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Nun hat sich Maris Hoffmann an uns gewandt, da sein Blog nicht mehr online ist, er aber zwei seiner Artikel gerne für die Nachwelt erhalten möchte.
Dem kommen wir gerne nach und starten mit einer Konzertnachlese samt Interview.
[Die Redaktion]
In der heutzutage schwierigen und oft unsteten Musikszene ist es immer erfreulich, wenn sich Bands über Jahre hinweg halten. Zu diesen gehört Hella Comet, eine Indie-Rockband aus Österreich und dem Umfeld der Grazer Kunstszene/Kunstschule. Dieser Konzertbericht und Interview – nun gute sieben Jahre her – gibt immer noch authentisch die Charakteristika dieser außergewöhnlichen Band wieder, die immer noch produziert, tourt und sich weiterentwickelt.
Hella Comet sind: Franz Gurt (Gitarre), Lea Sonnek (Bass und Vocals), Markus Sworcik (Drums) und Jürgen Hochsam (Gitarre).
Hella Comet / Konzertbericht, 29.04.2016, Handstand und Moral e.V., Plagwitz, Leipzig
Der Club ist klein … ein einziger Raum mit einer riesigen Fensterfläche zur Straße hin.
Die heute angekündigte Band Hella Comet entstand rund um die Kunstszene und die Kunsthochschule Graz. Lea Sonnek, der Frontfrau der Band, fällt draußen ein Betrunkener direkt vor die Füße. Sofort sind ein paar Leute da, die ihm vorsichtig aufhelfen … auch Lea kümmerte sich kurz um ihn.
Die vier Musiker begeben sich dann – eher wie zufällig im Vorbeigehen – auf die Bühne, die keine Bühne ist, sondern ebenerdig und so gut wie im Publikum. Keine Grenze.
Kurzer Check der Anlage und … sich angucken? Das scheint nicht nötig zu sein.
In einem einzigen Moment explodiert eine Wolke aus Lärm und psychedelischen Klängen. Brachial und zart gleichzeitig. Und sehr laut. Ein Urknall.
Die Lautstärke braucht es offenbar auch … (später wird Lea ganz unschuldig nochmal ins Publikum fragen: »Hey, … sind wir laut genug?«
So verblüffend, wie das blitzartige Umschalten von einer Gruppe ’normaler' Menschen zu einem Musiktier, so unmittelbar und druckvoll tobt dort jetzt ein Fabelwesen, das anbrüllt und um sich schlägt und dann wieder sanft einhüllt mit Leas poetischen Texten, die sie mit ihrem druckvoll melodischem Bassspiel einrahmt.
Der Soundsturm, der geeignet ist, Bilder im Kopf herzustellen, wird bis zur letzten Sekunde des Gigs nicht mehr abreißen. Ich erinnere mich an den Gig, genau hier, vor einem Jahr. Etwas ist anders. Damals stand dort eine Frontfrau, die ackert, zieht, vorangeht.
Die Band folgte – wie ein psychedelischer D-Zug. Immer mal zu Improvisationen abhebend. Da war ein Schlagzeuger, der tief gebeugt in seine Snare eintauchte, als sei es ein Fischloch im Eismeer und dass er dort sieht, was zu tun ist: Träumen, Spielen, Spaß haben. Die damalige – ich nenne es mal – 'Dissoziation' der Musiker ist nun wie weggeblasen. Heute scheint Hella Comet mehr EINS zu sein. Leichter, tanzend, freier.
Die Frontfrau (die als gelernte Schneiderin ihr Outfit selbst näht), wirkt völlig entrückt. Der Schlagzeuger Markus Sworcik sieht aus als hämmere er sich begeistert durch einen arktischen Schneesturm. Die Augen geschlossen, Zähne gefletscht, geduckt, Kopf nach vorne. Zwei Gitarristen – Franz Gurt und Juergen Hochsam – wühlen sich durch ihre Klanglabore. Rechts von Lea ein introvertierter Dr. Charivari, und links ein Derwisch.
Die Frontfrau muss die Band heute offenbar gar nicht führen, sondern – im Gegenteil – wird von ihr getragen. Sie wiegt sich in ihrem Superwide-Outfit mit einem beckentief hängendem Bass zu ihren Klängen und Vocals, die sie zuweilen mehr haucht als singt – ungeachtet von dem sie umgebenden musikalischen Lärm.
Draußen, direkt vor dem großen Fenster, neben der Band, gibt es kurz eine Schlägerei, eine Bierflasche landet auf einem Schädel, ein paar Leute deeskalieren, beruhigen die Streithähne, der Krankenwagen kommt, und gibt eine Blaublink-Lightschow durchs Fenster auf die unbeeindruckt weiter kreativ-tobende Band.
Ohne eine lange Zugabe lassen die Leute Hella Comet nicht aufhören.
Interview:
Später, als wir uns in einer Couchecke mehr zusammenraufen als zusammenfinden, merke ich, dass mein schön zurechtgelegtes Interviewkonzept irgendwie jetzt nicht passt. Alle sind noch aufgeheizt von dem sehr gut angekommenen Gig in dem kleinen, proppenvollen Club.
Also: Spontan, was mir einfällt. Ich teile der Band mit, dass ich diesen Unterschied zu 2015 sehe:
Ihr seid … kompromissloser, wuchtiger, klarer, wie mir scheint?
Markus (Drums) stimmt mir zu: »Ja , wir arbeiten immer daran, dass wir uns weiterentwickeln, uns neu erfinden. Das geschieht zuweilen beim Jammen. Das bevorstehende Album wird ein Schritt in die richtige Richtung, denke ich. Die Master-Tapes entstehen gerade.«
Zum Schlagzeuger und dem Gitarristen gesellt sich nun Lea Sonnek, die Frontfrau dazu. Ihr ist anzumerken, dass sie keine große Lust zu einem Interview hat, was ja auch ihr gutes Recht ist. Sie wirkt in dem Moment auf mich wie eine Feder, die ein Windstoß aus dem Raum pusten könnte. Aber die Augen sind zwei tiefschwarze Kreise … die vielleicht wütend werden könnten.
Ich versuche es vorsichtig:
Lea, danke, dass du noch hergekommen bist … kann ich?
»Ah, jaja geht. Puh … ich bin müde … entschuldige … sag«
Ok. Wie ist eigentlich deine Wahrnehmung während eines Gigs? Bekommst du mit, was drumherum passiert?
Lea: »Ich bekomme wenig von außen mit. Ich bin eher in mir drin, in der …«
Geschichte?
Lea: »Hm ja, so etwas in der Art«
Gibt es Impro-Teile bei den jetzigen Gigs?
Lea: »Ja, definititv gibt es Impro-Teile … sie entstehen …«
Kannst du etwas zu den Texten sagen? Oder wie sie entstehen?
Lea: »Texte, puhh … ich bin keine Songwriterin. Die Texte fallen mir zu. Ich will eigentlich gar nicht über Texte reden. Wir haben sie meist auch gar nicht abgedruckt. Es geht um die Laute. Ja! Es ist vielleicht …« Markus wirft ein »Sprachmalerei, so etwas. Die Laute … «
Lea: »Ahh Neiiinn! Ich will nicht drüber reden!«
Ok. Wie entstehen eure Stücke?
Markus: »Ich kann es mit dem Malen vergleichen. Du fängst an … und es wird nochmals übermalt – wieder übermalt … es gibt … Schichten«
Wie ist eigentlich die Resonanz auf euch in Österreich?
Lea: »Ohh, die Wiener zum Beispiel sind sehr, hmm … « (sie sucht nach Worten)
Anspruchsvoll?
Lea: »Ja, Wien ist groß … ich meine, in Graz … dort kennen sich alle, es ist eine kleine Szene. Aber ja, die Wiener, doch … die nehmen das schon ganz gut auf, denke ich«
So Leute, und nun die Scheißfrage. Auch weil man das andauernd von anderen über euch hört und liest: Was habt ihr mit Sonic Youth zu schaffen? Was ist mit diesem Vergleich?
Lea: »Sonic Youth!? Wir haben gar nix zu schaffen mit Sonic Youth! Was soll das sein mit diesem Vergleich? Nix haben wir mit denen! OK, es ist eine gute Band. Wer sagt das denn mit Sonic Youth?«
Die schreiben eben, die Leute
Lea: »Ja, die schreiben!«
Leute, danke, dass wir uns hier unterhalten konnten. Ich werde versuchen, das Interview an ein paar Musikzeitschriften zu bringen.
Lea: »Musikzeitschriften? Bahh, Musikzeitschriften! Es gibt doch gar keine relevanten Musikzeitschriften. Uns selbst bringen zum Beispiel Blogeinträge viel mehr«
Aha. Habt ihr vielleicht dennoch irgendwas, wo ihr es gern drinne hättet?
Markus: »OK, da gibt es noch WIRE. Ja, vielleicht WIRE. Mehr fällt mir da nicht ein«
Lea: »Ha! In der Zeit, ins Zeitmagazin, da könnten wir rein!«
Gut. Ich tu mein Bestes. Ab mit dem Interview in DIE ZEIT!
Lea: »Weisst du, wir wollen jetzt gar nicht weiter über unsre Musik reden«
Irgendjemand hat uns ein paar Flaschen Bier hingestellt …



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