Ritchie Newton ist in jeder Hinsicht ein Tausendsassa und eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Der gebürtige Straubinger, Jahrgang 1964, arbeitete als Koch, BMW-Fließbandarbeiter, Gerüstbauer und später mit eigenem Catering-Service. Doch der berufliche Steckbrief ist nichts gegen seine Vita als Musiker. Sein Großvater, der ein Berufsmusiker war, muss wohl bei der Geburt an der Wiege gestanden haben. Schon im zarten Alter von zehn Jahren wagte Newton seine ersten musikalischen Schritte als Trommler im Spielmannszug Oberalteich, ehe er zwei Jahre später mit dem Elvis-Presley-Song "His Latest Flame" vor seiner Schulklasse als Sänger auftrat. Das Thema Elvis Presley sollte ihn in der Zukunft nicht mehr loslassen: Nachdem der Rockmusiker 1997 nach Thailand ausgewandert war, tourte er ab 1999 mit einem Elvis-Tribute durch Thailand und Europa.
Dazwischen liegt eine fast unüberschaubare Zahl an musikalischen Bandprojekten. Die professionelle Musikerkarriere begann mit der Deutschrock-Band Rotzloeffel. Dem folgte 1983 die erste Heavy Metal-Band mit Namen Lucifer. Die Hard Rock-Band MASS erblickte 1987 das Licht der Welt, gefolgt von der Speed Metal-Band Pussy Lufer und der Biker-Band Georgia Molly Gang. Mehr oder weniger gab es bis dahin für jedes Genre die passende Band. Die Serie der Aufzählungen ist damit aber nicht vollzählig. Neben eigenen Buchprojekten blieb noch Zeit für das selbstbetitelte Projekt Ritchie Newton. "Higher Power" ist das zweite Album der Band, daneben erschien eine EP und aus "Higher Power" zwei Singles mit dem dazugehörigen Video – natürlich mit der eigenen Medienproduktionsfirma Newton ArtworXX realisiert.
Folglich lohnt es sich, bei "Higher Power" einmal genau hinzuhören, wie ein derart kreatives Unikum wie Ritchie Newton nach einer mehrjährigen Schaffenspause ein neues Album mit 13 Tracks, inklusive zweier Bonuslieder, an den Start bringt. Ritchie Newton stellt an sich und seine Musik in der Öffentlichkeit keine besonderen Ansprüche. Er musiziert munter drauf los, überlässt allerdings nichts dem Zufall, indem er sich für die Produktion "Higher Power" gestandene Musiker an seine Seite holt.
Was jedoch auffällt, ist die inhaltliche beziehungsweise textliche Umsetzung der englischsprachigen Titel, die alle ein hohes Maß an Tiefgang an den Tag legen. Dazu lesen wir im Begleitmaterial zum Albums: »Neun Songs auf der LP-Version, beziehungsweise auf der CD- und digitalen Fassung, erzählen persönliche, emotionale Geschichten, die zwischen Schmerz und Hoffnung, Zweifel und Lebensmut eine berührende Reise durch die Höhen und Tiefen des Menschen zeichnen.« Gesagt, getan, denn genau diese Gemütsschwankungen nimmt der Hörer auf sich und durchlebt musikalisch ein Auf und Ab der Gefühle. Mal leise und mal lauter.
Zum musikalischen Ursprung der Platte erfahren wir: »Nachdem das Album bereits im September 2024 mit der gleichnamigen Single 'Higher Power' sowie im Dezember 2024 mit dem zweiten Appetizer 'Crying In The Summer Rain' erste Eindrücke lieferte – bei letzterem wirkten unter anderem Gitarrist Armin Sabol (Peter Schilling, Die Fantastischen Vier), Bassist Marco Mendoza (Whitesnake, Thin Lizzy) und Jimmy Katone (Hit The Ground Runnin', Katone) mit – steht nun das dazugehörige Studioalbum in den Startlöchern.«
Mit den ersten beiden Kompositionen legen Ritchie Newton und seine Bandkollegen los wie die Feuerwehr. Der Titeltrack wird seinem Namen gerecht. Auf dem folgenden "Come Give Me Your Love" hören wir, wie Newtons Stimme sehr gut zum Heavy Metal passt. Rock’n’Roll-lastig ist "Crying In The Summer Rain". Es strotzt nur so voll guter Laune und man glaubt, eine geschlossene Biker-Flotte entlang des Highways beobachten zu können. Ein Lebensgefühl des Rockmusikers, der hier aber über Verzweiflung und innere Stärke singt.
"I Lost My Faith In You" ist die erste Ballade des Albums und schon verliert die Reise ein wenig die Orientierung. Es folgen im Wechsel immer ein Lied mit rockiger Struktur und ein gefühlvolles, langsames Lied. Das Programm "Higher Power" gerät somit aus der Reichweite. "Glory Harlelujah" wurde bereits mit einem Augenzwinkern angekündigt und wir lassen lassen es deshalb einmal außerhalb der Konkurrenz laufen.
Ein starkes Stück ist "Saxanna", während der Höreindruck zu Beginn von "King Of The Night" Anlass zu der Frage bietet, wie wohl das Lied als Instrumentalstück klingen könnte, sozusagen als eine willkommene Zäsur.
Mit "Goodbye My Litte Boy " erreicht das Album seinen emotionalen Höhepunkt. Das Lied hat Newton seinem verstorbenen Sohn Rino gewidmet. »Die herzzerreißende Hommage an einen kleinen Helden, voller Mut, der trotz seines Leidensweges nie seine Lächeln verloren hat, erinnert den Zuhörer daran, was wirklich im Leben zählt. Ritchie Newton verarbeitet diesen Schicksalsschlag gemeinsam im Feature mit dem von Jester’s Tears bekannten Gitarristen Tobias Dorner,« lesen wir hierzu.
Die Dynamik der Anfangsstücke hält das Album nicht bis zum Finale durch. Neben der angesprochenen Texttiefe hat Newton großen Wert auf die Gitarrenarbeit gelegt. Zuweilen untermalen Streicher das Gefüge. Ein Album, dem es scheinbar an den Nichts fehlt, das dennoch eine Gesamtstruktur vermissen lässt und die berechtigte Frage erlaubt: Wo ist die "Higher Power" geblieben?
Machen wir uns nichts vor: Wenn die Fleißarbeiter unter den Projekttüftlern loslegen, dann wollen sie mit einem Mal viel erreichen. Manchmal gar zu viel. Ein Festhalten an den beiden 2024er-Produktionen hätte wohl die Scheibe beflügelt. Vielleicht gar als Konzeptalbum ausgelegt und wir hätten ein Juwel feiern können!
Line-up Ritchie Newton:
Ritchie Newton (vocals)
Iwan May (guitar)
Dodi (bass)
Layphan Reyphare (keys)
Dandy (drums)
With
Hans Ziller [Bonfire] (guitar)
Frank Pané [Bonfire] (guitar)
Armin Sabol (guitar)
Markus Pfeffer [Winterland] (guitar)
Boris Matakovic (saxophone)
Dave Slaat (keys)
Jimmy Katone (drums)
Tracklist "Higher Power":
- Higher Power
- Come Give Me Your Love
- Crying In The Summer Rain
- I Lost My Faith In You
- Glory Harleyluja
- Saxanna
- King Of The Night
- When Children Cry
- Goodbye My Little Boy
- Winds Of Destiny
- Woman In Doubt
- Come Give Me Your Love (Iwan May Version) (Bonus)
- I Lost My Faith In You (Iwan May Version) (Bonus)
Gesamtspielzeit: 61:08, Erscheinungsjahr: 2026



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