Allgemeines Staunen ist angesagt: Wie schaffen es die Musiker von Deep Purple nur, ihre kreatives Potenzial so hochzuhalten? Rente mit 67 – Fehlanzeige! Das gibt es nicht mit Ian Gillan & Co. Immerhin haben er und Bassist Roger Glover im vergangenen Jahr das 80. Lebensjahr vollendet. Gründungsmitglied Ian Paice (78) am Schlagzeug und Keyboarder Don Airey (78) nehmen Kurs auf den runden Geburtstag. Nur Jungbrunnen Simon McBride (47) schert in dieser Auflistung aus, ist als Nachfolger von Steve Morse an der Gitarre unabhängig seines Alters eine Bereicherung innerhalb der Band, überzeugt im Studio wie auf der Bühne gleichermaßen.
Deep Purple haben die Schlagfrequenz bei regulären Studioalben zuletzt hochgehalten. Zwischen 2013 (Now What?!) und 2026 sind fünf Studioalben erschienen, nachdem es zuvor eine achtjährige Kreativpause gegeben hatte. Alle seit 2013 erschienenen Alben haben in Deutschland bisher den Olymp in den Verkaufscharts erklommen. Nun kann das gewöhnlich gar nicht der Anspruch einer Hard Rock-Band sein, doch sicher geht dieser Erfolg einher mit der Beliebtheit dieser Band. Weitere Gemeinsamkeiten aller Studioalben seit 2013: Sie wurden jeweils beim Label earMUSIC veröffentlicht und tragen die Handschrift des renommierten Produzenten Bob Ezrin. Es sind wichtige Konstanten, doch den Rahmen für solch erfolgreiche Produktionen stecken die Musiker von Deep Purple allein.
Wo steht "Splat!" in der Aufzählung der vergangenen Alben? Zunächst ist es erst einmal überraschend, was da aus den Boxen zu hören ist. Denn die erfrischende, modern wie zeitlos klingende Musik passt keineswegs in die Schublade einer 'Alt-Herren-Combo'. Das erst einmal voran. "Splat!" darf man guten Gewissens als individuelles, sehr eigenständiges Werk der 1968 gegründeten Formation einstufen. Deep Purple geben sich keinen Zwängen hin, sondern legen munter los. Sie klingen letztlich so, wie man es von der Band erwartet. Sie knüpfen sehr wohl an alte Traditionen an, halten es aber zuerst mit der Gegenwart.
Der flotte, 3:20 Minuten lange Opener "Arrogant Boy" stimmt den Hörer gut auf die musikalische Reise ein und sorgt für einen angenehmen Einstieg mit Gute-Laune-Faktor. Er zündet mit dem ersten Durchlauf. Mit "Diablo" lassen Gillan und Co. schon einmal die Anfangsjahre aufleben. Aprops Gillan: Der Sänger, der freimütig zugibt, nicht mehr den Stimmenumfang jugendlicher Jahre zu haben, wird mit jedem Titel so eingesetzt, dass er eine gute Partie abgibt. Bei "Diablo" kommen alle Instrumente gleichermaßen tragend zum Einsatz – ein Markenzeichen von Deep Purple. Schließlich kommt das Lied nicht über 3:18 Minuten hinaus. Hier greift das nächste Phänomen: Die Komposition ist so komplex angelegt, dass man das Werk als viel länger wahrnimmt. In der Summe bringen es die 13 Lieder, die jeweils auf knapp vier Minuten ausgelegt sind, auf eine versöhnliche Spielzeit von insgesamt 51 Minuten. Hier geizen die Protagonisten also nicht.
Die Fahrt geht weiter mit den gefälligen "The Rider" und "The Lunatic", die sofort gut ins Ohr gehen. Leerlauf ebenfalls Fehlanzeige. "The Lunatic" kommt klanglich an den Opener heran und sorgt gleichfalls für gute Stimmung. Dabei macht sich immer wieder das gute Gefühl breit: Irgendwie gehören Deep Purple für jeden Musikliebhaber zur Familie. Ohne die Briten und ihre Klassiker würde etwas fehlen. Vielleicht sind es keine großen Klassiker, die uns auf "Splat!" begegnen, doch in der Tat sind es überzeugende, eingängige Melodien. Dazu gehört unstrittig "The Only Horse In Town", das mit 4:42 Minuten längste Stück. Ein Hammer, der voll Fahrt aufnimmt, bei dem sich alle Akteure mächtig ins Zeug legen. Volle Kraft voraus! Ein echter Muntermacher. Deep Purple in bestechender Form. Ein Anspieltipp.
Der Gegenentwurf dazu ist "Guilt Trippin'", das neben Arrogant Boy und "Diablo" zuvor als Single ausgekoppelt wurde. Ein gefühltes Instrumental, das in der Grundstimmung düster daherkommt. Es ist aber der Grundstruktur ihres 24. Studioalbums geschuldet. Dazu lesen wir bei earMUSIC: »Auf 'Splat!' verwandeln Deep Purple das 'Ende der Menschheit' in ein Hard-Rock-Album. Dabei geht es nicht um Untergang oder Zerstörung, sondern um Transformation – Metamorphose über die physische Existenz hinaus. Was zunächst düster klingt, wird bei Deep Purple zu etwas unverkennbar Eigenem: getragen von jenem Sound und jener Haltung, die die Band seit jeher von allen anderen unterscheidet.« Das Besondere des Konzeptalbums aus musikalischer Sicht erklärt Frontmann Ian Gillan: »Ich muss sagen: Wir sind jetzt wieder ganz bei Material, das in einer Linie mit 'Highway Star', 'Smoke on the Water' und 'Lazy' steht – mit der Dynamik, Balance und dem Spaß, die unsere Musik von 1969 bis 1973 ausmachen.'
Deep Purple zum 24.: Man möchte gar nicht glauben, dass es schon das Finale gewesen sein könnte. Vielmehr liegt ein phantastisches, abwechslungsreiches Album vor, das sofort zündet. Für mich erfüllt die Band einmal mehr die Funktion eines Sympathieträgers. Freuen wir uns auf die anstehende Herbsttour 2026 mit mehreren Spielorten in Deutschland.
Line-up Deep Purple:
Ian Gillan (vocals)
Simon McBride (guitar)
Roger Glover (bass)
Ian Paice (drums)
Don Airey (keyboards)
Tracklist "Splat!":
- Arrogant Boy (3:19)
- Diablo (3:17)
- The Rider (3:57)
- The Lunatic (3:48)
- The Only Horse In Town (4:42)
- Sacred Land (3:33)
- The Beating Of Wings (4:01)
- Guilt Trippin' (4:53)
- Scriblin' Gib’rish (3:35)
- Jessica’s Bra (3:46)
- Third Call (4:20)
- My New Movie 3:46)
- Splat! 3:40)
Gesamtspielzeit: 51:14, Erscheinungsjahr: 2026



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