In der Musikszene bewegt sich die Amerikanerin Kelli Baker schon seit Jahren, aber es ist noch gar nicht so lange her, dass sie erstmalig einen Plattendeal bei dem Label Gulf Coast Records erhielt. Zunächst wurde, vermutlich als Test-Ballon, eine EP veröffentlicht. Die scheint jedoch gut gelaufen zu sein, denn mittlerweile ist in den USA auch ihr Debütalbum "Mother" auf dem Markt, das Mitte November 2026 in Deutschland erscheinen wird. An ihre Seite hat sich die gute Kelli dafür eine fünfköpfige Band gestellt, die durchweg aus erfahrenen Musikern besteht, von denen sie tatkräftig unterstützt wird. Eine weitere Frontlady also, die sich mittlerweile einer starken und teilweise bereits etablierten Konkurrenz entgegen stellt. Geboren und aufgewachsen in den südlichen Staaten der USA, lebt Miss Baker seit einigen Jahren in New York, wo auch die Aufnahmen für ihren Erstling entstanden, der übrigens von Zach Allen produziert wurde.
Und was hat uns "Mother" nun zu bieten? Zunächst einmal – und wie bereits oben erwähnt – eine sehr gute Band, darüber hinaus aber tatsächlich auch bärenstarken Gesang. Die Lead Vocals beherrschen sowohl die kräftigen Rocker wie auch die zarten, sehr gefühlvollen Momente fast schon traumwandlerisch. Bezüglich der Musiker sticht immer wieder der Gitarrist Noe' Socha mit seinem sehr guten Spiel ins Ohr. Er bewegt sich durchgehend am Puls des jeweiligen Tracks, ist nie aufdringlich, aber an den exakt richtigen Stellen mit sehr coolen Licks und Soli zur Stelle. Als Lead-Single wurde "American Running" ausgewählt, das mit einer fetten Orgel und funkigen Gitarren startet. Der Text thematisiert das ewige und sich gefühlt immer schneller drehende Hamsterrad, in das man eingestiegen ist, um mit Job, Familie, Rückzahlungsraten für das Eigenheim, Auto usw. usw. klar zu kommen. Nur um irgendwann an den Punkt zu gelangen, an dem man vom Burnout gekennzeichnet nur noch stumpf vor sich hin starrt oder einfach aussteigt.
Das Tempo der Scheibe ist ebenfalls gut und ’natürlich' gesetzt. Heftigere Rocker werden von funkigeren, souligeren und auch bluesigeren Stücken abgelöst. Die Stimme von Kelli Baker ist tatsächlich ein echter Hinhörer. Das letzte Mal, dass ich eine solche beeindruckende Erfahrung gemacht habe war, als ich Dana Fuchs live in der Kaiserslauterner Kammgarn erleben durfte. Sehr stark kommt auch die Ballade "Broken Bones", bei der sich die Sängerin mit ihrer Stimme dann auch so richtig aus dem Fenster lehnt. Ich hatte es bereits erwähnt, das gute Songwriting stützt sich in allererster Linie auf Blues und Rock, bringt aber immer wieder auch den Funk und Soul ins Spiel. Und mal ganz ehrlich: Wer bei dem Gitarrensolo zu "Madman" nicht ausrastet, der verwechselt mittlerweile wahrscheinlich auch schon Ostern mit Weihnachten.
Natürlich wird auf dieser Scheibe das musikalische Rad nicht neu erfunden. Viele amerikanische Musiker haben dies jedoch erst gar nicht im Sinn, weil Blues und Rock so stark in ihrer DNA verwurzelt sind, dass diese Richtung überhaupt erst gar nicht in Frage gestellt wird. Es gibt da diese Anekdote aus den achtziger Jahren, die nach einem Deutschland-Konzert von Willy DeVille stattfand. Mister DeVille erhielt anschließend in seinem Hotel-Zimmer einen Anruf von einem der Kraftwerk-Musiker, der wohl das Konzert besucht hatte und ziemlich begeistert war. Der meinte dann in gebrochenem Englisch und ganz aufgeregt: »You’ve GOT TO keep on wis sis primitive rissms. You’ve GOTTA keep on wis sis primitve rissms!!! (Du musst weitermachen mit diesen primitiven Rhythmen, mach bitte unbedingt weiter mit diesen primiten Rhythmen!!!)« Was den guten Willy damals etwas perplex und sprachlos zurückließ. Und wer Willy DeVille kannte oder kennt, wird wissen, dass dieser Zustand bei ihm sehr selten vorkam.
Aber zurück zu Kelli Baker und "Mother": Definitiv ein sehr gutes Debüt, das es unbedingt wert ist, angecheckt zu werden. Ist es erwähnenswert, dass auf dem Album auch Gäste wie Keb' Mo' oder McCrary-Schwerstern für jeweils eine Nummer mit am Start waren? Ja, denn solche Gast-Performances drücken ja immer auch Respekt für den jeweiligen Protagonisten einer Platte aus. Wer erst mal reinhören möchte, dem empfehle ich dafür die Tracks "Bad Mother", "Sawdust And Stones", "Madman" und auch "Broken Bones". Aber nicht nur – auch die anderen Songs, und vor allem die Sängerin Kelli Baker braucht sich vor niemandem in diesem Genre zu verstecken. Die unten aufgeführte Tracklist erhebt übrigens nicht den Anspruch, dieselbe wie auf dem Album zu sein, sondern stellt dar, wie sie dem Verfasser für dieses Review vorlag.
Line-up Kelli Baker:
Kelli Baker (lead & background vocals)
Noe' Socha (acoustic & electric guitars, harmonica)
Rob McNelley (electric guitars)
Peter Levin (keyboards)
PJ Lamarina (bass)
Tom Curiano (drums & percussion)
With:
Zach Allen (shaker – #2, acoustric guitar – #3)
Keb' Mo' (congas – #4)
Tommy Perrotta (background vocals – #3)
Ann McCrary (background vocals – #10)
Regina McCrary (background vocals – #10)
Alfreda McCrary (background vocals – #10)
Tracklist "Mother":
- A Pen Is A Gun
- American Running
- Bad Mother
- Broken Bones
- Hymn
- Madman
- Rats
- Sawdust And Stones
- The Broken Baby Blues
- Wasp
Gesamtspielzeit: 45:14, Erscheinungsjahr: 2026



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