Von der Unart des Zappens, ein postfaktischer Tonträger und orchestrale Tiefe
Früher, als ich noch Farbe im nicht ausgedünnten Haar hatte, wurde im linearen TV gezappt wie der Teufel, erst zwischen der wahnsinnigen Auswahl von drei Programmen, später mit monströsen Satellitenschüsseln durch hunderte von Kanälen, sofern die Ausrichtung stimmte und es nicht regnete. Mittlerweile auf dem Kopf Albino-weiß leuchtend und die fleckige Haut faltig zusammengeschrumpelt, zappe ich, wie immer dem technischen und sonstigen Zeitgeist meilenweit hinterher hinkend, durch den unendlichen Kosmos der Tube im weltweiten Web der unbegrenzten Möglichkeiten als Inbegriff des postfaktischen Zeitalters.
Dabei wird mittlerweile auffallend häufig postuliert, dass die Compact Disc, kurz CD, eine Renaissance erlebe. Für die eventuell jüngeren LeserInnen dieser Zeilen … das sind so komische, meist hell metallisch spiegelnde Rundlinge, recht klein und aus Polycarbonat. Wenn diese mit einem Laser abgetastet werden und ein Digitalaudiowandler seine Arbeit verrichten kann, kommen tatsächlich Töne aus damit kommunizierenden Boxen oder Kopfhörern. Einst ein Tonträgermedium für Musik, welches das prähistorische Vinyl ablösen und ersetzen sollte, heutzutage aber durch MP3 und vor allem Musikstreaming aus besagtem World Wide Web im Grunde komplett obsolet geworden.
Warum also fabulieren diverse Content-Produzenten von einem Comeback? Nun ja, ich sage nur postfaktisches Zeitalter, auch wenn es auf dem Tonträgermarkt eine leichte Erholung bezüglich der Verkaufszahlen zu konstatieren gibt. Aber das spielt sich auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau ab. Musikmagazine werden meiner Beobachtung nach vermehrt nur noch mit digitalen Files zum Rezensieren versorgt. Ein untrügliches Indiz des CD-Bedeutungsverfalls, ebenso die Beobachtung, dass es nicht wenige Albumproduktionen gibt, die erst gar nicht mehr als CD auf den Markt kommen. Hinzu gesellt sich das Sterben diverser ehemals klangvoller HiFi-Hersteller und die fast völlige Abstinenz neuer CD-Abspielgeräte, mit Ausnahme obskurer China-Billigware und Highend-Geräten in der Preisklasse ehemals bezahlbarer PKWs.
Dabei hatte anno dunsen niemand geringeres als Herbert von Karajan die Entwicklung der CD protegiert, wobei es ihm in erster Linie um die Laufzeit des Tonträgers ging. Aber es stellte sich schnell heraus, dass gerade Werke der E-Musik im Vergleich zur Vinylscheibe von der erheblich größeren Dynamik der CD profitieren … in Tateinheit mit der vollkommenen Abstinenz jeglicher Lauf- und Nebengeräusche (kein Knacken und Knistern mehr).
Da trifft es sich gut, dass jetzt auch ein Favorit dieser Postille im wahrsten Sinne des Wortes unter die Klassiker gegangen ist und uns mit "Dreams & Songs" ein Livekonzert aus dem Thomas Wolfe Auditorium in seiner Heimatstadt Asheville, North Carolina vom 16ten und 17ten März 2019 kredenzt … auf Triple-Vinyl und Doppel-CD.
Meine erste Berührung mit Warren Haynes war das Allman Brothers Comeback-Album Seven Turns von 1990, welches mich ausnahmslos begeisterte und noch als Vinyl auf dem Plattenteller drehte. Sein Solo-Debütalbum "Tales Of Ordinary Madness" drei Jahre später riss mich ebenso mit und spätestens mit der Gründung von Gov’t Mule im Jahr darauf lag ich diesem Mann zu Füßen. Das ist beispielsweise in meinem Konzertbericht aus dem Jahr 2005 von der Show in der Großen Freiheit 36, Hamburg nachzulesen.
Seitdem ist verdammt viel Wasser die Elbe runter geflossen, Warren Haynes begleitete die Allman Brothers Band bis zu ihrem Ende 2014, betreibt neben Gov’t Mule auch die Warren Haynes Band einschließlich Albumveröffentlichungen, spielte mit Phil Lesh And Friends und gehörte The Dead an. Das sind viele Einflüsse und Kollaborationen, zu denen auch das Projekt der Jerry Garcia Symphonic Celebration gehörte, für den Protagonisten die erste Berührung mit orchestraler Verquickung und sozusagen der Urahn des hier vorliegenden Ereignisses.
Und Ereignis ist in diesem Fall eher untertrieben.
Warren Haynes und seine ausgesuchten, jazz- und fusionaffinen Mitstreiter werden vom 64-köpfigen Asheville Symphony Orchestra begleitet und phasenweise geradezu gefönt.
Die Setlist ist exquisit und streift alle Stationen seiner Karriere, selbstredend in originären, selbstständigen Arrangements, die das überraschend vielköpfige Orchester nicht wie angeklatschtes Beiwerk wirken lassen, welches sich mit der Rockband vor ihnen duelliert, sondern dafür sorgen, dass dem bluesigen, souligen und jazzigen Jamrock mit gehörigen Fusionsinjektionen völlig neue Facetten und eine bisher unbekannte Tiefe abgewonnen werden.
Dies geschieht mit einer bei allen Beteiligten herausragenden Musikalität, natürlich gekrönt von Warren Haynes unnachahmlichen Saitenspiel mit viel Slide, Feeling, Emotion und Variabilität und seinem charakteristischen, gleichsam feinfühligen wie kernigen Gesang. Greg Osby am Altsaxophon bringt eine pointierte jazzige Note ins Geschehen, Oteil Burbridge (Aquarium Rescue Unit, Allman Brothers Band, Tedeschi Trucks Band) am Tieftöner und Jeff Sipe (Susan Tedeschi, Aquarium Rescue Unit) am Schlagwerk glänzen auch ohne ausgedehnte Soli als feingeistiges Rhythmusduo, ergänzt vom Tastenmagier John Medeski (Medeski Martin & Wood). Derweil sorgt insbesondere Backgroundsängerin Jasmine Muhammad, eine studierte Sopranistin, zumindest bei mir punktuell für einen heruntergeklappten Unterkiefer und Gänsepelle.
Das ist hier Unterhaltungsmusik auf kulturell höchstem Niveau!
Popularmusikhistorische Perlen wie "Dreams" oder "Whipping Post" von der Allman Brothers Band, multipel als Live-Versionen dokumentiert, erscheinen knapp sechs Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nochmals in einem anderen Licht, "Shakedown Street" (1978) von Grateful Dead groovt plötzlich wie Hölle und bekommt durch das Orchester eine weitere Dimension hinzugefügt und pulverisiert eindrucksvoll die Originalversion.
Da wurde dann auch im Mix nichts dem Zufall überlassen und der entsprechende Meister seines Fachs, Mr. Bob Clearmountain, durfte Hand anlegen. Auch Co-Produzent Don Was ist alles andere als ein Unbekannter, Rolling Stones HörerInnen werden wissend mit dem Kopf nicken. Und schließlich wurde für das Mastering die Engineer-Legende Greg Calbi (u.a. John Lennon, David Bowie, Bruce Springsteen, Bob Dylan, Tom Petty & The Heartbreakers, Dire Straits, Lenny Kravitz) engagiert.
Fazit:
Das ist hier kein Produkt für schnödes Streaming. Oder?
Die CD hat theoretisch eine ordentliche Dynamik, wie geschaffen für ein 64köpfiges Orchester und keinerlei Nebengeräusche können den Musikgenuss trüben. Und Genuss steht hier wirklich an erster Stelle. Für eine Party die völlig falsche Musik.
Aber selbst Greg Calbi hat hier hörbar ’nur' für das Streaming gemastert. Als Digitalversion bekommen wir leider nur die übliche Dynamikkompression, was zur Folge hat, dass die eigentlich hervorragende Aufnahmequalität dieser Live-CD der gebotenen Musik viel zu wenig Luft lässt, während das (verlustfreie) Streaming mit Smartphone und (gehobenen) Bluetooth-Kopfhörern zu einem sehr ansprechenden Ergebnis führt. Das wird einer vermeintlichen Renaissance der Compact Disc leider nicht gerecht. Die Vertauschung der CD-Label-Nummerierung (CD1 ist inhaltlich CD2 und umgekehrt) macht die Sache nicht besser, genauso die Gestaltung des Triplesleeves, aus welchem die beiden kleinen Scheiben kaum unfallfrei zu entnehmen sind.
Aber "Dreams & Songs – A Symphonic Journey" ist musikalisch derart beeindruckend und faszinierend, dass zumindest das beim Streaming gern praktizierte Zapping definitiv entfallen sollte – das ist mal Fakt!
Line-up Warren Haynes:
Warren Haynes (vocals, guitar)
Oteil Burbridge (bass)
John Medeski (keyboards)
Jeff Sipe (drums)
Greg Osby (alto saxophone)
Edwin McCain (backing vocals)
Jasmine Muhammad (backing vocals)
The Asheville Symphony Orchestra conducted by Rich Daniels
Tracklist "Dreams & Songs – A Symphonic Journey":
- Dreams & Songs [Part 1] (4:40)
- Dreams (11:08)
- Banks Of The Deep End (9:28)
- Spots Of Time (8:19)
- Broken Promised Land (7:24)
- Thorazine Shuffle (9:54)
- It Makes No Differance (6:50)
- Terrapin Station > Slipknot! > Terrapin Station (12:28)
- Raven Black Night > Silent Scream > Raven Black Night (6:54)
- Just Another Rider (8:02)
- Black Peter (7:16)
- Instrumental Illness (10:45)
- One (5:39)
- Shakedown Street (6:44)
- Whipping Post (12:15)
- Dreams & Songs [Reprise] (4:10)
Gesamtspielzeit: CD1 67:30, CD2 61:50, Erscheinungsjahr 2026



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