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Rückblick auf mein RockTimes-Jahr 2025: Mario

Mario Keim RockTimes

Wie sollten wir es symbolisch mit dem Jahreswechsel halten, wenn sich wieder ein Kalenderjahr dem Ende neigt und wir vor neuen Aufgaben stehen? Bemühen wir dabei eine bekannte Formel: Ist dann das Glas halbvoll oder halbleer? Musikalische Erlebnisse können wie ein Trostpflaster wirken, wenn es im Alltag mal nicht so läuft. Musik bestärkt uns vor allem in unserem positiven Empfinden und lässt uns voller Vorfreude auf Kommendes blicken. Musikhören ist zwar keine anerkannte Therapie, doch die Kraft der Musik spricht Bände.

In großer Dankbarkeit blicke ich auf 2025 zurück. Das Jahr ist mit seinen Konzerterlebnissen wohl kaum zu toppen. Eine erste Geige spielten dabei die Veteranen der New Wave of British Heavy Metal  (NWoBHM). Wobei von Veteranen auf der Bühne keine Rede sein kann. Das trifft vor allem auf Iron Maiden zu, die im 50. Jahr ihrer Bandgeschichte eine furiose Tour hinlegten. Über zwei Stunden Spielfreude mit ihren größten Hits und Klassikern, die schon lange nicht mehr zu hören waren. Für eine Zugabe nach dem Konzert am 26. Juli in Stuttgart sorgte eine After-Show-Party, die mir doch tatsächlich die Wartezeit bis zu meinem Zug kurz nach 4 Uhr überbrücken half.

Saxon widerlegten alle Bedenken, die tourfreudige Formation könnte Ermüdungserscheinungen zeigen. Das Gegenteil war der Fall. Unterstützung bekamen Biff Byford und Kollegen auf ihrer Tour von Grand Slam und Girlschool. Die 1978 gegründete Frauenband hatte Gründungsmitglieder in ihren Reihen. Am Bass stand eine jüngere Frau mit prominentem Namen. Olivia Airey ist die Nichte von Deep Purple-Keyboarder Don Airey. Auch das gehört zu den vielen Musikergeschichten. Oft genug bleiben solche Episoden unerkannt. RockTimes hatte das Glück, vor dem Auftritt des Headliners Saxon beim Konzert am 5. März im Leipziger Haus Auensee mit der Powerfrau zu sprechen.

Judas Priest, ebenfalls ein Aushängeschild der NWoBHM, gab es diesmal im Vorprogramm der Show Scorpions & Friedens. 60th anniversary – Coming Home. Anlässlich der großen Geburtstagsparty verwandelte sich die Heinz-von-Heiden-Arena in Hannover für einen Tag in die Wohnstube der heimischen Scorpions. Wie unschwer festzustellen war, überzeugten Alice Cooper mit Band derart viele Stadionbesucher, sodass man hier fast schon von den heimlichen Stars des Abends sprechen konnte. Der Altstar überzeugte in gewohnter Manier. Dessen Auftritt leitete zuvor Bülent Ceylan mit seinen Metalsongs aus dem Album Ich liebe Menschen (2024) ein. Am Ende aber blieb es die Party der Scorpions, denn mit dieser Überzeugung habe ich die Reise nach Niedersachsen angetreten.
Inzwischen sind bei mir das Doppel-Live-Album und das dazugehörige T-Shirt zur Show eingetroffen. Die Wartezeit war lang, aber das Versprechen einer Lieferung noch vor Weihnachten wurde eingehalten. Wie schön, wenn man sich selbst etwas auf den Gabentisch legen kann.

Einer Bescherung glich das Konzert am 12. Juli im Stadionpark Nürnberg. Vor stimmungsvoller Kulisse präsentierten dort Dream Theater ihr im gleichen Jahr erschienenes Studioalbum Parasomnia. Das Konzert stand unter einem besonderen Vorzeichen: Erstmals seit seinem vorläufigen Abschied 2010 kehrte Schlagzeuger und Gründungsmitglied Mike Portnoy wieder zurück zum 'Traumtheater'. Alle aufstrebenden Bands mögen es mir nachsehen. Aber es ist schon eine Freude, wenn die allseits verehrte Band mit einem dreistündigen Programm den Abend allein bestreiten darf. So lag der Fokus auf dem Progressiven Metal der US-amerikanischen Helden.
Drei größere Konzerte allein im Sommermonat Juli (Scorpions und Gäste, Dream Theater und Maiden) waren schon etwas Besonderes. So folgte eine vergleichsweise lange Durststrecke bis zum 22. November anlässlich von Helloweens 40-Jahre-Tour in der ausverkauften Schleyerhalle in Stuttgart. Was wurde nicht alles über Helloweens Comeback und die neuen Alben in der 7-Personen-Besetzung geschrieben. Es gibt keine Zweifel: Der Power Metal, den Helloween in den 1980er Jahren federführend entwickelten, lebt hier mit voller Energie fort. Überzeugend der Auftritt der Band mit zwei Hauptsängern, die fast die ganze Zeit als Duett auftraten und sich die Rolle am Mikrofon teilten. Dazu jeder Instrumentalist ein Könner seines Faches und auf dem akuellen Album Giants & Monsters als Songwriter verewigt. Im Ergebnis war das Konzert ein Fest einer gestandenen Band, die wie eine Familie auftrat. An anderer Stelle las ich im Netz 'All Star-Band'. Ich fand den Vergleich gut und den Begriff treffend, auch wenn 'All Star-Band' nicht unbedingt mit dem Genre Metal in Verbindung gebracht wird. Helloween zeigten eindrucksvoll: Musik kann Berge versetzen, ihre Wirkung kann positive Motivation abrufen. Dieses Gefühl transportierten die 'Kürbisse' aus Hamburg, es schafften zu einem anderen Zeitpunkt am Himmelfahrtstag in gleicher Weise Gotthard aus der Schweiz. Sie spielten vor einer außergewöhnlichen Kulisse: Im Circus Krone in München. Es war ein Abend, den man in jeder Hinsicht positiv in Erinnerung behält. An dieser Stelle mag man mir bitte verzeihen, dass ich in meinem Jahresrückblick nicht unbedingt chronologisch vorgehe und hier ein wenig springe.

Am 1. Dezember, zwei Wochen nach dem denkwürdigen Konzert mit Helloween, begegnete ich auf der Bühne einem Musiker, der lange im großen Schatten von Lemmy Kilmister stand, sich aber dennoch große Verdienste erwarb: Phil Campbell war immerhin 32 Jahre Gitarrist bei Motörhead. Gemeinsam mit seinen drei Söhnen und einem Sänger, der im Berliner Club Lido nur zur Aushilfe anheuerte, traten sie als Phil Campbell And The Bastard Sons ganz in Familie an. Gewöhnlich besteht deren Programm zu je einer Hälfte aus eigenen Kompositionen und aus Titeln von Motörhead. Diese Zurückhaltung warfen sie aber über Bord, um ausschließlich Lieder von Motörhead zu spielen. Entsprechend fiel die Publikumsresonanz an beiden Tagen aus, denn das Konzert am ersten Dezembertag war eine Zusatzshow. Mit dem 10. Todestag von Bandgründer und Bassist Lemmy Kilmister und der 50. Wiederkehr der Bandgründung steht 2025 natürlich besonders im Zeichen jener Kultband. Das machte die beiden Abende der Tourstation in Berlin aus.

Metal-Herz, was willst Du mehr? Genau dieses Gefühl beschlich mich seit der ersten Singleauskopplung It Takes Two To Tango im April 2025 mit Dirkschneider And The Old Gang (kurz: DATOG). Die gleichnamige All Star-Band um Accept-Gründer Udo Dirkschneider, die ursprünglich als Charity-Projekt ins Leben gerufen wurde, punktete in der Szene zurecht mit ihrem Debütalbum Babylon und sorgte damit für eine faustdicke Überraschung. Dabei wurde Monat für Monat ein Track aus dem Album als Single neu ausgekoppelt. Markenzeichen sind die drei Leadstimmen, wobei in dieser Funktion dem Mastermind Manuela Bibert und der geniale Peter Baltes (Bassist bei Dirkschneider) zur Seite stehen. Weitere Akteure bei DATOG sind die Gitarristen Stefan Kaufmann und Mathias Dieth sowie Sven Dirkschneider am Schlagzeug. Der 73-jährige Udo Dirkschneider, der immer wieder gern als 'die Seele und Herz im deutschen Metal' beschrieben wird, versteht es, an seiner Seite kreative und junge Köpfe zusammenzubringen und mit ihnen Neues auf die Beine zu stellen. Jetzt wartet alle Welt nur noch auf die Liveumsetzung des herzerfrischenden Projektes. Im Interview mit RockTimes äußerte sich Sängerin Manuela Bibert vorsichtig optimistisch zu möglichen Konzerten. Sie sagte: »Alles ist möglich! Bisher sind noch keine Liveauftritte geplant, aber schließlich war auch dieses Album nicht geplant. Getreu dem Motto 'go with the flow' wird sich, wie immer im Leben, das Rechte zur rechten Zeit ergeben. Ob das mehr Musik ist oder Liveauftritte, das wird sich zeigen – wir sind für alles offen.« »Die Sache hat eine Eigendynamik entwickelt, mit der wir in dieser Form nicht gerechnet hatten«, gesteht Stefan Kaufmann. »Fans und Label wollten sofort wissen: Kommt da noch mehr?«. Die Antwort kennen wir seit "Babylon".

Somit gab es im Jahr 2025 für mich neben den Top-Lieblingsbands aus England und den USA auf der Bühne eine wichtige Neuentdeckung deutscher Herkunft mit szeneerprobten Akteuren. Es gab weitere Wiedersehensfreude. Dazu gehörte das Live-Album All Engines On – Live In London mit der britisch-amerikanischen Band Foreigner. Das aufgezeichnete Konzert, das am 25. Juli 2010 im Camden Roundhouse in London stattfand, wurde noch im gleichen Jahr digital veröffentlicht. Jetzt ist das Konzert aber erstmals remastert auf CD und Vinyl erschienen. Ein gutes, sehr authentisches Livevergnügen, für das allein schon die Ohrwürmer "Double Vision", "Cold As Ice", "Urgent" und "I Want To Know What Love Is" sprechen. Einfach Musik, die gute Laune macht. Eine Empfehlung für all diejenigen, die sich diese 'Radioband' in neuer Form nach Hauses holen möchten.

Bei den Reviews reichte die Auswahl von Amorphis mir ihrem Album Borderland bis hin zur schwedischen Band Siena Root mit ihrem Made in KuBa betitelten Doppel-Album. Die Aufnahmen im Jenaer Kulturbahnhof (kurz: Kuba) erfolgten an drei Abenden im März 2024. »Intime Abende« schrieb dazu das Plattenlabel Perception. Das trifft angesichts der Größe der Spielstätte mit 190 (!) Besucherplätzen natürlich uneingeschränkt zu. Zum bewährten Programm gehört der Blick über den Tellerrand, wobei Liedermacher George Leitenberger nach drei Besprechungen inzwischen fast schon zum Inventar gehört. Deshalb bedaure ich sehr, dass ich ihn bisher noch nicht auf der Bühne sehen konnte. Das aktuelle Album heißt A Road-Trip Through Morocco. Dass der Wahl-Schweizer mit Wohnsitz Genf erst am Schluss eine Erwähnung findet, hat keinesfalls etwas mit dessen Stellenwert zu tun. Es brauchte ein wenig Zeit, um Zugang zu seinen Werken zu finden, doch längst ist das Eis geschmolzen und Musiker und Autor kommunizieren miteinander auf Augenhöhe und per E-Mail.

Zu guter Letzt noch ein Beleg aus der Rubrik 'Es gibt nichts, was es nicht gibt': Eine Empfehlung der speziellen Art sind Mandowar aus Wetzlar. Sie verstehen sich darauf, Metalsongs mit dem Instrumentarium Mandoline, Gitarre und Bass zu covern. Da bleibt kein Auge trocken, wie das Trio beim Altstadtfest in Jena am 19. September 2025 demonstrierte. Fürs kommende Jahr ist bei mir ein Konzert mit ihnen am 6. Februar 2026 in Lübeck vorgesehen. Ich wollte immer mal wieder in die Stadt. Urlaub und Beruf lassen grüßen. Die Reise ist schon gebucht. Dass sich Städtetrip und Konzert bei mir sehr oft die Klinke in die Hand geben beziehungsweise ergänzen, ist fast schon Standard und macht für mich einen zusätzlichen Reiz der Livemusikerlebnisse aus.

Welche Enttäuschungen gab es anno 2025? Frei nach dem Motto 'Und täglich grüßt das Murmeltier' zeigte sich Nena, Star der Neuen Deutschen Welle, von ihrer besten Seite. Beim Konzert Ende August in Bad Kissingen legte sie die Zahl der Bilder pro Fotograf mit maximal vier fest und räumte ein zeitlich begrenztes Nutzungsrecht pro Foto von drei Monaten ein, sowohl online als auch in E-Paper-Ausgaben. Die kollektive Reaktion der Fotografen blieb an diesem Tag nicht aus und so war der Fotograben beim Auftritt der 65-jährigen Sängerin verwaist. Speerspitze dieser Bewegung unter den deutschen Stars ist übrigens Nina Hagen, die stets Nutzungsrechte an allen Fotos und Einsicht vor Veröffentlichung verlangt. Regelmäßig wird sie für ihr Verhalten von den Berufsverbänden der Journalisten gerügt. Ihr zweifelhaftes Verhalten hat sie dennoch bis heute nicht geändert. Das Gros der Künstler mit solchen Praktiken sitzt jedoch im Ausland und weniger in Deutschland.

Ungeachtet dieser negativen Erfahrungen wünsche ich allen Leserinnen und Lesern von RockTimes ein gutes 2026. Bleibt uns gewogen und vor allem schön gesund.

Über den Autor

Mario Keim

Musikstile: Heavy Rock, Rock, Deutschrock, Hard Rock
Marios Beiträge im RockTimes-Archiv

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