Trompeter, Flügelhornist und Komponist Till Brönner wurde 1971 geboren, lebte mit seinen Eltern etwa fünf Jahre in Rom, später studierte er nach dem Schulbesuch in Bonn-Bad Godesberg Jazztrompete in Köln an der Hochschule für Musik. Eine wichtige Station seines Werdegangs war die Mitwirkung in der RIAS Big Band (RIAS Tanzorchester) unter der Leitung von Horst Jankowsky, doch bereits 1993 erschien das erste Soloalbum, "Generations Of Jazz". Neben weiteren Soloveröffentlichungen kann er auf Zusammenarbeiten mit einigen Größen der Jazzgeschichte zurückblicken, so etwa Monty Alexander, Klaus Doldinger, Dave Brubeck, Joe Sample oder James Moody.
Doch mittlerweile scheint es wohl so, dass sich an Brönner die 'Geister scheiden'. So ist der Musiker nicht unbedingt mehr im einst angestammten Bereich des Jazz unterwegs, wie beim genannten Album aus 1993, "Generations Of Jazz". Auch 2006 konnte ich noch eine schöne Jazzinterpretation des Klassikers "Bumpin'" hören, doch nach und nach zogen auch andere Elemente und Genres Einzug in seine Musik.
So hatte ich beispielsweise im Jahre 2016 das mit einer All-Star-Band eingespielte Album "The Good Life" musikalisch als »Jazz um Mitternacht« betitelt und gleichzeitig angemerkt, dass Brönner mit jenem Album möglicherweise polarisieren werde, für die Einen Entspannung, für die Anderen gähnende Langeweile.
Egal, hochwertig und von sehr guter Qualität ist und bleibt die Musik des Albums unbestritten, und so verhält es sich auch mit dem aktuellen Album "Italia". »Music for peaceful moments«, so der Sticker auf "The Good Life", und auf "Italia" verkündet der Sticker: »Manche Alben entstehen aus einem Gefühl. Dieses hier aus purer LIEBE!«.
Beim Durchlesen der Angaben zu den vierzehn Songs wird man bekannte Namen der Komponisten erblicken, wiePaolo Conte, Lucio Battisti oder Ennio Morricone, neben anderen italienischen Künstlern. Nur "Cosa Vuoi" stammt von Brönner selbst (Music & Lyrics). Lyrics, ja, genau, der Protagonist singt auch hier wieder, und zwar auf den Tracks 2, 9 und 13. Ansonsten, und das bitte ich der Tracklist zu entnehmen, gibt es bei einigen Stücken Gastsänger*innen, die die italienische Stimmung verstärken. Allerdings treibt es die Stimmung auch nach Südamerika, denn "Parole Parole", gesungen von Chiara Civello, schwingt elegant in einer lasziv-brasilianischen Umgebung. Das ist einer meiner liebsten Songs des Albums, hier werden Eleganz, Harmonie und Emotionen geschickt zusammengefügt durch den Gesang, das Bläserarrangement und durch das elastische Bass-Spiel von Christian Von Kaphengst. Dann, bei Minute 3:42, erhebt sich Brönner zu einem Solo mit dem Flügelhorn und es swingt, doch leider wird bald ausgeblendet. Das durfte einfach nicht geschehen in diesem Moment, das ist ein klarer 'Schönheitsfehler'!!!
Wie ich bereits früher bemerkte, bin ich kein Freund der Gesangsbeiträge des Musikers: Weil sie nicht überzeugend sind, sollte der 'Schuster doch bei seinen Leisten bleiben'!(?) Nichtsdestotrotz kommt "Cosa Vuoi" ganz locker und entspannt, sicher kein Höhepunkt der Scheibe, aber …
Dafür fallen mir jedoch andere Songs eher positiv auf. Die Einleitung zu "Estate" passt perfekt in die Rubrik Jazz um Mitternacht'. Sehr geschmeidig und elegant tönt das. "Amarsi Un Po'" ist eine echt starke Nummer im Fusion-Format, recht cool, der zurückgenommene Einsatz des Flügelhorns, der prägnante Basslauf und die federnde Unterstützung durch den Drummer Teppo Makynen.
"Il Trucido e lo Sbirro" aus dem Film "Dirty Gang" kommt als Interpretation von Filmmusik recht glaubhaft zur Geltung, und auch "La Donna Invisible" von Morricone strahlt eine angenehme Atmosphäre aus, auch hier wieder bestimmt von einem Latin-Feeling. Der Version des Klassikers "Quando, Quando, Quando" kann ich in dieser Interpretation jedoch nicht viel abgewinnen, man hat ihn ganz anders im Gedächtnis, und er dürfte auf "Italia" gern fehlen. Als schade empfinde ich auch unter all den Liedern, dass ausgerechnet für "In Alto Mare" Programming benutzt wurde, leider fällt es stark auf und raubt dem Song ein wenig von seinem Glanz.
Dafür kann ich als positiv den Anstrich von dezentem Funk bei "L’Unica Chance" betonen, ein Hauch Afrika und Karibik schwingt mit und das Trompetensolo ist über dem perkussiven Rhythmus gut platziert und signalisiert eine Zeit, als solche Songs im Funk-Format in den Siebzigern, vorwiegend auf dem Label CTI, vorgelegt wurden.
Ja, und bald ist es vorbei, Zeit, Abschied zu nehmen, ganz zart und feinfühlig mit "Arrividerci" von Umberto Bindi. Mit einem melancholischen Anstrich präsentieren Brönner und Pianist Lussu diesen, meinen zweiten Lieblingstitel des Albums. Vielleicht steht dieser schöne Track auch in Verbindung mit der Autobiografie des Musikers, verbrachte er doch seine Kindheit in Rom, wie er selbst ausführte, "ine Phase in seinem Leben, die ihn sehr geprägt habe.
Aber – ich hätte gern wieder einmal eine reine Jazz-Platte des Protagonisten gehört …, und ich denke, er sollte über entsprechende Kontakte verfügen, um sich grossartige Begleiter*innen zur Seite zu stellen …
Line-up Till Brönner:
Till Brönner (flugelhorn, vocals, brass, background vocals, synths, trumpet)
Pietro Lussu (piano, electric piano)
Bruno Müller (guitar)
Armeen Saleem (double bass)
Teppo Makynen (drums)
Gabriel Prado (percussion, background vocals)
Roberto DeGioia (piano, synths, keyboards, electric piano, background vocals, electric bass, mellotron)
Christian Van Kaphengst (double bass)
Katrin Mickiewicz (background vocals)
Magnus Lindgren (reeds & woodwinds, flutes, tenor sax)
Nicola Conte (guitar)
Arne Schumann (programming)
Alberto Parmegiani (guitar)
Tracklist "Italia":
- Estate
- Viva la felicità
- Amarsi un po'
- Via Con Me, feat. Mario Biondi
- Il Trucido e lo Sbirro
- La Donna Invisibile
- Quando, Quando, Quando, feat. Giovanni Zarella
- Parole Parole, feat. Chiara Civello
- Cosa Vuoi
- Travolti di un Insolito destino nell' azzurro Mare d’Agosto
- In Alto Mare, feat. Mandy Capristo
- L’Unica Chance, feat. Sera Kalo
- L’Appuntamento
- Arrivederci
Gesamtspielzeit: 64:40, Erscheinungsjahr: 2025



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