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Pierre Lacocque’s Mississippi Heat / Don’t Look Back – CD-Review

Pierre Lacocque's Mississippi Heat / Don't Look Back – CD-Review

Meine musikalische Reise führt mich nach Chicago, einer einträglichen Quelle exzellenter Blues Acts seit einigen Jahrzehnten. Hier stellt sich Mississippi Heat vor, mit dem vorangestellten Namen des Frontmannes Pierre Lacocque. Der heutige dreiundsiebzigjährige Musiker wurde jedoch in Israel geboren, und seine Eltern waren Belgier. Der junge Mann wohnte in vier verschiedenen Ländern, in Europa gesellten sich Jahre in Deutschland, Frankreich, Belgien hinzu, bevor es die Familie wieder nach Jerusalem verschlug

So dauerte es bis 1969, als Chicago die Heimat des jungen Mannes wurde, und dort erlebte er dann einen der Meister der Blues Harp, Big Walter Horton. Das war wohl letztlich die Inspiration, sich selbst der Blues Harp und dem Blues zu widmen. Allerdings war es die eingeschobene Zeit in Kanada, die ihn Mitglied von Bluesbands werden ließ; zunächst in der Albert Failey Blues Band, und danach war es Oven. Erst 1988 kam dann die endgültige Rückkehr nach Chicago und so stieg er dort in die lebendige Blues-Szene ein. Die Geburt von Mississippi Heat vollzog sich 1991. Mit "Don’t Look Back" legt man das nun mittlerweile vierzehnte Album vor. Seit 2005 nahm die Band für Delmark Records auf. Eine besondere Ehrung wurde Lacocque zuteil, als er 2017 in die Chicago Blues Hall Of Fame aufgenommen wurde.

Doch  einen ebenso besonderen Anteil an diesem neuen Album haben die vornehmlich beteiligten Sängerinnen Sheryl Youngblood und Danielle Nicole, die sich mit ihren kraft- und ausdrucksvollen Stimmen präsentieren und ein grandioses Feeling einbringen. Doch schließlich ist "Don’t Look Back" ein Gemeinschaftswerk aller Beteiligten, die gemeinsam ein fesselndes und alle Sinne berührendes bluesiges Feuerwerk abbrennen. Genau so sollte moderner Blues klingen, basierend auf dem alten Chicago-Stil der Fifties. Dieser Sound bereitet permanent Gänsehaut, live muss das ein großartiges Erlebnis sein.

Schließlich stelle ich fest, dass ich gar keinen bestimmten Song als Highlight hervorheben kann, sie verdienen diese Bezeichnung alle. Allein, mit welch heute im Blues so selten gewordenen elastischem Swing die Band agiert, das berührt alle Sinne und Extremitäten. Für mich als 'alter Blueser' ist natürlich auch wichtig, wie die Gitarre gespielt wird, und diese Aufgabe wird vom bekannten Gitarristen Billy Flynn hervorragend gelöst, aber auch Johnny Iguana am Piano ist mitreißend mit seinem Stil! Rundum stimmt einfach Alles, die perfekt eingesetzten Background Vocals, die Bläser-Arrangements, und natürlich Pierres Harp, Klasse!

So soll er als seine Einflüsse Musiker wie Muddy Waters, Jimmy Rogers, Howlin' Wolf, Jimmy Reed, Big Walter Horton, Little Walter, Sonny Boy Williamson I, Sonny Boy Williamson II und Junior Wells genannt haben, und ich denke, er und Mississippi Heat hätten keinen von ihnen enttäuscht!

Noch soviel zu den Aufnahmen: Aufgenommen wurde das Album vor gut zwei Jahren. So sollen einige der Songs von der noch grassierenden Covid-Pandemie beeinflusst worden sein, unter anderen verstarb der Vater des Protagonisten und Carl Weathersby, der Gitarrist, verstarb während der Aufnahmen, ihm ist das Album auch gewidmet. Eine Widmung der besonderen Art wurde natürlich auch dem Vater zuteil, er spielte auch einst in der Band des Sohnes, ihm gilt der ergreifende Slow Blues "Shiverin' Blues", der sich mit seinem Tod beschäftigt, Danielle Nicole singt diesen Titel mit emotional starkem Ausdruck.

Schließlich ist es so, dass für jeden Blues-Fan der wahrscheinlich 'beste' Song aus eigener Betrachtung und subjektiv gesehen dabei sein dürfte. Mir fällt es angesichts der vielen hervorragenden Stücke nicht leicht, und stets bin ich geneigt, während des Hörens dieses Prädikat immer wieder neu erteilen zu wollen, gerade ist es das von Sheryl Youngblood ebenfalls eindrucksvoll gesungene "Champin' At The Bit", und gerade dieser shuffelnd-swingende Rhythmus mit dem rollenden Piano, der satten Harp und dem tollen Gitarrensolo, ein super Song!!! Mit einem coolen Funk wiederum lädt "Blue Amber" zur Körperbewegung ein, und zuguterletzt lädt Harper Lacocque seinen Kollegen Omar Coleman zu einem Harp Duet ein, dieser singt diesen Titel auch.

Angesichts der großen Besetzung mit unterschiedlichen Musikern ist man versucht, die alte Weisheit 'Viele Köche verderben den Brei' anwenden zu wollen, doch eine hervorragende Gemeinsamkeit strahlt diese Veröffentlichung aus, so dass man spürt, dass angesichts dieser Einheit eine große einander zugeneigte Familie musiziert! Ja, schon lange nicht ist mir ein solch gelungenes Blues-Album dieser Art über den Weg gelaufen!


Line-up Pierre Lacocque’s Mississippi Heat:

Pierre Lacocque (harp, amplified harp -#6, 15), hand clapping -#6)
Sheryl Youngblood (vocals – #1, 4, 5, 7, 8, 10-13)
Danielle Nicole (vocals – #2, 9)
Omar Coleman (vocals -#14, acoustic harp – #6, 14)
Inetta Visor & Daneshia Hamilton (vocals – #3)
Nanette Frank, Diane Madison & Mae Koen ("Nadima") (background vocals & arrangements (#1, 4, 8, 10, 14, handclapping – #6)
Giles Corey (rhythm & lead guitar – #1, 3, 5, 6, 8, 9 – 14, slide guitar – #9)
Billy Flynn (rhythm & lead guitar – #2-5, 7, 13, 14, slide guitar – #10)
Johnny Iguana (acoustic piano – #1-5, 7, 8, 10, 14)
John Kattke (B3 organ, Fender Rhodes, piano, Wurlitzer – #1, 3, 4, 5, 9-11, 13)
Brian Quinn (bass – #1, 2, 5, 7, 8, 10-13)
Big Mike Perez (bass – #3, 4, 6, 14)
Jason "J Rock" Edwards (drums – #1, 3-6, 8, 10, 11, 13)
Kenny "Beedy Eyes" Smith (drums – #2, 7, 9)
Marc Franklin (trumpet & horn arrangements – #1, 8, 10, 14)
Kirk Smothers (saxophone – #1, 8, 10, 14, solo – #14)
Anthony "Tony" Alexander (percussion – #12, 14)
Natalie Bennison (hand clapping – #6)

Tracklist "Don’t Look Back":

  1. You Ain’t The Only One (3:09)
  2. Third Wheel (3:28)
  3. Quarter To Three (3:41)
  4. Stepped Out Of Line (4:53)
  5. Can’t Take It (4:12)
  6. Moonshine Man 2:56)
  7. Champin' At The Bit (3:50)
  8. Love (It Makes You Do Most Anything) (3:24)
  9. Shiverin' Blues (5:40)
  10. The Sock Hop (3:42)
  11. Blue Amber(3:33)
  12. I Ain’t Evil (4:08)
  13. Don’t Look Back (3:17)
  14. Four Steel Walls (3:20)

Gesamtspielzeit: 53:11, Erscheinungsjahr: 2025

Über den Autor

Wolfgang Giese

Hauptgenres: Jazz, Blues, Country
Über mich: Althippie, vom Zahn der Zeit geprägt, offen für ALLE Musikstile
Meine Seite im Archiv

Mail: wolfgang(at)rocktimes.de

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