Irgendwie kommt es mir vor, als wäre es erst vor ein paar Monaten gewesen, als die RockTimes-Redaktion Gary Stephen 'Angry' Anderson zum siebzigsten Geburtstag gratulierte und ihm noch viele weitere produktive und aktive Jahre wünschte. Wie einen das Zeitgefühl doch täuschen kann, denn tatsächlich wurde dieser Zwischenruf bereits im August 2017 geschrieben und veröffentlicht. Nun ist der oben beschriebene Wunsch zwar in Erfüllung gegangen und dennoch hat uns der gute Angry am 21. September 2026 im Alter von 79 Jahren – zumindest in seiner menschlichen Hülle – für immer verlassen.
Seine Kindheit im australischen Melbourne als wohlbehütet und erfüllt zu beschreiben hätte in etwa den selben Sinngehalt, als einem Eskimo in seiner Heimat eine Sonnenschutzcreme verkaufen zu wollen. Anderson wuchs mit einem gewalttätigen Vater auf, der niemanden seiner Sippe mit seinen täglichen Ausbrüchen verschonte und obendrein wurde er innerhalb der Familie auch noch Opfer von pädophilen Übergriffen. Zwei einschneidende Realitäten, die den Mann für sein ganzes Leben prägten. In seinen Jugendjahren 'erarbeitete' sich der kleinwüchsige Ozeanier in seiner Straßen-Gang ziemlich schnell den Spitznamen 'Angry' ('wütend', Anm. d. Verfassers), da er keiner verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzung aus dem Weg ging und dabei eine 'beeindruckende' Intensität und Aggression an den Tag (bzw. die Nacht) legte. Klar, irgendwo mussten der tiefe Frust, die Verwirrung und die tiefgehende Erschütterung über die ihm angetanen Ungerechtigkeiten als wehrloses Opfer auch hin.
Glücklicherweise entdeckte er dann die Musik für sich und fing an, seinen Frust lieber auf der Bühne vor einem Mikro raus zu brüllen, als die nächste Schlägerei zum Dampf ablassen einzugehen. Nach eigenen Aussagen wäre der Protagonist schon sehr bald im Knast gelandet und wahrscheinlich nie mehr rausgekommen, wäre nicht die Musik dazwischen gekommen. Die erste Band, mit der er im etwas helleren Scheinwerferlicht stand, nannte sich Buster Brown. Immerhin ein Studioalbum ("Something To Say", 1974) sprang dabei raus, bei dem übrigens Phil Rudd hinter dem Schlagzeug saß, der nicht sehr viel später von AC/DC abgeworben wurde. 1976 zog er zusammen mit dem Bassisten und Ex-Buster Brown-Kollegen Geordie Leach von Melbourne nach Sydney, wo Pete(r) Wells (R.I.P., Ex-Buffalo) gerade eine neue Band mit dem Namen Rose Tattoo gegründet hatte. Unzufrieden mit dem ursprünglichen Sänger wurde dieser Posten neu angeboten und Angry Anderson erhielt die Zusage. Nebenbei wurde auch Leach aufgenommen, nachdem der Original-Bassist Ian Rilen die Band verlassen hatte. Der Rest ist Geschichte.
Diese Band veröffentlichte die Klassiker-Alben Rose Tattoo (in manchen Ländern auch als "Rock’n’Roll Outlaw" auf den Markt gebracht) aus dem Jahr 1978 sowie Assault & Battery (1981), das sehr starke Scarred For Life (1982) und das mit fast komplett neuem Line-up eingespielte und eher durchwachsene Southern Stars (1984), bevor erst mal Feierabend war. Anschließend spielte Anderson (neben Mel Gibson und Tina Turner) eine größere Rolle in dem Kinostreifen "Mad Max 3 – Jenseits der Donnerkuppel", bevor er ein Soloalbum einspielte. Zwar befand sich darauf sein größter Hit "Suddenly", mit dem er auch auf Platz 1 der australischen Charts kam, der aber – wie auch der Rest des Albums – so gut wie gar nichts mehr mit seiner früheren Band zu tun hatte. Wie Plattenfirmen aber nun mal so sind, wurde die Scheibe gegen Angrys Willen unter dem Namen Rose Tattoo veröffentlicht, was die Fans der frühen Alben natürlich erheblich vor den Kopf stieß. Erst in den frühen Neunzigern kam es nach einer Verzögerung (der Original-Drummer Dallas 'Digger' Royalle verstarb relativ plötzlich, was erst mal seelisch verarbeitet werden musste) zur Reunion und die Tatts wurde von Guns 'N Roses als Vorgruppe für eine US-Tour eingeladen.
Im späteren Leben wurde Angry Anderson als Host einer TV-Show im Fernsehen sehr populär und gründete und arbeitete pausenlos in Hilfsorganisationen für missbrauchte Kinder und Jugendliche. Immer wieder gab es meist relativ kurzfristige Reunion-Tourneen der Tatts und mit "Pain" (2002), Blood Brothers (2007) sowie Outlaws (2020) erschienen auch noch drei Studioalben. Neben all diesem Treiben wurde der Mann dann in seinem Heimatland auch noch politisch aktiv und wollte sogar Präsident (oder je nachdem wie das in Australien heißt) werden. Dazu kam es jedoch nie und das soll an dieser Stelle auch nicht das Thema sein. Ausschlaggebend für mich ist die Tatsache, dass sowohl die Texte von Rose Tattoo, als auch die seiner Soloalben niemals politisch waren.
Und die persönliche Erfahrung des Autors mit dem Australier, selbst wenn ich diese in anderen Reviews bereits ausgeführt habe: Zu einem Zeitpunkt, als mein musikalisches Bewusstsein so richtig erwacht war, hauten mich in den ganz frühen Achtzigern in Fernseh-Sendungen wie beispielsweise "Musikladen" speziell die Bands Motörhead und eben jene Rose Tattoo komplett aus den Latschen. So sehr anders, so sehr eigen, so dermaßen gleichgültig was das Publikum oder auch der Rest der Welt von ihnen hielt, so wahnsinnig viel Energie und Spielfreude und dazu das unumstößliche Empfinden, dass diese Jungs da von der Wahrheit, von dem tatsächlichen Leben auf der Straße sangen und sich durchaus zu wehren wussten. Das im Studio sitzende Publikum war jeweils geradezu ins Mark getroffen und das nicht unbedingt deshalb, weil es diese 'zutätowierten Knastbrüder' so ganz furchtbar toll fand und auch die Lautstärke schien außerhalb des Wohlfühlbereichs zu liegen. Herrlich und ohne Filter wie ein Schwamm aufgesogen in mein damals noch sehr junges Herz.
Wer das heute nachvollziehen möchte, dem sei die CD/DVD Transmissions – On Air 1981 ganz nah ans Herz gelegt, auf deren DVD vier Songs aus dem "Musikladen" und nochmal vier (teilweise überschneidend) aus dem französischen Fernsehen zu genießen sind.
Und genau dort (in meinem Herz) ist Rose Tattoo bis heute auch geblieben. Der eine oder andere wird es vielleicht sonderbar oder nicht nachvollziehbar finden, aber: Obwohl der Autor AC/DC mag und immer schon mochte, waren und sind seine unangefochtenen musikalischen australischen Helden mit weitem, nein, mit ganz weitem Abstand Rose Tattoo. Aus den glorreichen Anfangsjahren haben uns mittlerweile sowohl 'Digger' Royalle, Pete Wells, Mick Cocks und nun auch Angry Anderson verlassen. Einzig der Bassist Geordie Leach weilt noch unter uns. Sowohl Angry Anderson als auch die Band Rose Tattoo wird der Welt fehlen und hinterlässt eine tiefe Lücke, die so schnell – für mich wahrscheinlich nie – mehr gefüllt werden wird.
Rest in peace, Angry, in meiner Anlage werden deine Songs so lange laufen, bis ich selbst 79 bin. Mindestens!



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