Ein Musiker der britischen Prog-Rock-Szene, Rob Harrison, stellt sich mit seinem Album "Overflow" vor, welches neben überwiegenden proggiger Ausrichtung auch viele avantgardistische Merkmale aufweist. Es ist sein nun zweites Album, das als Konzeptalbum verstanden sein will, mit einem losen Zusammenhang, das die unberechenbare Natur des Wassers und die Absurdität des menschlichen Geistes thematisieren soll. Hierbei hilft dann auch ein recht ungewöhnliches Instrumentarium, indem Rob mit Wasserperkussion und Glasflaschen zur Erzeugung von Klangmustern arbeitet.
Ansonsten dürfte einigen Prog-Anhängern sicher die Mitarbeit des Protagonisten in Bands wie Z Machine oder Mascot Moth bekannt sein. Und seine musikalischen Einflüsse sollen sich aus Formationen wie unter anderem Gong, Gentle Giant, Hermeto Pascoal, Ivor Cutler, Jethro Tull, Mahavishnu Orchestra und King Crimson rekrutieren, was man durchaus im Laufe der Spielzeit der acht Songs teilweise nachvollziehen kann. Und bis auf ein wenig Mithilfe auf zwei Stücken agiert Harrison fast im Alleingang, bis auf den Drummer Eliseo Salverri, der auf allen Tracks dabei ist.
Mit dem fast zehn Minuten dauernden Eröffnungstitel "Tributaries", der als einziger mit gleich drei Gästen aufwarten kann, wird sogleich ein breiter Klangteppich ausgebreitet. Ganz ruhig und sinnig, mit einer schönen Flötenmelodie, startet es, und dazu werden bei mir spontan Erinnerungen wach an Van der Graaf Generator in deren Anfangstagen, dann, und noch immer im ersten Song, "Tributaries", der Titel scheint ernst genommen zu werden, könnten unter Zuhilfenahme bestimmter Sequenzen Tribute an Bands wie Gong oder/und King Crimson vorgestellt werden. Ein dicker Hauch von Canterbury-Prog ist durchaus ebenfalls zu vernehmen, grundsätzlich also feinster Prog Rock mit Anleihen beim Genre Jazz Fusion, und das Harfenspiel von Rhodri Davies fügt eine besondere Zutat hinzu. Also – gleich vorweg, der Auftaktsong ist und bleibt für mich der interessanteste Song des Albums, diese Gäste hätte man auch für die restlichen Stücke gern beteiligen können.
Auf "Mariposa Falls" zeigt man dann schon eher ein mehr eigenständiges Gesicht. Ein Schwachpunkt ist meiner Meinung nach der nicht sehr ausdrucksstarke Gesang, der oft in der breiten Mischung eher untergeht, und darüber hinaus nicht sehr ausdrucksstark ist, eher ein wenig farblos ohne eine spezielle Ausrichtung, an der man sich emotional festmachen könnte. Dafür geht hier instrumental einiges recht üppig ab, mitunter jedoch sehr überladen, wenn mehrere Instrumente den Anschein erwecken, im Vordergrund zu stehen und dabei nicht klar abgegrenzt werden, sondern im Mix der zu starken Vielfalt einfach untergehen. Dabei spielt Harrison eine recht flinke Gitarre, wenn er soliert. Als Saxofonist ist er sicher nicht Jemand, der eine Führungsrolle übernehmen könnte, und so bezeichnet er sich im Booklet dann auch selbst als »semi-competent sax player«. Nun, die Musik ist schließlich auch nicht darauf ausgerichtet, ein Saxofon als Soloinstrument in den Vordergrund zu stellen und so übernimmt des Protagonisten Spiel mit dem Sax dann eine eher gute auskleidende Rolle und dient als den Sound mitbestimmende Komponente, und das passt dann auch recht gut!
Und immer wieder werde ich dazu inspiriert, mich mit Assoziationen auseinanderzusetzen. "Upstream" ist ein sehr unruhiger Song mit vielen Taktwechseln innerhalb des recht vertrackten Arrangements, hier treibt die Richtung ein wenig hin zu Musik, wie man sie auch von Frank Zappa kennt, auch das Gitarrensolo erinnert mich dann stark an Frank! "Downstream" ist ähnlich gelagert, hier fällt mir der Einsatz des Basses auf, so werden Rückwärtsschleifen des Spieles produziert und eingeflochten, sowie es grundsätzlich mit ähnlich gelagerte Passagen zu bemerken ist.
Mit "Pool Of Glass" erwartet mich dann ein ganz wenig mehr Übersicht im Arrangement, oder? Zwar ist es noch immer einen Tick verworren im Aufbau, ergänzt um das Violinenspiel von Julia from Who Knows Sound, und es ist anfänglich ein wenig funky, und letztlich ist es die Flöte, die ein wenig auflockert über dem satten Gerüst von breitflächig gespielter E-Gitarre, und dazwischen werden skurril anmutende Passagen eingeflochten, schließlich ist auch dieser Song also ebenfalls recht schräg inszeniert mit ständigen Rhythmus-und Tempowechseln.
Es plätschert ein wenig Wasser zum Anfang des an Jazz Rock orientierten "Azure Veins", und ich meine auch Donnergeräusche zu hören, ein etwas 'freundlicher' gestalteter Song ist das, der mehr Zugang 'erlaubt'. Nur was wird mir geschehen, wenn ich einem akuten, potenziell lebensbedrohlichen Verwirrtheitszustand ("Delirium") ausgesetzt werde? Es startet ein wenig asiatisch klingend, bis sich der Song dann ganz ’normal' entwickelt, eine harmonische Ausrichtung von Prog Rock, wieder ein Hauch Van der Graaf Generator, bis dann plötzlich ein Cut eintritt, bei fast vier Minuten Spielzeit, der Sound einer Kirchenorgel scheint einen Wechsel zu verheißen, doch nach noch nicht einmal etwa zwanzig Sekunden geht es zur Anfangsstimmung zurück, satte Gitarren, eine verspielte Melodie, und ab etwa 5:30 wird es ganz mystisch und weggetreten, gar ein wenig Schönklang dabei. Nun, dieses Konzept zeigt sich als sehr ungewöhnlich in seiner Gesamtheit, weil man dem Protagonisten doch sehr großen Ideenreichtum bescheinigen muss und dieses Album absolut in eine besondere Stellung des Bereichs Prog Rocks erheben kann. Und wer sich auf diese Vielfalt und gewisse 'Unruhe' einlässt, wird unter Berücksichtigung solcher Geduld sicher eine gute Erfahrung erleben können, denn innerhalb des Genres stellt es aus meiner Sicht eine sehr interessante Produktion dar, aber auch hier gilt dann: Wem es gefällt …!
Line-up "Overflow":
Rob Harrison (vocals, guitars, bass, saxophones, flutes, recorders, synths, SFX, the blowing of the bottles and the slapping of the waters)
Eliseo Salverri (drums)
Julia from Who Knows Sound (violin – #6)
Rhodri Davies (harp – #1)
Giordano Maselli (glockenspiel – #1)
Oso G (xylophone – #1)
Tracklist "Overflow":
- Tributaries (9:36)
- Mariposa Falls (5:37)
- Bioluminescence (4:22)
- Upstream (3:26)
- Downstream (3:29)
- Pools Of Glass (4:42)
- Azure Veins (4:51)
- Delirium (8:12)
Gesamtspielzeit: 44:17, Erscheinungsjahr: 2026



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