Kommissar Zufall geht manchmal schon recht eigenartige Wege, denn auf Chris Farlowe bin ich wirklich ganz zufällig gestoßen. Von Led Zeppelin steht so ziemlich alles in meinem heimischen Plattenregal, was es irgendwo aufzutreiben gibt, also nicht nur die Platten der Band, sondern auch Solo-Scheiben der einzelnen Musiker. Dazu gehört natürlich auch "Outrider" von Jimmy Page, der sich, mehr oder weniger erfolgreich, an solistischen Veröffentlichungen versuchte. Und da Jimmy zwar meisterhaft an der Gitarre, nicht aber mit seinen Stimmbändern ist, holte er sich Sänger ins Studio, die das beherrschen. Neben John Miles und Robert Plant war da auch eine Stimme, die mich regelrecht vom Hocker haute. Der dazu gehörige Name: Chris Farlowe. Leider war es mir erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs möglich, ihn live zu erleben. Seine Konzerte waren für mich Pflichtprogramm und immer ein Erlebnis.
Jede Menge Veröffentlichungen hat Farlowe unters musikverrückte Volk gebracht, ob nun mit den Thunderbirds oder später mit Colosseum. Doch der ganz große Durchbruch blieb ihm verwehrt. Lediglich einen Nummer 1-Hit hatte er Mitte der Sechziger mit dem von Mick Jagger produzierten Rolling Stones-Song "Out Of Time". Und doch gehört Chris 'The Voice' Farlowe, ganz ohne Frage, zu den wichtigsten Blues-Sängern.
1970 begab sich dieser auf Solopfade und veröffentlichte "From Here To Mama Rosa" mit seiner Band The Hill, mit der er anschließend durch die USA tourte, bevor er ein Engagement bei Jon Hisemans legendärer Jazzrock-Gruppe Colosseum erhielt.
Das Album konnte bereits damals schon mit seinem leicht psychedelisch/progressiven Einschlag und überlangen Nummern begeistern. Dies ist kaum verwunderlich wenn man bedenkt, dass der Sänger Jahrgang 1940 ist, die Hippie-Ära somit bewusst miterlebt und die musikalische Hoch-Zeit der sechziger Jahre definitiv mitgestalten und beeinflussen konnte.
Außerdem wurde die Platte 1970, also genau zur 'richtigen Zeit' veröffentlicht. Auf dieser präsentierte sich Farlowe als exzellenter Performer und konnte somit seinen Ruf als einzigartiger Blues-Shouter weiter festigen.
Folgender Hinweis findet sich im, übrigens sehr informativ gestalteten, Booklet, in welchem nicht nur die Geschichten hinter den Songs, sondern auch die Kurzbiografie von Chris Farlowe himself erzählt wird: »The album has since been hailed as a classic of progressive/blues rock, much sought after by collectors.«
Dominiert wird das Album von Cello, Akustikgitarre und Keyboard – das ist keinesfalls negativ zu werten – und immer wieder gibt es Unterstützung für den Sänger durch Chöre.
Sehr progressive Züge hat gleich der Opener, "Travelling Into Make-Believe", markant dabei die Rhythmuswechsel, die mit Keyboard-Passagen unterlegt, aber nicht zugekleistert werden.
"Head In The Clouds", welches wiederum mit weit ausschweifenden Keyboard-Soli schon mal auf knapp über sieben Minuten ausgedehnt wird – ohne jedoch zu nerven – sowie das, von einer akustischen Gitarre und Cello dominierte "Are You Sleeping" sind von einer wunderbar entspannten, ja psychedelischen Atmosphäre getragen. (Kinder?-) Chöre setzen dem Ganzen noch das Pünktchen aufs i.
Etwas knackiger sind dagegen der Opener "Travelling Into Make-Believe", der wunderbar swingende 'Mittwipper' "Questions" (toller Song) oder die Uptempo-Nummer "Black Sheep Of The Family". Das schwarze Schaf gibt es wohl in fast jeder Familie und ein 'Black Sheep' scheint auch dieser Song zu sein, denn der sorgte bei der Rezensentin für einige Verwirrung. Auf dem Cover ist dieser als "Black Sheep Of The Family" aufgeführt, auf dem 'Waschzettel' als "Black Sheep". Ein Schreibfehler, ein Irrtum? Nein. RockTimes hat recherchiert, zumal der Titel nicht nur von Farlowe, sondern auch von Rainbow her bekannt ist. Doch nun wird es verrückt: Urheber des Songs ist nämlich Steve Hammond, der drei Stücke für das Quartermass-Debüt-Album komponierte, darunter auch "Black Sheep Of The Family". Diese Scheibe erschien im Mai 1970 und im September 1970 die Version von Chris Farlowe With The Hill, aber als Single. Und eben jener Hammond war zu dem Zeitpunkt Gitarrist in Farlowes Band The Hill. Aber nun wird es ganz verrückt, denn Fat Mattress veröffentlichten das Stück ebenfalls auf einer Single im September 1970 und – was Wunder – Steve Hammond – war Gitarrist und Sänger dieser Band.
Die bekannteste Version ist jedoch von Rainbow. Und auch hier gibt es Verstrickungen zu den einzelnen Protagonisten, aber das würde wohl den Rahmen vollends sprengen, deshalb wenden wir uns nun wieder Chris Farlowe zu.
Gänsehaut pur bekommt man, wenn dieser "Winter Of My Life" singt, eine wunderschöne Ballade. Hier kommen seine gesanglichen Stärken richtig zur Geltung.
Meckern muss ich lediglich beim längsten Stück des Rundlings, "Mama Rosa", welches auf dem Original-Album der Abschlusstrack ist. Eigentlich eine ganz feine Nummer, doch der Shouter klingt irgendwie sehr angestrengt, ab und zu vermeine ich sogar Meat Loaf rauszuhören. Die Ursache für das 'Angestrengte' wird wohl sein Geheimnis bleiben.
Uptempo-Songs und Balladen halten sich die Waage, man lehnt sich einfach zurück und genießt die, insgesamt sehr gelungene, Scheibe mit all ihren musikalischen Facetten. So mancher Sammler wird sich wohl darüber freuen, dass Repertoire sich des Teils angenommen und wiederveröffentlicht hat, gab es dieses doch lange Zeit nur als Import.
Ach ja, es gibt auch noch drei Bonustracks. Mit "Put Out The Lights" macht Farlowe einen Ausflug in etwas souligere Gefilde. Hier sind auch Bläser zu hören, die leider nicht erwähnt wurden.
Dann haben wir noch zwei Nummern aus 1968 mit den Thunderbirds, "Dawn" und "April Was The Month" und ganz ehrlich, die sind ihm für sein kraftvolles Shouting voll auf den Leib geschneidert und gehören zu den Höhepunkten des Albums.
Line-up Chris Farlowe With The Hill:
Chris Farlowe (vocals)
Steve Hammond (guitars)
Bruce Waddell (bass)
Colin Davy (drums)
Peter Robinson (keyboards)
Paul Buckmaster (cello)
Stuart Mackay (producer)
Tracklist "From Here To Mama Rosa"
- Travelling Into Make-Believe
- Fifty Years
- Where Do We Go From Here?
- Questions
- Head In The Clouds
- Are You Sleeping
- Black Sheep Of The Family
- Winter Of My Life
- Mama Rosa
Bonustracks:
- Put Out The Lights (A-Side 1970)
- Dawn (With The Thunderbirds, A-Side, 1968)
- April Was The Month (With The Thunderbirds, B-Side, 1968)
Gesamtspielzeit: 55:08, Erscheiungsjahr: 2017 (1970)



Neueste Kommentare