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Andrew Bear / Konzertnachlese und ein Interview

Ab und an machen Leser von unserem Angebot Gebrauch, eigene Texte zuzusenden, damit wir sie bei uns veröffentlichen – getreu unserem Motto, dass Fans für Fans schreiben. Sofern die Artikel in unser Schema passen und gegen keine Regeln des guten Geschmacks verstoßen, werden sie von uns gerne veröffentlicht.

Nun hat sich Maris Hoffmann an uns gewandt, da sein Blog nicht mehr online ist, er aber zwei seiner Artikel gerne für die Nachwelt erhalten möchte.
Dem kommen wir gerne nach und starten mit einer Konzertnachlese samt Interview.

[Die Redaktion]


Andrew Bear ist eine ukrainische Progressive Rock- Band um den Frontmann Andrew Medwed. Die Musiker stammen aus Charkiw/Ukraine und wohnen in Berlin. Wer weiß, was aus ihnen geworden wäre, wären sie in Charkiw geblieben. Und so sind sie – still alive and kickin' – auch 2025 immer noch präsent.
Andrew Medwed betreibt aktuell die Bar Space Menduza in Berlin, ist Schlagzeuger der Band Fuckheads und statt Sänger und Gitarrist nun Schlagzeuger und Sänger seiner Band Andrew Bear.

Andrew Bear/ Konzertbericht, 17.04.2016, Hafenbar, Leipzig

Es ist einer dieser Samstagabende, an denen ich eher ziellos herumstreune. Aber irgendjemand hatte etwas von mehreren Live-Bands auf der 'Karl Liebknecht' gesagt.
Schon am Anfang dieser Kneipenstraße, vor dem Plattenladen, spielt eine ambitionierte kleine Band eingängigen Indie-Pop. Hebt die Stimmung. Schön. Ich ziehe weiter. Und noch eine Indie-Band. Sie hört sich ähnlich an. Die Leute haben Spaß. Es ist ein bisschen, wie in einer Sommernacht in Barcelona. Die Straße lebt.

Eher undeutsch, aber vielleicht doch ostig, denn die Ostler mögen es direkt und draußen, oder? In Leipzig allemal. Ich ziehe weiter und da stehen zwei Jungs unter einem Baldachin, hopsen zu ihren Dubstep-Vocals …

Es ist gegen 21:30 Uhr mittlerweile. Der April ist heute warm. Es treibt mich weiter.

Einen Steinwurf vor mir drängt sich mir ein anderer Sound entgegen … eingängig, eindringlich, und mit Bumms. Ich höre eine Sängerstimme, vehement, und dabei doch sensibel, aus Richtung Hafenbar. Dort muss ich mich durch eine dichtgedrängte Masse durcharbeiten.
Nun ist es laut. Zwischen den Häuserfassaden der 'Karli', wie die Straße hier genannt wird. Es bäumen sich frenetische Drums auf, ein swingender bis schiebender Bass, eine Gitarre, die durch Sounds zwischen einer rostigen Metalltür und einer Amsel auf Speed, die Rock’n’Roll-Tonleiter entlangrast. Und ein Leadsänger, der etwas zu sagen hat, und es auch in Urlauten herauskreischt, wenn es sein muss, dabei seine Gitarre zu einer unüberhörbaren Akkordstütze seines Leadgitarristen macht … den Doppeltönen Zeit gibt, sich auszubreiten, um dann immer wieder mit kurzen Riffs dazwischenzuschlagen.

Die Leute im Biergarten der Hafenbar gehen mit. Und auch nach einer ersten Zugabe lassen sie die Jungs noch nicht von der Bühne. Der Sänger kündigt die Version eines Buddy Guy-Songs an.

»You know Buddy Guy?«
Keiner muckst sich. Hier, ich, ich, rufe ich. Brüllt vielleicht jemand mit? Kennt hier keiner Buddy Guy? Und den Song "What Kind Of Woman Is This". Schneller, lauter, dichter. Mit einer rhythmischen Verschiebung. Nun toben zumindest die ersten vier von sechs, sieben Reihen des Publikums im Biergarten der Hafenbar. Ein Paar neben mir knutscht seit vier Songs heftig … und macht noch andere Dinge.

Die dritte Zugabe gegen 23:00 Uhr ruft eine Familie hinter dem Schlafzimmerfenster eines Altbaus auf den Plan. Er greift hektisch zum Handy. Dann zieht die Kleinfamilie demonstrativ die Vorhänge zu, nicht ohne aus dem zweiten Fenster doch nochmal interessiert zu gucken, was da abgeht.
Rock’n’Roll oder Samstagabendschlaf, beides zusammen .. schwierig.

Eine weitere Zugabe bringt den Laden nochmals zum Kochen. A good hot Rock’n’Roll meal served here. Freundlich geht Andrew auf meine spontane Interview-Anfrage ein und wir verabreden uns dazu am Sonntagvormittag.

Interview vom 17.04.2016 – Leipzig

Bekanntlich kehren Täter an den Tatort zurück. Und so treffe ich Andrew 'Bear' Medwed an der Hafenbar, dem Ort des Gigs von gestern Nacht. Der Biergarten ist zu, also klettern wir über den Zaun und machen es uns in einer Sitzecke bequem, nicht ohne vorher beim FrühiSpäti zwei Bier zu besorgen.

Kaum habe ich das Kompliment über den tollen Gig herübergeworfen, redet er los wie ein Wasserfall und bevor ich dazu komme, Stift und Notizbuch zu zücken, geschweige denn das Aufnahmegerät einzuschalten, geschweige denn einen Schluck Bier zu nehmen, sind wir im angeregten Gespräch über seinen musikalischen Werdegang, Berlin, seine Tour und so weiter. Ich nutze den Moment, als er die Flasche ansetzt, um alles herauszukramen was ich brauche, damit ich dies hier jetzt ins Laptop einhacken kann.

Andrew, das war einen super Gig gestern, hat mir den Kopf weggeblasen!

»Ha, ja, danke! Der Gig war gut, es hat verdammt Spaß gemacht! Weißt du, wir hatten 2014 unsere erste Tour und das erste Album …«

Würdest du eure Musik als Rock’n’Roll bezeichnen?

»Äh , ja … ja … Rock’n’Roll. I mean, wir sind eine Undergroundband und machen Rock’n’Roll, sure. Weißt du, es gibt zur Zeit, denke ich, viele neue gute Rock’n’Roll-Bands in der ganzen Welt. Aber die Musikindustrie ist schwieriger geworden. Hey, früher in den Siebzigern, wenn dich ein Produzent gut fand, sagte der: Hier habt ihr ’ne Million, ein Kilo Koks und nun macht mal ein gescheites Album, hepp. Ha!«

Die Zeiten sind vorbei! Ich denke da an Mötley Crüe, wie es bei denen ablief …

»Nun ja, die Verbreitung ist viel einfacher, per Internet.«

Ja , genau das ist easy heutzutage. Die Münze hat zwei Seiten, nicht wahr?

»Aber Rock’n’roll does not smell funny, cause he is not dead, oder?«

So ist es. Andrew, wie bist du auf den Bandnamen Andrew Bear gekommen?

»Nun, ich startete ja solo, als Singer/Songwriter. Und mein Familienname Medwed heißt übersetzt: Bär. Das klingt gut. Und für die Band hat es gut funktioniert. Also, warum hätten wir es ändern sollen. Die Leute behalten den Namen im Gedächtnis.«

Hast du konkrete musikalische Einflüsse? Also, was dich wirklich umgehauen hat, für dich wichtige Leute?

»Ähm, ja , ja sicher. Die Foo Fighters, Dave Grohl … was für ein Typ … klasse!
Dann noch Led Zeppelin, und ah ja, Queen auf alle Fälle. Ich halte Freddie Mercury für den besten Rocksänger überhaupt, wow, hör ihn dir an.
Dave Grohl tut wahnsinnig viel für die Musik allgemein und für andere Musiker! Da gibt es diesen Film von ihm, mit einem Zug, "Keeping It Alive" heißt er, glaube ich. Jeweils einen Song in einer anderen Stadt aufgenommen, war es nicht so? Allgemein stehe ich auf Riff-Musik. Hm, was gibt es noch? Clapton, Hendrix, Buddy Guy. Die haben mich ebenfalls beeinflusst«

Ah, Buddy Guy. Gestern Nacht habt ihr einen Song, eine Version von Buddy Guy angekündigt. Und du hast gefragt wer Buddy Guy kennt. Keine Sau hat geantwortet.

»Naa, doch doch, es gab zwei drei, die gesagt haben: Ja , kennen wir.

Wie kommst du an deine Lyrics? Wie ist dein Prozess des Textschreibens, des Songschreibens?

»Hmm, ich will eine Stimmung ausdrücken bzw. ich komme in eine passende Stimmung. Oft nachts mit ein paar Bier, wenn es ruhig drumherum ist. Manchmal kommen die Themen, die Texte ganz schnell. Nicht immer … manchmal kann es Monate dauern, dass man daran arbeitet.
Ich bin nicht der Love-Song-Schreiber. Du weißt, bei vielen Songwritern geht es um Liebe und nochmals Liebe. Nä, bei mir ist das gar nicht so. Gut, manchmal kann das entstehen …«

Auch nicht über Politik?

»Also, ich singe übers konkrete Leben, das was so um mich herum passiert. Aber, weißt du was seltsam ist? Ich kann echt keine Songs in meiner Muttersprache schreiben. Da kommt nix bei raus, und wenn ich es mal versuche, gefällt mir das Ergebnis überhaupt nicht. Nein, geht nicht. Es funktioniert in Englisch«

In einem eurer Videos ist eine Frau… sie spielt Schlagzeug und auch ansonsten konkrete Szenen … was ihr vom Schauspielerischen her ziemlich gut gelingt, wie ich finde.

»Oh, danke,. sie kommt da gut an? Schön!«

Ja, sie spielt da Schlagzeug.

»Das ist Ksu, (Ksusha Kazimirova). Sie mag Schlagzeug, lernt es, ich bin ja selbst auch Schlagzeuger und habe ihr Dinge beigebracht. Und, I mean, sie ist kein Profi, aber sie macht es so ungefähr wie Meg White… cool!«

Und abgesehen davon, die roten Pumps auf dem Base-Pedal, sieht auch gut aus!

»Ja, und Ksu ist schwer in Ordnung. Sie hat nicht so viel Zeit zum Musikmachen. Sie arbeitet als Designer und Dekorateur … Und macht für uns Support!
Unsern aktuellen Drummer (Alex Bodnak) haben wir übrigens jetzt seit einem Jahr.«

Und er kommt mit zwei Töpfen und einer Base aus. Cool.  Außerdem fand ich, dass er sehr konzentriert ist. Hohes Level!

»Oh ja, Alex ist supergut!«

So, nun die Gretchenfrage: Was denkst du denn über die Rolling Stones? Sollten sie endlich aufhören?

»Was? Nein! Wieso? Die Stones sind gut. Weitermachen! Das kann man alles tun, auch wenn man alt ist, kein Problem.
Ah ja, sie gehören auch zu meinen Einflüssen«

Die Deutschen stehen auch immer noch sehr auf die Stones, würde ich sagen.

»Ja, ich finde sowieso, dass Deutschland ein Rock’n’Rol-Land ist«

Ihr lebt aktuell in Berlin?

»Ja, in Berlin. Ich liebe diese Stadt. Wunderbare Leute dort. Und. ich fühle mich dort sicher, fühle Freundschaft dort. In Situationen, in denen es Probleme gibt, ist meist irgendjemand da, der dir hilft.
Wenn du in z.B. Russland auf ein Konzert gehst, und die Leute aufgeheizt sind davon … Mann! Ich musste mein Mädchen wirklich beschützen, als wir zum Ausgang sind. Die Leute waren aggressiv.
Dann waren wir in Deutschland auf einem Live-Konzert. Und ich dachte: Oh Gott, so ein schmaler Ausgang, wie soll das friedlich ablaufen? Und hey,  alle haben irgendwie umgeschaltet und es war easy, die Leute haben aufgepasst.
Hm. also mit Leipzig komme ich auch sehr gut klar, da habe ich auch ein gutes Gefühl mit den Leuten, muss ich sagen. In Polen, oh Gott. Nein, das war ein Scheiß Gig. Warschau war wiederum gut, in Berlin … ha – da spielten wir vielleicht eine gute Show!
Ich spiele wirklich gern in Deutschland. I mean, die Leute sind ein bisschen scheu. Aber: Die Deutschen hören wirklich zu, Mann. Da stehen sie manchmal herum beim Konzert, verziehen keine Miene und bewegen sich kaum. Und dann kommt derselbe Typ der gar nichts gemacht hat nach der Show an, schüttelt dir die Hand und sagt: Wow, das war toll, hat mir super gefallen!«

Wie gehts nun weiter bei euch?

»Wir spielen 52 Shows auf der Tour. Das ist Wahnsinn. Aber ich liebe es einfach, zu spielen.«

Andrew, vielen Dank für das Interview. Und, was treibt ihr heute noch so?

»Ich wollte noch ein bisschen Sightseeing. Ich mag Kirchen, da gibt es doch irgendwo so eine Weiße hier …«

Ich hätte ja gern die ganze Band zum Interview gehabt

»Naja, die haben halt noch zu tun, oder müssen noch chillen«

Also thanx Andrew und … see you soon.

»Cheers!«

Die Band Andrew Bear sind:

Andrew Medwed ´Bear´ (vox, guitar)
Serj Rubens (guitar)
Serj Booboobka (bass)
Alex Bodnar (drums)

Über den Autor

Maris Hoffmann

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