Wer hätte gedacht, dass es einmal ein Colosseum-Leben ohne den ehemaligen Band-Chef und Schlagzeuger John Hiseman geben würde? Wobei diese Frage auch schon wieder 'Kalter Kaffee' ist, denn die nach dessen Ableben im Jahr 2020 von Clem Clempson und Mark Clarke wiederbelebte Band hatte seither neben vielen Live-Shows mit Restoration (2022) auch bereits wieder ein sehr starkes Studioalbum vorgelegt. Was übrigens sehr wichtig war, da die ersten drei Scheiben ab der Reunion Mitte der Neunziger (Bread & Circusses von 1997, Tomorrow’s Blues von 2003 sowie Time On Our Side aus dem Jahr 2014) eher enttäuschend oder zumindest lange nicht mehr so glanzvoll wie die Meisterwerke der Combo aus den Jahren rund um 1970 ausfielen. Im Herbst 2024 ging es also an die Aufnahmen zur neuen, schlicht "XI" betitelten Platte, die in London und New York eingespielt wurde. Der Kollege auf dem Frontcover des legendären Albums Colosseum Live (1971) scheint tatsächlich ebenfalls immer noch durch die Gegend zu hüpfen und wurde auch auf dem Cover dieses neuen Werks verewigt. Hut ab vor einer so starken Kondition!
Aber Spaß beiseite: Erleichtert stellt der Rezensent nämlich nach bereits wenigen Durchläufen von "XI" fest, dass Colosseum die Qualität von "Restoration" locker gehalten hat. Zwar ist es auch hier so, dass die jazzigen und progressiven Anteile nur sehr zurückgefahren auftauchen, was der Qualität des Albums jedoch keinen Abbruch tut. Denn die vertretenen neun Tracks sind qualitativ hervorragend eingespielt und auch das Songwriting ist in weiten Teilen durchaus gelungen. Am meisten gelitten hat – aus ganz natürlichen Gründen – die Stimme bzw. der Gesang des mittlerweile 85-jährigen Frontmanns Chris Farlowe. Die Vocals kommen stimmlich zwar nicht mehr so kraftvoll wie vor zwanzig oder vor zehn Jahren, erfüllen aber nach wie vor ihren Zweck. Lediglich bei der Intonation bzw. 'Aussprache' hört man Farlowe sein Alter an. Die Lead Vocals übernimmt dieser in erster Linie bei den bluesigen Tracks wie dem Opener "Not Getting Through" oder der ersten Cover-Nummer, Van Morrisons "Ain’t Gonna Moan No More".
Auch "No More Second Chances" ist ein langsamer Blues mit feiner, eher im Hintergrund agierenden Orgel- und Saxophon-Begleitung, während Clempsons Gitarre zwar auf der gesamten Platte präsent ist, sich jedoch meistens erstaunlich zurückhält. Als Hauptsongwriter agierten hauptsächlich Clempson und Nick Steed, während das vom Keyboarder komponierte Instrumental "English Garden Suite" das Herzstück des Albums darstellt. Beginnend mit einem schönen Piano-Intro und sich langsam dazu gesellenden Bass sowie Saxophon geht es hier auf eine fast neunminütige musikalische Reise, die sich mit sehr schönen Melodien, sich ständig abwechselnden Soloinstrumenten und einem tollen Spannungsaufbau sehr schnell ins Herz eines Musik-Fans spielt. Ein klasse Stück, das vielleicht am ehesten an die legendären Jahre der Band in den frühen Siebzigern erinnert. Beim zweiten Cover-Song handelt es sich um das West, Bruce & Laing-Stück "Out In The Fields" (vom Album "Why Dontcha", 1972), für das Clem Clempson die Lead Vocals übernommen und einen guten Job abgeliefert hat.
Eigentlich gäbe es noch viel mehr über die Scheibe zu erzählen, was den Rahmen dieses Reviews jedoch sprengen würde. Nicht unerwähnt lassen möchte ich aber, dass Mark Clarke mit seinen beiden von ihm geschriebenen und gesungenen Tracks "Gypsy" (rockiger) sowie "Nowhere To Be Found" (getragener) ebenfalls klasse Material beigesteuert hat. Und zum Abschluss gibt es mit "Hunters" einen guten sowie würdigen finalen Song auf die Mütze.
Somit ein sehr gutes neues Werk von Colosseum. Vergleiche mit den Alben der ersten Band-Phase erspare ich mir an dieser Stelle, festgehalten werden darf jedoch, dass "XI" – wie auch schon "Restoration" – deutlich besser wegkommen als die Studioplatten, die im Zeitraum der End-Neunziger bis 2014 entstanden sind. Feines Teil!
Line-up Colosseum:
Chris Farlowe (lead vocals – #1,4,6,7,9)
Clem Clempson (guitars, background vocals, lead vocals – #8)
Mark Clarke (bass, background vocals, lead vocals – #2,5)
Nick Steed (organ, piano, synthesizers, background vocals)
Kim Nishikawara (tenor-, soprano- & baritone saxophones)
Malcolm Mortimore (drums)
With:
Ray DeTone (rhythm guitar – #2)
Ana Gracey Hiseman (background vocals – #1)
Tracklist "XI":
- Not Getting Through
- Gypsy
- English Garden Suite
- Ain’t Gonna Moan No More
- Nowhere To Be Found
- Won’t Be Satisfied
- No More Second Chances
- Out Into The Fields
- Hunters
Gesamtspielzeit: 47:09, Erscheinungsjahr: 2025



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