschäftigt sich mit den Jahren 1974 und 1975 bzw. der Zeit des Albums "Silk Torpedo". Nach "Freeway Madness" hatte die Band kurz vor der Auflösung gestanden, wurde aber auf persönliche Intervention von Jimmy Page dann für das Label Swan Song unter Vertrag genommen. Was nicht nur neues Leben, sondern auch eine erste Tour durch die USA für die Pretty Things bedeutete. Von der genannten Scheibe sind fast alle Songs in ebenfalls sehr guter Qualität und mit jeder Menge Spielfreude (u. a. "Belfast Cowboys", "Bridge Of God" oder "Singapore Silk Torpedo") vertreten.
"Live At The BBC" ist eine absolute Hammer-Box und die Vollbedienung, wenn es um Live-Mitschnitte der Pretty Things bis 1975 geht. Ergänzend dazu empfiehlt der Verfasser dieser Zeilen die DVD-Box mit den drei Rockpalast-Auftritten der Band aus den Jahren 1998 bis 2007. Ganz dicker Tipp für alle Rocker und ganz speziell diejenigen, die die Pretty Things wie ich erst spät, oder im schlimmsten Fall noch gar nicht für sich entdeckt haben!
Line-up The Pretty Things:
Phil May (maracas, harmonica, lead vocals)
Dick Taylor (lead guitars, vocals)
Brian Pendleton (rhythm guitars, bass, background vocals)
Victor Unitt (guitars)
Pete Tolson (guitars)
Gordon John Edwards (guitars, keyboards, vocals)
Frank Holland (guitars, vocals)
Jon Povey (keyboards, vocals)
John Stax (bass, background vocals)
Wally Waller (bass, guitars, vocals)
Stuart Brooks (bass)
Jack Green (bass, vocals)
George Woosey (bass, vocals)
Viv Prince (drums)
Skip Alan (drums)
Twink (drums)
Jack Greenwood (drums)
Tracklist "Live At The BBC":
- Big Boss Man (1964)
- Interview w/ Phil May & Dick Taylor
- Don’t Bring Me Down
- Mama, Keep Your Big Mouth Shut
- Road Runner
- Big City
- Don’t Bring Me Down
- Mama, Keep Your Big Mouth Shut
- Johnny B. Goode
- We’ll Be Together (1965)
- Interview w/ Phil May
- Sitting All Alone
- Big City
- Buzz The Jerk
- Raining In My Heart
- LSD (1966)
- Interview w/ Phil May
- Midnight To Six Man
- Buzz The Jerk
- Midnight To Six Man
- Turn My Head (1967)
- Introduction: Brian Matthew
- Walking Through My Dreams
- Defecting Grey (unabridged)
- Talking About The Good Times
- SF Sorrow Is Born (1968)
- She Says Good Morning
- Balloon Burning
- Old Man Going
CD 2:
- Spring (1969)
- Send You With Loving (unabridged)
- Lonliest Person
- Alexander
- Marilyn
- Blue Serge Blues (1970)
- Introduction: John Peel
- She’s A Lover
- Introduction: John Peel
- In The Square
- The Letter
- Rain
- Introduction: John Peel
- Sickle Clowns
- Old Man Going
- She’s A Lover
- Sickle Clowns
- Trailer For Sounds Of The 70s
- Cries From The Midnight Circus
- Sickle Clowns
- Cries From The Midnight Circus
CD 3:
- Cold Stone (1971)
- Stone-Hearted Mama
- Summertime
- Cries From The Midnight Circus
- Slow Beginnings
- Summertime
- Slow Beginnings
- Stone-Hearted Mama
- Cold Stone
- Circus Mind
- Onion Soup (1972)
- Love Is Good
- Spider Woman
- Rosalyn
- All Night Sailor
- Havana Bound
- Religion’s Dead
- Roadrunner
- Peter/Rip Off Train
- Sweet Orphan Lady
- Love Is Good
- Religion’s Dead
- Havana Bound
- Love Is Good
- Onion Soup
- Route 66
- Peter/Rip Off Train (1973)
- Atlanta
- Onion Soup/Another Bowl
- Route 66
- Singapore Silk Torpedo (1974)
CD 5:
- Introduction: Alan Black (1973)
- Religion’s Dead (alternative edit)
- Havana Bound (alternative edit)
- Love Is Good (alternative edit)
- Onion Soup (alternative edit)
- Route 66 (alternative edit)
- Old Man Going (1974)
- Living Without You
- Joey
- Belfast Cowboys/Bruise In The Sky
- It’s Been So Long
- Bridge Of God
- Come Home, Momma
- Singapore Silk Torpedo
- Not Only But Also (1975)
CD 6:
- Big City (1975)
- Belfast Cowboys/Bruise In The Sky
- Introduction: Brian Matthew
- Dream/Joey
- Interview w/ Phil May & Dick Taylor (2009)
- Come See Me
- The Beat Goes On
- Rosalyn
- SF Sorrow Is Born
- LSD/Old Man Going
- Can’t Judge A Book By Looking At The Cover (2018)
- Mr. Evasion
- Rosalyn
- The Same Sun
- She Says Good Morning
- Defection Grey (bonus track, 1967)
- Send You With Loving (bonus track, 1969)
- Cries From The Midnight Circus (bonus track, 1970)
- Introduction: Dave Symonds (bonus track, 1970)
- In The Square (bonus track, 1970)
- The Letter (bonus track, 1970)
- Rain (bonus track, 1970)
Gesamtspielzeit: 71:31 (CD 1), 67:41 (CD 2), 78:20 (CD 3), 76:45 (CD 4), 74:50 (CD 5), 72:20 (CD 6), Erscheinungsjahr: 2021 (1964 – 2018)



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