Dies scheinen die Tage zu sein, in denen mich die Spuren des Woodstock-Festivals fest im Griff haben. Was nicht zwingend an der Musik von Baby Woodrose liegt, die entstammen einer deutlich jüngeren Generation. Das allerdings hält den Mastermind Lorenzo Woodrose keinesfalls davon ab, sich mit genau diesen historischen Wurzeln zu verknüpfen und für das neue Album ein Konzept zu erstellen, in dem es um wirklich wichtige Dinge geht.
Damals, in Bethel bei New York, brachte Richie Havens, dem für alle Zeiten die Ehre obliegt, das 'Woodstock-Festival' eröffnet zu haben, mit seiner Improvisation des alten Spirituals "Motherless Child" auf den Wiesen des Max Yasgur ein starkes Statement gegen Unterdrückung und rassistische Anfeindung auf die Bühne; ein Song, der Sklaverei anprangerte und für Freiheit und Gleichheit kämpfte. »Freedom, freedom« fügte er dazu immer wieder in den Songtext ein und schuf ein zeitloses Mahnmal. Das, was damals galt, gilt heute immer noch, wenn auch auf anderen Ebenen. Die Eliten der Wirtschaft haben die Weltbevölkerung im Griff, das Individuum scheint wie ein Hamster im Rad seine auferlegte Rolle wahrzunehmen. Produzieren, konsumieren, sterben. Der einzelne Mensch kämpft um seine Freiheit in einer Weise, die dem Ansinnen des Don Quijote ähnelt. Denn mediale wie staatliche Beeinflussung und Manipulation erwürgen jeden Widerstand, eine Art moderner Sklaverei macht sich mehr und mehr breit, mit hinterlistig ignoranter Arroganz befeuert von all denjenigen, die sich für Transatlantische Wirtschaftsabkommen und die Abschaffung des Bargelds engagieren.
Sorry für diesen gesellschaftspolitischen Exkurs, aber genau das beschreibt Lorenzo im Prinzip als seine Intention für das vorliegende, siebte Album der Band, kulminierend in der aggressiv zerreißenden Power-Version des beschriebenen Richie-Havens-Vortrags, "Freedom" betitelt. Die Band drischt den Song mit eskalierenden Riffs und sich in pure Brachialität auflösende Saiten-Akkorde in ein aufgeladenes Spannungsfeld hinein, finalisiert mit einem hektischen Solo flirrender Licks. Was nicht heißen soll, dass Richies Version nicht kämpferisch gewesen wäre. Diese Nummer hat mich immer berührt wie ein Messerschnitt ins eigene Fleisch. Voll von Verzweiflung und Schmerz, ein Schrei nach Freiheit, der tief erschüttern sollte. Hat er auch. »Some times I feel like a motherless child, a long, long way from home«, wen das nicht berührt…
Direkt zum Einstieg hingegen bläst uns ein krachender Orkan entgegen. In purer Spröde "Reality" betitelt empfängt uns kurz eine murmelnde Orgel, bevor die Saiten den Antrieb zünden. Geradeaus, mit wilden Solo-Gitarren konfrontieren uns Baby Woodrose mit ihrer Sicht der aktuellen Wirklichkeit. Bei aller Ernsthaftigkeit der Thematik auch ein geeignetes Stückchen Musik, um mal so richtig die Sau raus zu lassen.
Baby Woodrose nennen ihre neuen Stücke 'die mordernen Sklavensongs', wir sollten ihnen sehr genau zuhören und darüber nachdenken, bevor wir irgendwann erkennen müssen, dass es zu spät ist. Musikalisch bewegt sich die Band bei ihrem engagierten Feldzug auf durchaus vertrautem Gelände. Knallharter Garagenrock mit ekstatischen Gitarren-Outbreaks, leidenschaftlicher Gesang, vorwärtstreibende Rhythmik. Zweimal konnte ich die Band schon auf der Bühne bewundern. 2011, als Support von Siena Root hatten sie mich noch nicht gefangen nehmen können, ein Jahr später beim 'Yellowstock-Festival' in Geel, Belgien, da haben sie uns alle total geflasht.
Ein Wort zur Cover-Art. Die stilisierte, schwarze 'Black-Power-Faust' vor einem simplen infernalen Glitzer-Universum wie auf einer implodierenden Disko-Kugel unterstreicht die intellektuellen Ansätze des Album sehr passend und bewegend.
Ich bin ein bekennender Psychedeliker, diese kiffigen, ausufernden Soundeskapaden sind genau mein Ding. Und exakt diese knallen uns die agilen Dänen mit ihrer letzten Nummer "Termination" in die Gehörgänge. Vibravoid habe ich kürzlich schon einmal zitiert, die würden sich hier auch ganz zuhause fühlen. Fantastisch, wie aus einem psychedelischen Kochtopf heraus die wilden Improvisationen gegart werden. Ulli hat kürzlich über Electric Moon geschrieben, der gute Dave Schmidt kann das ja auch so trefflich. Und irgendwie scheint es fast so, dass auch ein ganz klein wenig über Jimis "Third Stone From The Sun" improvisiert wird. Vielleicht ist es ja überinterpretiert.
Wenn fetzig vorgetragene Rockmusik mit einer wirklich engagierten, wenngleich beängstigenden Message zusammenkommen, dann bin ich auf jeden Fall dabei, solche Musiker wünsche ich mir allemal. Baby Woodrose spielen mitreißende Musik, ihre Ambitionen sollten uns allen am Herzen liegen. Denn: »It’s not only Rock’n’Roll…«.
Line-up Baby Woodrose:
Lorenzo Woodrose (vocals, guitars)
Hans Beck (drums)
Mads Saaby (guitar)
Kare Joensen (bass)
Anders Skjodt (organ)
Tracklist "Freedom":
- Reality
- 21St Century Slave
- Open Doors
- Mind Control Machine
- Peace
- Freedom
- Red The Signpost
- Mantra
- Termination
Gesamtspielzeit: 37:14, Erscheinungsjahr: 2016



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