Fast schmerzlich intensive Auferstehung eines ehemaligen Gitarren-Wunderkindes
Erinnert sich noch jemand an den Gitarristen, Songwriter und Sänger Ryan McGarvey?
Der gute Mann ist sowohl im Magazin-Archiv, als auch im aktuellen Layout mit etlichen Artikeln vertreten, alle fünf bisher erschienenen Alben und etliche Live-Konzerte lassen sich in Form von Rezensionen und Erlebnisberichten nachlesen. Es ist unschwer zu erkennen, dass seine Live-Aktivitäten in Europa vor 15 Jahren starteten, gleichsam ist aber plötzlich nach 2019 nichts mehr über den Musiker aus Albuquerque, New Mexico, zu erhaschen.
Geradezu spurlos verschwunden der Mann, dabei war er doch beispielsweise 2010 und 2019 bei den jeweiligen Auflagen von Eric Claptons Crossroads Guitar Festival im Line-Up und cruiste gemeinsam mit Joe Bonamassa auf dessen Blueskreuzfahrt in die Beletage der Nachwuchsgitarrengötter.
Was war also passiert?
Im März 2020 bremste bekanntlich eine Pandemie eine komplette Branche gnadenlos aus und brachte selbige und ihre Beteiligten an den Rand des Ruins. Im Hochsommer desselben Jahres konnte Ryan McGarvey plötzlich infolge höllischer Schmerzen im linken Arm keine Gitarre mehr halten, geschweige denn spielen. Es folgte eine Odyssee an Untersuchungen und Diagnoseversuchen, die letztlich zu einer ersten Operation führten. Leider ohne Erfolg, die Odyssee ging weiter, die Ursache der Probleme war immer noch nicht gefunden … und das in einem Land, welches eine Krankenversicherung im eigentlichen Sinne nicht kennt.
Im August 2023 gipfelten alle Bemühungen in einer zweiten Operation, die scheinbar sehr riskant war. Der Mut und die anzunehmende Verzweiflung des Vollblutmusikers sollten glücklicherweise belohnt werden, so dass Ryan McGarvey nach sehr langer Ergotherapie letztes Jahr endlich wieder das Saitenspiel zelebrieren konnte, dem Saft seiner Begierde und das große Ziel seiner intrinsischen Motivation, um das ganze Dilemma auch psychisch überwinden zu können.
Der Gedanke ist naheliegend, dass der Künstler so schnell wie möglich wieder auf die Bühne und ins Studio zurückkehren wollte, so dass es im September 2025 in seiner Heimat tatsächlich zum Bühnen-Comeback kam und im weiteren Verlauf auch ein neues Studioalbum mit Originalmaterial auf den Weg gebracht werden konnte.
"Up From The Ashes" ist dieses Album sehr treffend betitelt, wenn auch ein gewisser Don Dokken anno 1990 für sein erstes Soloalbum diesbezüglich vorgegriffen hatte. Dokken stand damals aber lediglich vor den Ruinen seiner gleichnamigen Combo, während McGarvey nicht zufällig den Album-Opener "Back To Life" betitelt hat, welcher bereits seit einiger Zeit bei den diversen Streamingportalen zur Verfügung steht. Musikalisch gibt es hier noch keine Überraschung, der Bass dräut, sein alter Schlagwerker-Kumpel Logan Miles Nix wirbelt, die Effekt-Saitenwand knallt … aber halt … das eigentliche Solo wird mit Röhrchen gespielt, ein netter Kontrast. Und Kontrast soll sich tatsächlich als Leitmotiv durch dieses Album ziehen.
"In The Graveyard" deutet auch textlich unmissverständlich darauf hin, dass die Zeiten von "Ain’t Enough Whiskey" (Heavy Hearted, 2018) vorbei sind. Hier besticht eine passende dunkle, sehr intensive Stimmung, die von erstklassigem Slide-Spiel und ausgesprochen eindringlichem Gesang getragen wird. So hat Mensch Ryan McGarvey jedenfalls noch nie(!) gehört. Das introspektive "Edge Of Eternity" wird gleichfalls von der genialen Slide veredelt und durch die Taste von Brant Leeper (Coco Montoya) abgerundet.
Wie, bisher kein Blues?
Keine Bange, "Gone Come Morning" gibt den klassischen Bluesrocker, wiederum dominiert von einem diesmal energetischen Slide-Spiel. "Searching For You" bietet tatsächlich im ersten Teil sanfte (und eindringliche!) Balladenkost mit Akustikgitarre und Klavier, bis dann die Bridge kommt und Ryan McGarvey seinen berüchtigten Effektfuhrpark anschmeißt … Mist … wird nix mit der Übernahme auf einen Kuschelrock-Sampler.
Darf’s ein bisschen Hardrock-Riffing sein?
"All I’ve Got" könnte auch von den Simon McBride–Deep Purple stammen, nur dass Ryan McGarvey hier mehr Dreck und einen unwiderstehlichen Schmiss anzubieten hat, während er als Sänger seine Grenzen auslotet. "Nothin' Worth Living For" lässt dann das Blut in den Adern gefrieren, sehr atmosphärisch und intensiv wird ein Americana-Ansatz geboten, der manches andere im Genre eher wie harmlosen Schlager ausschauen lässt.
Schon wieder Purple?
Das Intro zu "Have Mercy" legt "Hush" anno 1968 nahe, entwickelt sich dann aber zu einem soliden Bluesrocker, in welchem die Effektmaschinerie des Saitenartisten glänzen darf. Deutlich reduzierter führt uns eine akustische Slide in "Cold Prison Cell" ein, einem Titel, der die Gefühlswelt des Protagonisten erahnen lässt. Fortan übernimmt die elektrische Slide in einer Intensität, die fast weh tut, aber spieltechnisch einem Laien wie dem Rezensenten den Eindruck vermittelt, als hätte Ryan McGarvey trotz seiner gesundheitlichen Achterbahnfahrt nichts von seiner Klasse eingebüßt. Im Gegenteil, es scheint insgesamt noch mehr Tiefe und Nuancenreichtum in seinem Spiel vorhanden zu sein. "Filthy Lies" klingt nicht nur im Titel ziemlich aggressiv, hier toben sich die Effektgeräte und strammes Riffing fein aus und schreien danach, auch bitte auf einer Bühne dargeboten zu werden.
Die neue Webseite von Ryan McGarvey macht immerhin Hoffnung darauf, dass es im Oktober dieses Jahres Live-Termine in Europa geben könnte.
Zum Abschluss serviert uns der Rekonvaleszent mit "When The Levee Breaks" eine leckere Portion Led Zeppelin, garniert mit dunklem Riffing, dem Bassspiel des alten Jimmy Page-Gefährten Tony Franklin (The Firm) und einem wiederholt glänzenden Röhrchen.
Fazit:
Lange verschollen, lange Leidensgeschichte, die physisch und psychisch an die Substanz gegangen sein dürfte (siehe aktuelle Fotos) und ein Album wie Phönix aus der Asche. Im so hinreichend ausgelutschten Genre des Bluesrocks mit Hard- und Classicrock-DNA ist "Up From The Ashes" tatsächlich programmatisch zu verstehen! Leider stark Lautstärkekomprimiert, wie alle bisherigen Veröffentlichungen von Ryan McGarvey.
Ab sofort in Deutschland exklusiv bei 'Just For Kicks Music' zu erstehen.
Line-up Ryan McGarvey:
Ryan McGarvey (vocals, guitars)
Logan Miles Nix (drums, percussion )
Artha Meadors (bass)
Brant Leeper (keyboards)
Ken Riley (additional backing vocals)
Guest:
Tony Franklin (bass -#2,7,11)
Tracklist "Up From The Ashes":
- Back To Life (3:26)
- In The Graveyard (6:09)
- Edge Of Eternity (4:30)
- Gone Come Morning (3:07)
- Searching For You (5:07)
- All I’ve Got (3:51)
- Nothin' Worth Living For (5:40)
- Have Mercy (3:46)
- Cold Prison Cell (5:48)
- Filthy Lies (3:52)
- When The Leaves Break (5:31)
Gesamtspielzeit 50:49; Erscheinungsjahr 2026



1 Kommentar
Jürgen aus Bonn
17. Mai 2026 um 15:17 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Hallo Olli,
ich erinnere mich noch an Ryan McGarvey (hab ihn mehrfach im Schwarzen Adler in Rheine gesehen) und hatte ebenfalls in den letzten Jahren die Spuren zu diesem Ausnahmekünstler verloren und neue Musik von ihm vermisst. Vielen Dank für die ausführlichen Erläuterungen und den Hinweis auf sein neuestes Output, das leider noch nicht verfügbar ist; aber ich behalte es "auf dem Schirm".
Nach Deinem Review bin ich sehr gespannt auf die Scheibe.
Bluesige Grüße
Jürgen aus Bonn