Als Anfang September 2026 die überraschende Meldung über die Ticker ging, dass Stevie Wonder für ein paar Konzerte nach Europa kommen würde, dass zwei dieser Konzerte in Deutschland stattfinden sollten, und dass eines dieser Events gar in unmittelbarer Nähe zu meinem Wohnort liegen sollte, gab es kein größeres Überlegen mehr: Diese Gelegenheit, einen wirklichen Weltstar live – und vermutlich letztmalig – erleben zu können, durfte ich mir nicht entgehen lassen. Zumal in der Ankündigung der Hinweis enthalten war, dass der Anlass für diese Tour das 50jährige Jubiläum von seinem Super-Album Songs In The Key Of Life aus dem Jahr (wer rechnen kann, ist klar im Vorteil) 1976 wäre; ein Album, das mit seinem Erscheinen Eingang in meine Plattensammlung gefunden und sich seither zu einem 'Insel-Album' entwickelt hat.
Gesagt, getan und – warum auch immer – als PayPal-Nutzer in den Genuss eines Pre-Sale gekommen, hatte ich noch eine große Auswahl zwischen günstigen, nicht so günstigen, teuren und super teuren Tickets, wobei ich mich für den Unterrang gegenüber der Bühne entschied; eine Wahl, die sich im Nachhinein als vernünftig und trotzdem gut herausstellen sollte.
Doch je näher der Konzerttermin rückte, desto unsicherer wurde ich, ob das Konzert sein Geld wert werden würde. Im Netz kursierten seit Beginn der Tournee diverse Videos (einschließlich eines wohl kompletten Konzertmitschnitts aus Birmingham), die argen Zweife daran aufkommen ließen, ob Stevie im doch ehrenhaften Alter von 76 Jahren noch ausreichend bei Stimme sein wird, solche Abende noch kraftvoll genug gesanglich bestreiten zu können. Zumal ich die Sound-Qualität innerhalb der Lanxess-Arena an anderer Stelle bereits als eher 'matschig' beschrieben habe. Zu meiner Beruhigung schrieb ich die festzustellenden Mängel jedoch dem Aufnahme-Equipment bzw. der Position der jeweiligen Einsteller zu. Deutlich wurde anhand dieser Videos (sowie den Informationen auf Setlist.fm), dass Stevie nahezu ausschließlich das Anlass-gebende Album präsentieren würde, ergänzt allenfalls um die – einzige – Zugabe "Superstition" (in Paris mit dem Gast-Auftritt von Lenny Kravitz!). Jedenfalls – auch das wurde nach den ersten Konzerten kritisiert – würde es keinen 'Best-of-Abend' geben; alles eine Frage des Erwartungshaltungs-Managements.
Genug der Vorrede und der Zweifel: was ich an diesem Abend erleben durfte, war ein – mit einer kurzen Pause – dreistündiger(!) unvergesslicher Auftritt! Stevies Stimme war dauerhaft kraftvoll und präsent, lediglich in den Höhen bekam er nicht zu überhörende Schwierigkeiten, insbesondere bei "Summer Soft", wo er sich im Verlaufe des Songs in immer weitere Höhen schraubt. Hingegen positiv ist es zu bewerten, dass er – soweit ich das überprüft habe – die Songs in der Original-Tonlage singt; manch ein Kollege ist über die Jahre stimmlich 'immer tiefer gesun(g/k)en'.
Getrübt wurde dieses Ereignis – um das schon mal vorwegzunehmen – einzig von dem wiederum 'matschigen' Sound in der Kölner Lanxess-Arena. Die Musik wie auch die teilweise launigen, aber auch nachdenklichen Zwischenansagen von Stevie Wonder hätten es verdient, die Ohren des Publikums deutlich transparenter zu erreichen.
Bombastisch war bereits die Bühne – insbesondere auch mit der Zahl der teilnehmenden Musiker – bestückt: Neben Stevie Wonder zwei weitere Keyboarder, zwei Gitarristen (die sich phasenweise duellierten), ein 'Berg von einem Bassisten', ein Schlagzeuger, der sich hinter einer Batterie präsentierte, die gut und gerne auch für drei Schlagzeuger gereicht hätte, ohne dass diese sich in die Quere kämen, dazu zwei Perkussionisten, die die Kollegen von Santana problemlos in den Schatten spielen können, fünf Kollegen am 'Gebläse', ein kleines Streichorchester (mitsamt Dirigenten), sowie vier Background-Sängerinnen und zwei Background-Sänger. Last but not least: Einzig für den Song "If It’s Magic" begleitet die bekannte Jazz-Harfenistin Brandee Younger Stevie Wonder auf dieser Tournee: fürwahr, das war magisch (wenn nicht just in diesem Moment meine Nachbarinnen eine lautstarke Diskussion untereinander angefangen hätten; ein leider viel zu oft erlebbares, indes unverzeihliches Verhalten)!
Indes: Stevie Wonder spielte das Album nicht stur herunter: Das Konzert begann zunächst mit einem besinnlichen Einstieg, als Stevie Wonder aus dem Off das Publikum aufforderte, die Augen zu schließen, um sich auf den folgenden Abend einzustellen. Die Chronologie des Albums wurde auch nicht vollständig eingehalten (s. die sehr informative Aufbereitung auf setlist.fm) und durch überraschende Einschübe unterbrochen: so folgte auf "Knocks Me Off My Feet" zunächst – als Hommage an das örtliche Publikum – nicht nur eine – nach Elvis Presley – weitere Interpretation von "Muss I denn zum Städele hinaus" (bei dem das Publikum, nachdem es das Lied erkannt hatte, begeistert mitsang), sondern auch ein "Oh Happy Day", das ebenso lautstark vom Publikum begleitet wurde.
Apropos Publikum: Es war weit überwiegend textsicher und gewillt, den Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis zu gestalten. Obwohl die Lanxess-Arena voll bestuhlt war, wurde bereits sehr früh in den Gängen und auf den Rängen rege mitgetanzt, dass Stevie eine wahre Freude daran gehabt hätte, wenn …
In diesem Rahmen macht es keinen Sinn, auf einzelne Songs gesondert einzugehen; das ganze Konzert war ein Gesamterlebnis, ja: -ereignis (die Kenntnis des Albums setze ich an dieser Stelle einfach voraus). Die Musiker – auch solistisch – waren grandios. Hervorheben möchte ich – ohne andere Eindrücke zurücksetzen zu wollen – den Einsatz eines der Background-Sängers bei "As", der – in einer Art Rap-Gesang – so unheimlich ähnlich zur Original-Einspielung auftritt, dass man glaubt, das Original-Album zu hören.
Im Übrigen: dass Stevie Wonder mit dem Einsatz einer Harpejji ein Musikinstrument einsetzt, das zum Zeitpunkt des Erscheinens des Original-Albums noch gar nicht erfunden war, und dass er demgegenüber 'echte Streicher' aufspielen lässt, wohingegen das Original mit synthetisch erzeugter Musik untermalt war, zeigt eindrucksvoll, dass er mit der vorliegenden Tournee nicht etwas lediglich wiederholen will, das seit 50 Jahren in Stein gemeißelt ist, sondern dass er durchaus eine Neuinterpretation, jedenfalls eine zeitgemäße Präsentation bieten will. Und das gelingt eindrucksvoll. In dieses Bild passen auch zahlreiche Improvisationen nicht nur von ihm, sondern auch nahezu sämtlicher anwesenden Musiker. In bester Erinnerung bleibt die grandiose Darbietung der drei Schlagwerker, insbesondere bei "Black Man".
Und schließlich kommt Stevie auch weitergehenden Wünschen des Publikums ansatzweise nach, indem er einzelne seiner größten Hits zumindest kurz anspielt; natürlich auch "I Just Called …".
Lediglich der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Stevie, der sich durchgehend als Familienmensch präsentiert (eine Tochter begleitet ihn dauerhaft als Backgroundsängerin, ein Sohn singt mit ihm ein Duett bei "Have A Talk With God"), holt vor "Superstition" noch seine jüngste, zwölfjährige Tochter zu sich auf die Bühne, die die John Lennon-Hymne "Imagine" singt. Deren stimmliche und textliche Unsicherheit dürfte ihrer Jugend geschuldet sein. Ihre diesbezügliche Premiere hatte sie offenbar erst vier Tage vorher in Stockholm; dort kannte sie den Song offensichtlich noch gar nicht richtig.
Auch vom Kölner Konzert gibt es bereits zahlreiche Videos auf YT. Ich selbst habe mich allerdings auf die Aufnahme einiger weniger Fotos beschränkt, um das Konzert selbst wirklich 'live' zu erleben, hoffe indes, dass es von der Tournee eine offizielle Live-Aufnahme (audio-visuell) geben wird; dieses Ereignis wäre es wert, für die Ewigkeit festgehalten und in der verdient besten Qualität auch denen zugänglich gemacht zu werden, die nicht die Gelegenheit hatten, es wirklich 'live' zu erleben.
Bildnachweis für alle Bilder des Events: © 2026 | Jürgen Hauß



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