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Joe Bonamassa / The Spirit Of Rory – Live From Cork – CD- & DVD-Review

Joe Bonamassa / Titel des Albums: The Spirit Of Rory – Live From Cork – CD- & DVD-Review

Um erneut ein mittlerweile historisches, inzwischen aber wohl widerlegtes Zitat zu bemühen: »Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!« Dieses – insbesondere den älteren von uns und politisch Interessierten – bekannte Zitat kann man auch auf das vorliegende Album übertragen. Oder vielleicht doch nicht?

Joe Bonamassa hat im vergangenen Jahr drei Konzerte in Rory Gallaghers Geburtsstadt im irischen Cork gespielt; von angeblich lediglich einem Abend stammt das Album "The Spirit Of Rory – Live From Cork". Es enthält ausschließlich von Rory Gallagher komponierte, zumindest aber interpretierte Songs; Joe hat dabei u.a. das legendäre Irish Tour-Album (bis auf zwei Songs) nachgespielt. Das Opus erscheint physisch in zwei/drei Varianten: Als CD wahlweise mit einer DVD oder BluRay, oder als Do-Vinyl (wohl ohne Video-Adaption). Das ist vom Grundsatz her schon einmal löblich: in der Vergangenheit wurden Live-CDs von Joe Bonamassa oft zeitlich getrennt von den Video-Dokumentationen veröffentlicht, was mehr Umsatz versprach!

Das allererste Album von Joe Bonamassa "A New Day From Yesterday" aus dem Jahr 2000 beginnt mit "Cradle Rock". Mehr braucht man eigentlich nicht zu sagen, um die Bedeutung hervorzuheben, die der irische Bluesrock-Gitarrist auf den noch jungen Bonamassa hatte. Auch wenn dieser vorliegend feststellt, dass Rorys Musik ein Teil von ihm sei, ist dies bislang allerdings soweit ersichtlich der einzige von Rory Gallagher komponierte Song, den Joe je gecovert hat. Er gehört bis heute in sein Live-Repertoire; in meiner – wahrscheinlich vollständigen Bonamassa-Sammlung findet sich das Stück sechs Mal. Weitere – vereinzelte – Überschneidungen im jeweiligen Songbook haben ihre Erklärung darin, dass beide Gitarristen dieselbe Drittkomposition gecovert haben.

Wieviele Tribute-Alben zugunsten von Rory Gallagher gibt es? Nein, ich meine nicht die zahllosen Gallagher Cover-/Tribute-Bands bzw. -Konzerte, deren Inhalt allein darin besteht, die Musik des legendären Rory Gallagher möglichst originalgetreu nachzuspielen. Ich frage nach gestandenen Musikern, die mit einem besonderen Album der irischen Bluesrock-Ikone huldigen wollen. Mir fällt da spontan nur Richie Arndt ein, der zusammen mit seinen Bluenatics und einigen nur allzu bekannten Freunden mit seinem grandiosen Rorymania-Album eine Scheibe abgeliefert hat, die der gestandene RockTimes-Redakteur Joachim 'Joe' Brookes einst begeistert als 'faszinierendes Album' beschrieben hat.

Jetzt also Joe Bonamassa. Die Idee hierzu kam von Rorys Familie, was Joe nach eigenen Angaben mit großem Stolz, aber auch – überraschend – Selbstzweifeln erfüllt hat. Dennoch – dies ergibt sich aus einem Interview mit ihm im Vorspann zur DVD – habe er von Anfang an erklärt, nicht lediglich Rory Gallagher nachspielen zu wollen, sondern dessen Songs so spielen zu wollen, wie er es halt täte. Um es vorweg zu nehmen: Das ist ihm gelungen – nicht weniger, aber auch nicht mehr!

Bonamassa hat sicherlich gut daran getan, nicht mit seiner amerikanisch geprägten Band nach Cork zu reisen. Vielmehr hatte er mit Aongus Ralston und Conor Brady zwei waschechte Iren mit an Bord. Und der Brite Jeremy Stacey ist ja schließlich der 'Nachbar von nebenan'. Den Höhepunkt an Authentizität stellt natürlich die phasenweise Teilnahme von Gerry McAvoy dar, langjähriger Bassist von Rory Gallagher, der auch u.a. auf der berühmten Irish Tour von 1974 mit dabei war. Das alles kam natürlich beim irischen Publikum vortrefflich an. Mit dabei von Joes aktueller Band waren lediglich sein (neuer) Keyboarder Lachy Doley – als Australier immerhin Commonwealth-Mitglied – der in Aussehen und Gehabe auf der Bühne an den früheren Bonamassa-Keyboarder Arlan Schierbaum erinnert, sowie seine Background-Sängerin Jade MacRae, die lt. Booklet 'Guest Vocals' beigesteuert hat, allerdings ausschließlich bei "A Million Miles Away", und das jedoch derart 'hintergründig', dass man auf ihren Auftritt (und die dadurch verursachten Spesen) getrost hätte verzichten können.

Ein weiteres Highlight an Authentizität (und mehrfach hervorgehoben) ist schließlich, dass Joe bei "As The Crow Flies" Rorys legendäre eigene National Triolian Resonator-Gitarre von 1930 spielen durfte. Aber auch das ist nicht völlig neu: Bereits im Jahr 2013 hat Joe für sein Konzert in der Royal Albert Hall im Rahmen seiner "Tour De Force" – und dort für den Song "Slow Gin" – Rory Gallaghers 1961 Stratocaster Sunburst ausgeborgt (die sich damals allerdings wohl im Besitz von Bernie Marsden befand). Für YT-Videos hat er im vergangenen Jahr zudem mehrere Gitarren von Rory Gallagher vorgestellt und bespielt.

Genug der – viel zu langen – Vorrede: ich habe mir zunächst die CD zu Gehör gebracht, denn ich wollte wissen, wie Joe Rorys Songs spielen würde. Ja, man erkennt die Songs sofort, und sie werden halt nicht von Rory, sondern von Joe gespielt: technisch einwandfrei, aber nach meinem Gefühl zu glatt, zu sauber, dennoch aber mit technischen Frickeleien, wie man sie von Joe kennt. Ein im Großen und Ganzen ordentliches JB-Album, und es ehrt ihn, dass er sich Rorys Musik angenommen und eingespielt hat. Die aufnahmetechnische Qualität ist über jeden Zweifel erhaben; glasklarer Sound. Das ist auch kein Wunder, denn zwischen der Irish Tour von 1974 und dem vorliegenden Konzert liegen mehr als 50 Jahre auch technischer Entwicklung.

Wer allerdings den 'dreckigen' Sound erwartet, den man mit Rory Gallagher verbindet, der wird enttäuscht sein. Den kann er nicht, den will er nicht (s.o.). Alles ist halt eine Frage des 'Erwartungshaltungs-Managements'! Mich enttäuscht allerdings etwas anderes viel mehr: die Live-CD ist relativ steril eingespielt; der Applaus wird schnell ausgeblendet, und ein Song folgt dem nächsten, ohne dass irgendwelche Zwischenansagen oder aber eine Vorstellung der Band zu hören sind. Hier fallen Joe Bonamassa bzw. sein Leib-und-Magen-Produzent Kevin Shirley in früher bereits praktizierte Muster zurück, die einer Konzert-CD nahezu jeglichen Live-Charakter nehmen. Das war zwischenzeitlich deutlich besser geworden.

Noch drastischer fällt diese 'Kastration' auf, wenn man die CD mit der DVD vergleicht: Auf der CD dauert das Konzert knapp 80 Minuten (was dem üblichen Speicherplatz einer CD entspricht); auf der DVD – bei identischer Set-List (!) – hingegen über 107 Minuten (ohne die "Opening Scene" bzw. die "End Credits"! Hier gibt es lang anhaltenden Applaus, hier gibt es die Band-Vorstellung, hier gibt es einen Hinweis darauf, bei welchen Songs Gerry McAvoy mitgespielt hat (nämlich lediglich bei "Bullfrog Blues" und bei "Treat Her Right"), und hier gibt es die charmante Vorstellung von Jade MacRae. Das alles erklärt aber immer noch nicht den gewaltigen zeitlichen Unterschied von über 27 Minuten, den die beiden Konzert-Dokumente auseinander liegen. Bei manchen Songs sind deren Spielzeiten auf der DVD drei, vier oder sogar fünf Minuten länger! Hier wurde für die CD nicht nur der Applaus 'kastriert', sondern die Songs selber wurden musikalisch gekürzt. So entfallen oftmals die eigentlich genialen Soli von Joe, für die man einen Live-Auftritt von ihm bzw. eine Dokumentation darüber ja erleben möchte. Auch das Solo des Keyboarders bei "I Wonder Why" wurde um ein Drittel gekürzt. Leute, hier hört der Spaß m.E. auf! Das geht gar nicht! Und der begrenzte Speicherplatz einer CD ist m.E. auch keine überzeugende Erklärung: man hätte – wenn man denn nur gewollt hätte – gut und gerne eine Do-CD mit akzeptabler Spielzeit für beide Scheiben herausbringen können. Beide – Joe wie insbesondere auch Rory – hätten es verdient, dass auch der Hörer der CD(s) den vollen Konzertgenuss erleben könnte.

Was der Käufer der Vinyl-Ausgabe zu hören bekommt, vermag ich nicht zu sagen; ich befürchte jedenfalls nicht mehr als der CD-Konsument! Und das visuelle Erlebnis bleibt ihm verwehrt, denn eine DVD/BluRay gibt es nicht einzeln.

Wenn man in diesem Kontext überhaupt etwas Positives anmerken möchte, dann den Umstand, dass man auf der CD die beschriebenen 'Kastrationen' nicht mitbekommt; auch die Produktion ist diesbezüglich einwandfrei. Aber das rettet die Situation auch nicht mehr!

Ach ja, bei der DVD gibt es natürlich noch das obligatorische Bonusmaterial: u.a. ein Spaziergang von Kevin Shirley mit Rorys Bruder Dónal durch die Gegend, in der die Brüder aufgewachsen sind, eine (sehr kurze) Vorstellung von Rorys akustischer Gitarre, sowie zehn Minuten Interviews mit in das Projekt (mehr oder weniger intensiv) eingebundenen Personen.

Mein Resümee ist ambivalent: man bekommt – jedenfalls als Konsument der Video-Ausgabe – ein tolles Joe Bonamassa-Konzert in gewohnter Qualität und Güte, mit einer tollen, rundum passenden Band und mit Songs, die man von Rory Gallagher her kennt. Und das sich einreiht in die Liste von Joes Tribute-Konzerten Muddy Wolf At Red Rocks, "Live At The Greek Theatre" (The Three Kings) oder auch "British Blues Explosion – Live". Jedoch: Rorys 'Spirit' habe ich nur vereinzelt gespürt (am intensivsten bei Joes Solo-Nummer "As The Crow Flies"; ähnlich erging es wohl auch dem Publikum). Vielleicht gehören beide Musiker doch nicht so eng zusammen; vielleicht ist das auch der Grund, warum Joe in der Vergangenheit keine weiteren Songs von Rory gespielt hat, obwohl ’seine Musik ein Teil von ihm sei'. Aber vielleicht hatte ich auch nur die falsche Erwartungshaltung!


Line-up Joe Bonamassa:

Joe Bonamassa (guitar, vocals)
Aongus Ralston (bass)
Conor Brady (guitar, vocals)
Jeremy Stacey (drums)
Lachy Doley (keyboards)
Jade MacRae (guest vocals)

Special guest:
Gerry McAvoy (bass – #8,9))

Tracklist "The Spirit Of Rory – Live From Cork":

CD

  1. Cradle Rock (6:45)
  2. Walk On Hot Coals (4:14)
  3. Tattoo´d Lady (5:31)
  4. I Wonder Who (6:00)
  5. Calling Card (4:43)
  6. Who´s That Coming (6:50)
  7. Messin´ With The Kid (3:04)
  8. Bullfrog Blues (5:18)
  9. Treat Her Right (5:11)
  10. Bad Penny (5:01)
  11. I Feel Apart (9:03)
  12. A Million Miles Away (7:42)
  13. As The Crow Flies (4:57)
  14. Back On My Stompin´ Ground (4:55)

Spielzeit DVD

  1. (6:46)
  2. (8:47)
  3. (7:46)
  4. (11:19)
  5. (6:09)
  6. (10:11)
  7. (5:50)
  8. (5:37)
  9. (5:32)
  10. (5:22)
  11. (10:37)
  12. (8:02)
  13. (8:08)
  14. (5:18)

Gesamtspielzeit CD: 79:14, DVD: 104:29, Erscheinungsjahr: 2026

Über den Autor

Jürgen Hauß

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