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Jazz als Umsetzung von Tradition in die Moderne / Interview mit Tobias Meinhart

Andrew Bear / Konzertnachlese und ein Interview

"Sonic River" ist das neueste Album des Saxophonisten und Komponisten Tobias Meinhart. Es kombiniert groove-orientierten Jazz mit poetischem Storytelling und lässt sich von literarischen Ikonen wie Paul Auster, Alejandra Pizarnik und Rainer Maria Rilke inspirieren. Das Werk reflektiert Tobias' kreative Reise zwischen seinen bayerischen Wurzeln und seiner Wahlheimat in Brooklyn, NY. Produziert von Grammy-Gewinner Matt Pierson, enthält das Album eine herausragende Besetzung, darunter Sara Serpa, Obed Calvaire, Charles Altura, Matt Penman und Eden Ladin.

Aus Anlass dieser Veröffentlichung des bayerischen Jazzers Tobias Meinhart – in Presseartikeln gern als »Deutschlands aufregendster Jazz-Export« bezeichnet -, hat sich unser Jazz-Experte Wolfgang nach seinem Review zu Sonic River mit dem in New York lebenden Musiker über dies und das rund um den Jazz unterhalten.

RockTimes: Welche Musik haben deine Eltern gehört, als du jung warst, also mit welcher Musik bist du groß geworden?

Tobias: Vor allem das Radio lief bei uns – also viel aktueller Pop-Rock der 90er. Gleichzeitig war Jazz immer präsent, vor allem durch meinen Großvater.

RockTimes: Welcher Musik hast du dich zugewandt, als dein Interesse geweckt wurde?

Tobias: Anfangs war es Funk – Maceo Parker, Carlos Santana –, dann kam ziemlich schnell der Jazz.

RockTimes: Und wann begann sich dein Interesse an Jazz durchzusetzen?

Tobias Meinhart © Mariana Meraz

Tobias Meinhart
© Mariana Meraz

Tobias: Das ging über die Big Band-Konzerte, auf die ich als Kind oft mitgenommen wurde. Diese Energie, die Interaktion zwischen den Musikern – das hat mich total gepackt.

RockTimes: Wie kam es dazu? Gibt es besondere Begebenheiten?

Tobias: Mein Großvater hat selbst in Big Bands gespielt. In Regensburg gab es das Summit Jazz Orchestra – eine Band mit einigen der besten Musikern Deutschlands. Sie spielten einmal im Monat und hatten oft Stargäste. So habe ich zum Beispiel Clark Terry live erlebt und auch persönlich kennengelernt.

RockTimes: Du hast mit Schlagzeug begonnen. Was war der Grund für den Wechsel zum Saxofon?

Tobias: Das war ein sehr visueller Moment: In den Big Bands sitzen die Saxofone vorne, die Instrumente glitzern, die Soli haben mich elektrisiert. Ich wollte da einfach dazugehören.

RockTimes: Welche Jazzmusiker haben dich anfangs beeindruckt – und welche heute?

Tobias: Damals waren es die Saxofonisten mit großem Ton: Ben Webster, Coleman Hawkins. Später kamen Miles Davis und Coltrane dazu. Heute inspirieren mich u.a. Joe Lovano – ich durfte sogar bei ihm zu Hause Unterricht nehmen.

RockTimes: Erinnerst du dich an dein erstes Live-Konzert als Zuhörer?

Tobias: Als Teenager: Clark Terry mit dem Summit Jazz Orchestra in Regensburg – es gibt sogar ein Album von diesem Abend. Ein weiteres Schlüsselerlebnis war ein Open-Air-Konzert von Wayne Shorter in Getxo, Spanien. Meine Band durfte das Konzert eröffnen, vor über 5000 Menschen. Ein magischer Abend.

RockTimes: Wann hattest du deinen ersten eigenen Auftritt?

Tobias: Das war mit der Schul-Bigband bei einem Konzert an der Schule – ich war total nervös, aber gleichzeitig euphorisiert.

RockTimes: Mit wem würdest du gerne eine Platte aufnehmen – und warum?

Tobias: Herbie Hancock, Brian Blade, Larry Grenadier – das wäre mein Traum-Rhythmus-Team. Die Verbindung von Spielfreude, Tiefe und Offenheit dieser Musiker ist einzigartig.

RockTimes: Gibt es einen Song, den du liebst und gern selbst geschrieben hättest?

Tobias: "Lawns" von Carla Bley – wunderschön. Und "Throughout" von Bill Frisell – diese Schlichtheit und Tiefe zugleich berührt mich sehr.

RockTimes: Wie gehst du ans Komponieren heran? Gibt es bestimmte Leitideen?

Tobias: Ich lasse mich gern von Kunst inspirieren – besonders von abstrakter Malerei. Diese Eindrücke übersetze ich z.B. mit Multiphonics ins Musikalische. Auch Gedichte sind oft Ausgangspunkt – einige vertone ich direkt.

RockTimes: Welcher deiner eigenen Songs ist dein Favorit?

Tobias: "White Bear" und "The Painter" liegen mir sehr am Herzen. Von der neuen Platte sind "Sonic River" und "The Panther" meine Favoriten. Oft weiß ich gar nicht genau, wie diese Stücke zu mir gekommen sind – sie waren einfach da.

RockTimes: Warst du mit deiner Musik schon auf Tournee im Ausland?

Tobias: Ja, wir waren viel unterwegs: gerade in den USA, davor Konzerte in Mexiko, Südkorea, Ecuador, Spanien, Frankreich, Russland, Italien – eine lange Liste.

RockTimes: Welche Länder haben Dich besonders beeindruckt – und wie war dort das Publikum?

Tobias: Mexiko war unglaublich – das Publikum ist wahnsinnig offen und euphorisch, sie treiben die Band richtig an. In Spanien ist es ähnlich. Und in Südkorea wurden wir fast wie Popstars empfangen – sehr herzlich und interessiert.

RockTimes: Spielen bei deiner Musik Emotionen eine große Rolle – sowohl in der Komposition als auch in der Umsetzung?

Tobias Meinhart © Mariana Meraz

Tobias Meinhart
© Mariana Meraz

Tobias: Auf jeden Fall. Ich möchte mit meiner Musik Emotionen auslösen, das Publikum berühren und einen bleibenden Eindruck hinterlassen – idealerweise so, dass man das Konzert nicht mehr vergisst.

RockTimes: Wie gehst du damit um, wenn das Publikum im Club laut redet und kaum zuhört?

Tobias: Kommt auf die Situation an. Wütend werde ich nicht – meistens versuche ich, das musikalisch aufzulösen. Wenn man zum Beispiel eine ganz leise, intime Ballade spielt, hören viele plötzlich doch zu – da muss man schon sehr unsensibel sein, um weiterzuquatschen.

RockTimes: Was hältst du davon, dass CDs und LPs von Downloads und Streaming verdrängt werden?

Tobias: Im Jazz spielt das Live-Erlebnis eine zentrale Rolle – und da merke ich gerade: Vinyl erlebt ein echtes Comeback. Die Klangqualität von CDs und Schallplatten ist einfach deutlich besser als beim Streaming. Viele sind digital inzwischen etwas übersättigt und sehnen sich nach etwas Echtem.

RockTimes: Es heißt oft, Jazz sei heute akademischer und weniger emotional als früher. Wie siehst du das?

Tobias: Das kann ich nachvollziehen. Die vielen Hochschulen und Studiengänge haben einerseits die Qualität angehoben, andererseits aber auch zu einer gewissen Akademisierung geführt. Das kann manchmal auf Kosten der Emotionalität gehen. Miles Davis hat das mal schön gesagt: »First you learn everything, then you forget everything.«

RockTimes: Welche Rolle spielen Medien heute im Vergleich zu früher?

Tobias: Auch hier gibt’s zwei Seiten: Die Reizüberflutung ist groß, die Ablenkung ebenfalls. Aber gleichzeitig ist es heute möglich, sein Publikum direkt zu erreichen, ohne auf große Gatekeeper wie Magazine oder Radios angewiesen zu sein. Diese Unabhängigkeit ist ein Geschenk – wenn man sie richtig nutzt.

RockTimes: Was ist für dich derzeit das Bahnbrechende im Jazz?

Tobias: Ich sehe eine starke Öffnung in Richtung anderer Genres. Der Crossover zwischen Jazz, Hip-Hop, Pop und afrikanischen Einflüssen nimmt zu. Künstler wie Terence Blanchard, Theo Croker oder Nubya Garcia stehen da exemplarisch.

RockTimes: Welche Saxofonist*innen seit den 1980ern würdest Du zu den Säulen des Jazz zählen – neben Coltrane, Parker, Sanders & Co.?

Tobias: Da gibt’s viele, aber definitiv Joshua Redman, Joe Lovano, Michael Brecker, Chris Potter, Seamus Blake, Melissa Aldana – sie alle haben den Sound des modernen Jazz entscheidend geprägt.

RockTimes: Welche älteren Saxofonspieler*innen waren für dich prägend und wichtig für die Entwicklung des Jazz?

Tobias: Ben Webster, Coleman Hawkins – beide für ihren Sound. Sonny Rollins darf man nicht vergessen, und natürlich auch Stan Getz.

RockTimes: Wenn du eine Traumband zusammenstellen dürftest – auch mit verstorbenen Musiker*innen – wer wäre dabei?

Tobias: Uff, schwer! Aber vielleicht:

Ingrid Jensen – Trompete
Herbie Hancock – Piano
Dave Holland – Bass
Elvin Jones – Drums

RockTimes: Und wie sähe deine Traumband aus – nur mit deutschen Musiker*innen?

Tobias: Da muss ich gar nicht lange suchen – die habe ich im Prinzip gerade mit meiner Band Berlin People:
Ludwig Hornung am Piano, Tom Berkmann am Bass, Mathias Ruppnig am Schlagzeug (ok, streng genommen Österreicher – aber das zählt für mich).

RockTimes: Lebst du noch in New York? Und wie oft bist du in Deutschland?

Tobias Meinhart © Mariana Meraz

Tobias Meinhart
© Mariana Meraz

Tobias: Ja, ich lebe in Brooklyn, ganz in der Nähe vom Prospect Park. Jeden Sommer bin ich für etwa einen Monat in Berlin – wir spielen dort meist eine Woche im A-Trane. Diese Zeit nutze ich auch zum Runterkommen und Komponieren. Außerdem bin ich ein- bis zweimal im Jahr in Bayern bei meiner Familie.

RockTimes: Welche Pläne hast du für die nähere Zukunft?

Tobias: Meine neue Platte "Sonic River" erschien am 18. April. Es geht darin um Flow, um das Loslassen und Sich-Verlieren im Moment. Ich habe mehrere Gedichte vertont, es gibt zwei Songs mit Gesang und ein Stück, das von einem koreanischen Mönchsgesang inspiriert ist.
In Zukunft möchte ich verstärkt interdisziplinär arbeiten – mit Film, Literatur, Tanz – und genreübergreifende Projekte weiterentwickeln.

RockTimes: Wirst du die Jazztradition in Deinem Schaffen weiter bewahren – z.B. im Sinne deiner früheren Platte "Silent Dreamer"?

Tobias: Ja, Tradition ist für mich immer Teil der Musik – aber nicht als starres Korsett. Ich versuche sie weiterzuentwickeln und in eine zeitgenössische Sprache zu übersetzen.

RockTimes: Würdest du auch eine Free-Jazz-Platte aufnehmen? Wie stehst du dazu?

Tobias: Klar – wenn es ehrlich ist. Ich bin offen für jede Form von Musik, solange sie mit echter Intention gespielt wird.

RockTimes: Planst du für dieses Jahr eine Tournee? Wohin geht’s?

Tobias: Wir sind gerade mitten in einer dreiwöchigen Europatour. Im Mai spiele ich in Mexiko, im Juni in Paris und dann eine Woche im Berliner A-Trane – gemeinsam mit dem US-Gitarristen Kurt Rosenwinkel.

RockTimes: Hast du musikalische Interessen außerhalb des Jazz?

Tobias: Ja, absolut. Ich liebe gute Songwriter*innen – aktuell z.B. Brittany Howard, aber auch Alicia Keys, Björk, Radiohead, Queen
Was ich an Brittany Howard so stark finde, ist diese rohe, kompromisslose Energie. Sie erinnert mich oft an das, was man im Jazz eigentlich sucht.

RockTimes: Möchtest du den Leser*innen zum Abschluss noch etwas mitgeben?

Tobias: Kommt zu Konzerten – unterstützt Live-Musik, egal welcher Art. Es ist etwas völlig anderes, Musik wirklich zu spüren, gemeinsam mit anderen im Raum zu sein und sich von der Energie mittragen zu lassen. Gerade in einer Welt, in der vieles digital und vereinzelt abläuft, ist Live-Musik ein Raum der Verbindung – mit sich selbst und mit anderen.

Vielen Dank, Tobias, für die Zeit, die du dir genommen hast!

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Themroc PR & Promotion GbR. © Mariana Meraz

Über den Autor

Wolfgang Giese

Hauptgenres: Jazz, Blues, Country
Über mich: Althippie, vom Zahn der Zeit geprägt, offen für ALLE Musikstile
Meine Seite im Archiv

Mail: wolfgang(at)rocktimes.de

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