Die Instrumentalband Pyrior war mir schon seit ihrem Erstlingswerk "Oceanus Procellarum" wohlwollend bekannt, spielte ihr spaciger Stoner Rock doch durchaus in der Nähe solcher Bands wie Colour Haze und The Machine, die schon vor langer Zeit mein Herz gewonnen haben. Als mir nun der Postmann das neue Album "Portal" vor die Tür legte, gab es den ersten Pluspunkt schon für die Cover-Gestaltung. Ein scheinbar exotischer Urwald ist dort zu erahnen, der sich bei genauem Hinschauen als Rumpf eines pflanzenartigen Wesens mit Händen und Füßen eines Yoda aus dem "Krieg der Sterne" herauskristallisiert, wenn man es denn so sehen mag. Dieses Wesen scheint von der Griffhaltung auf einer Gitarre zu spielen, doch hält es im Schoß nichts anderes als den legendären Monolithen aus Kubricks Meisterwerk "2001 – Odyssee im Weltraum". Der ist aber nicht durchgängig schwarz wie im Film, sondern eröffnet den Blick in den Weltenraum und man erahnt im größten der sichtbaren Planeten unsere Mutter Erde. Somit verspricht uns dieses "Portal" den Blick von 'Outer Space' auf unsere Welt, quasi das Gegenstück der Funktion des Monolithen im Film und in ihrer eigenen Trilogie eine Art Rückkehr von einer extraterristrischen Tour. Cool.
Ein schöner Einstieg für das Album, ich mag solche Querverweise in andere Kulturformen und Filme scheinen in der Stonerszene ein beliebtes Medium zu sein, das konnten wir ja gerade erst bei Buddha Sentenza feststellen und beispielsweise auch die Jungs von Monkey3 haben nie einen Hehl aus ihrer Leidenschaft für Filme gemacht (deren Name leitet sich übrigens aus dem Film "Planet der Affen" ab). Ach ja, und die CD kommt im Vinyl-Design daher und teilt ihre Songs in Side A und B. Vintage total.
Ein sehr sphärischer Auftakt führt mit "In To" meditativ und für eine Stonerband zunächst sehr zurückgenommen, fast postrockig in das fuzzige Hauptriff von "Untitled". Schön variieren Pyrior hier zwischen den düster aggressiven Riffs des klassischen Wüstenrocks mit relaxten Passagen und einem fein fuzzigen Gitarren-Freakout. Das wirkt beinahe wie eine Mixtur der holländischen The Machine und Sungrazer, wobei ich die Parallelen insgesamt auf dem Album eher zu letztgenannter Band aus Maastricht sehe, denn auch bei Pyrior stehen Solo-Einlagen deutlich im Hintergrund, alle drei Instrumente verschmelzen mannschaftsdienlich zu kompakten Kompositionen, die eben mehr auf die Soundlandschaft und Atmosphäre der Songs abzielt als auf einzelne Improvisationseskapaden. Eben wie bei Sungrazer.
Eine musikalische Verwandschaft scheint Pyrior auch mit der Band Rotor zu verbinden; kein Wunder, stammen doch beide Bands aus dem Großraum Berlin. So werden wir in der vertrackt rhythmischen Powernummer "Zebes" zum Planeten gleichen Namens geführt und die Reise klingt für mich fast so, als würden die Rotoren auf ganz alte Steamhammer treffen – "Penumbra" hieß das mörderisch gute 23-Minuten-Epos damals, wer’s denn noch kennt. Hochgradig befeuert und stampfend walzt sich dieses Songmonster von Pyrior durch das All, landet entschleunigt doomig und gebremst – für ein paar Momente verharren wir im luftleeren Raum, schwebend über der wüstenhaften Oberfläche dieser fremden Welt, bevor eine letzte Riff-Welle martialisch über uns hinweg rast.
Doch dann – eine große Überraschung auf einem Stoneralbum – nimmt uns eine zerbrechlich zart klingende Klampfe bei der Hand. "Earth" schenkt uns die Wärme und Vertrautheit unseres Heimatplaneten, was für ein unerwarteter Kontrast zu den krachenden Gewittern der schweren Riffs der ersten Songs. Spätestens hier wird mir klar, dass die Band seit dem insgesamt heftigeren, schrofferen "Oceanus Procellarum" erheblich an Ausdrucksmöglichkeiten zugelegt hat. Als Beweis dieser These legen sie mit "Winter Is Coming" zum Abschluss einen Zehnminüter auf die Platte, der kompakt zwischen schroffen Riffs und fast schon artrockartigen Postrock-Anklängen lustwandelt und sich in einem eleganten akustischen Ausklang langsam auflöst.
Pyrior führen uns durch ihr "Portal" auf einen galaktischen Stoner-Trip mit psychedelischer Bewusstseinserweiterung. Eine Reise, die Spaß macht und durch ihre nicht gerade genretypischen, vielseitigen Einlagen aus benachbarten Klang-Universen einen schönen Bezug zur Metapher des Titelbilds herstellt. Organisches und spacige Weite, das passt prima zusammen. Willkommen zurück auf Mutter Erde.
Line-up Pyrior:
Max Appeal (guitar)
Dan Low (drums, percussion)
Toa Ster (bass)
Tracklist "Portal":
- In to
- Untitled
- Portal
- SR388
- Zebes
- Earth
- Winter Is Coming
Gesamtspielzeit: 39:09, Erscheinungsjahr: 2016



1 Kommentar
Der Wolf
19. Januar 2017 um 12:16 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Wirklich geiles Album.