Deepshade ist wieder einmal eine neue Erfahrung für mich, aber es hat nicht lange gedauert, bis sie mich an der Angel hatten. Musik, die den Grunge der Neunziger aufgreift, wie schon damals getragen durch charismatischen Gesang – mit Stoner-Einflüssen (Sungrazer, Radio Moscow, King Buffalo) und psychedelisch-fuzzigen Abflügen, aber auch tiefen Wurzeln in der guten alten Zeit, wenn ab und zu Pink Floyd genauso anklingen wie Black Sabbath oder Led Zeppelin – das ist genau mein Ding. Was besonders fasziniert, sind die mitunter melodisch feinen Zwischenspiele mit erstaunlichen Soundspielereien, die dem Ganzen eine besondere Farbe und einen ganz eigenen Charakter verleihen. Das hier vorliegende Album ist bereits die vierte digitale Produktion, aber "Soul Divider" wird in Kürze auch auf Vinyl zu haben sein. Ein Kauftipp allemal.
Die Band stammt aus dem Nordwesten Englands, aus Wigan auf halber Höhe zwischen Liverpool und Manchester, gelobtes Land für einen Roten. In diesen Gefilden sind sie schon seit einigen Jahren gern gesehene Gäste auf den Bühnen und in den Klubs. Überhaupt haben sich Deepshade durch diese vielfach gelobten Auftritte und über eine erstaunliche Präsenz in den alternativen Medien den Ruf einer neuen Stimme im britischen Rock erworben.
"Airwaves" zum Auftakt ist geprägt von einem psychedelisch schönen Gitarren-Workout voll perlender Melodik mit einem hypnotischen Flow und einem klassischen Steigerungsbogen, wo in Verbindung mit dem sehr stimmigen Gesang erst einmal die Antennen in eine unerwartete Richtung gleiten. Klingt fast ein wenig wie bei meinen Lieblingspolen Riverside. Doch wenn die Riffs einschlagen wird schnell klar, dass wir es hier mit einer härter und gradliniger auf Gitarrenrock ausgerichtete Philosophie zu tun haben. Und wie zum Beweis erhebt sich zum Ende Davids Gitarre zu einem geilen fuzzigen Solo.
Ein cooles, leicht orientalisches Intro mit spannenden rhythmischen Linien führt nach kurzer Reflexion in die Volldampf getriebene, Metal getränkte Nummer "City Burns", ein Sound, wie ich ihn Anfang des Jahres bei Myrath schon ähnlich bewundern durfte. Außerdem weckt der Song Erinnerungen an die "Queen Of Desire", mit der in den Achtzigern die Belgier von Ostrogoth metallisch punkten konnten. Das Tempo wird in "Burning Up" ein Stück zurückgenommen, dafür steigt die Intensität und der düster mäandernde Grundton, spannungsvoll unterlegt durch einen eigenartig abgehackten Rhythmus gibt dem Song Dichte und Atmosphäre. Im Solo versteht man den Hinweis auf Radio Moscow als eine inspirierende Band. Das passt.
"Arches Of Innocence" ist eine Adaption der Musik aus den Neunzigern und tieferen Wurzeln in Zeppelinschem Zeitalter. Treibender Rock, geschrieben für ein Powertrio. "Sad Sun (radio edit)" setzt dort an, bricht dann aber immer wieder in zurückgenommene Strophen in einem nachdenklich bedrohlichen Szenario, ein wenig davon könnte man auch bei Black Sabbath finden. Ja, hier geht es hinein in einen Schmelztiegel aus ganz unterschiedlichen Zutaten. Es bleibt das Verdienst von Deepshade, dass daraus eine so stimmigen und eindrucksvoll eigenständige Melange entstanden ist.
Der Beweis folgt sogleich in der nächsten Nummer, "Lonely Man", wo wir abtauchen in ein geheimnisvoll schillerndes Meer psychedelischer Strömungen und begegnen den Geistern derer, die einst solche Gewässer auf der ganzen Welt bereist haben: Niemand anderes als die Legenden Pink Floyd.
Zum Titelstück, "Soul Diviner", möchte ich unbedingt das dazu gehörige Video ans Herz legen, bei Youtube leicht zu finden. Stellen wir uns vor, der große Stanley Kubrick wäre Rocker gewesen und hätte "2001" in den Neunzigern gedreht, dann hätten Dave Bowmans Sinneseindrücke beim Eintritt in die Jupiter-Umlaufbahn vermutlich genau so ausgesehen. Und die Idee des "Seelenteilers" kristallisiert sich durch die abgefahren verstörend auf uns einwirkenden Bilder sowie durch die rasante Musik sehr deutlich heraus. Denn wohl nirgendwo im ganzen Werk prallen derart wilde, fast Punk beladene Ausbrüche auf psychedelisch abgedrehte Ideen. Das ist perfekt inszeniert und elektrisiert den Zuschauer und -Hörer binnen weniger Sekunden. Für Epileptiker dürfte dieses Chaos an Sinneseindrücken allerdings nicht geeignet sein.
Die beiden nächsten Nummern zeigen besonders deutlich, wie sehr es Deepshade verstehen, soundmalerisch aktiv zu sein, ohne je den Pfad einer energetisch aufgeladenen Musik mit wilden Ausbrüchen und emotionalen Spitzen zu verlassen. Insbesondere das längere "Monster" zeigt dies sehr eindrücklich, ein Song wie ein Kaleidoscope. Die Breaks zwischen den hier fast sanften Spielereien und aggressiven Freak-outs haben es in sich und zum Ende finden wir uns in einem sehr meditativen Sog wieder.
Das heftige "Ganzua" mit seinen krachenden Riffs und dem schrägen, mehrstimmig psychedelischen Gesang weckt Erinnerungen an The Machine – logisch (nicht ganz ernst gemeint), auch die haben einen David an Gitarre und Gesang. So oder so, das Solo macht uns kompromisslos nieder, ein wildes Freak-out, bei dem am Ende fast ein wenig wehmütige Gedanken an Ritchie Blackmore aufkommen oder besser an das, was er früher so trefflich getan hat.
Als uns bei RockTimes dieses Album angeboten wurde, habe ich sofort zugegriffen. Hier vereinen sich verschiedene Einflüsse aus unterschiedlichen Richtungen zu einem stimmigen und zeitgenössischen Gesamtkonzept, schillernd und bunt wie die Spektralfarben selbst. Harte und mitreißend abgehende Passagen werden immer wieder getragen durch hoch interessante Klangerlebnisse, wodurch sich die Band von Genre-typischen Artverwandten, die eher den Weg der Faust aufs Auge gehen, erfrischend abgrenzen. Doch vor allem macht diese authentisch bereitete Musik ungeheuren Spaß und wenn die Riffs abgehen und die Saiten fliegen, dann fliegen auch die Kühe. Es ist diese faszinierende Verbindung von Stilen und Epochen, die der Musik Unverkennbarkeit gewährt. So ist es kein Wunder, dass David mir als erste die alten Freunde von Sungrazer nannte, als es um aktuelle Bands ging, die Deepshade beeinflusst haben. Auch Sungrazer fanden stets eine geile Mischung zwischen harten Riffs und melodischen Passagen, ein zumindest teilweise durchaus vergleichbares Konzept.
Deepshade bieten Klasse Rockmusik mit Verve, Leidenschaft und ganz viel Einfühlungsvermögen in unterschiedlichen Stimmungen. Coole abwechslungsreiche Songs mit starkem Gesang und kraftvollen Soli, das reißt mit und turnt an.
Line-up Deepshade:
David Rybka (guitar, vocals, keyboards)
Tom Doherty (bass)
Chris Oldfield (drums)
guest
Fran Lydiatt (keyboards)
Tracklist "Soul Divider":
- Airwaves
- City Burns
- Burning Up
- Arches Of Innocence
- Sad Sun (radio edit)
- Lonely Man
- Soul Divider
- MaryLand
- Monster
- Ganzua
Gesamtspielzeit: 46:11, Erscheinungsjahr: 2019



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