Es war kein geringerer als Jussi Lehtisalo, Mitbegründer der überaus kreativen Alternativ-Rockband Circle aus Finnland, der mir vor etlichen Jahren mal den ultimativen Tipp zum Thema progressive Rockmusik in Skandinavien gab. Die von ihm so geschätzte Band hieß Pärson Sound und brachte einige unglaubliche Nummern in den späten Sechzigern heraus; teilweise eine halbe Stunde lang. Sie waren ihrer Zeit wohl noch weit mehr voraus als Velvet Underground.
Als ich in diesen Tagen erstmals das neue Album von Hooffoot aus Malmö hörte, konnte ich mich dem beschriebenen Anachronismus von damals nicht mehr entziehen, aber vielleicht läuten hier die Glocken in gänzlich reziproker Weise? Denn Hooffoot sind unverschämt Retro, und wahnsinnig erdverbunden, roh und ungeschliffen. Und unverschämt gut.
Diese Musik stammt aus 2020, ehrlich, man mag es nicht glauben.
Zugleich bietet "The Lights In The Aisle Will Guide You" einen fantastischen Kontrast, wo ich gerade in den letzten Tagen zwei progressive Konzepte beschreiben durfte, die, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise, mit Harmonien und Wohlklang zum Ziel kommen. Das Programm von Hooffoot sprengt solche Ansätze in Stücke, hier wird musiziert wie aus den tiefsten Wurzeln unserer Kultur. Das klingt irgendwie jederzeit wie improvisiert und scheint doch so präzise klaren Kompositionsstrukturen zu folgen. Darum mag ich mich an den verzweifelten Versuchen, diese Musik im Spektrum zwischen Progressive Rock, instrumentellem Jazz und klassischer Fusion einzuordnen, gar nicht recht beteiligen, Schubladen braucht diese abgefahrene Musik sowieso nicht.
Das Album besteht aus vier unabhängigen Einzelwerken, die jeweils eine ganz eigene Stimmungslage vermitteln. Versucht man überhaupt, ein paar grundsätzliche und allgemeingültige Regeln in dieser wilden Musik zu erkennen, so findet man gleich in der ersten Nummer, dem Titelsong, sehr prägnante Hooks und repetitive Lines, die sich mit ihrer schroffen Aggressivität sofort ins Kleinhirn einbrennen. Eben der Titelsong mit seinen vereinzelten Violinen-Applikationen lässt ein ganz klein wenig Curved Air-Feeling aufkommen. Das spätere, unglaublich geile Orgel-Break hingegen erinnert mich deutlich stärker an Thijs van Leer und Focus, die ich Zeit meines Lebens zutiefst verehrt habe. Ja, diese mäandernden, tempomäßig eher entspannten Ausflüge zwischen Tasten und Saiten haben etwas aus dieser Zeit. Und dort, wo Jan Akkerman seine unfassbar flinken Finger jazzig kulminieren ließ, türmt Jocke Jönsson ein emotionales, sich immer dramatischer aufbäumendes Solo zu einem mitreißenden Erlebnis auf, das am Ende ein bisschen vom Geist der Erschaffung Adams hat, dort, wo sich in Michelangelos berühmtem Gemälde der Finger des Schöpfers dem seiner Kreatur nähert. Wow.
Und mit fetzigen Hooklines, wieder wechselnd zwischen Gitarre und Violine kommt man zurück zum Grundthema und der Basis aller Dinge. Dass im Netz Vergleiche mit "Return To Forever" gezogen werden, kann ich verstehen und möchte noch anmerken, dass dort einst ein gewisser Al Di Meola seine ersten Gehversuche hatte. Auch dessen Kompositionen aus den Siebzigern mögen hier befruchten eingeflossen sein.
Und dann ein so geiler Stimmungswechsel, der mich in eine Welt eines Musikers führt, der wohl zu meinen drei liebsten Gitarristen überhaupt zählt, obwohl ich ihm an dieser Stelle hier bei RockTimes noch nie auf seiner Spur gefolgt bin, da er prinzipiell nicht der Rockmusik, sondern dem Jazz zuzuordnen ist. Ich meine den unfassbaren und einzigartigen Terje Rypdal. Dabei sind es nicht Terjes Saitenkünste selbst, die diese Assoziationen wecken, sondern der sensible und stimmungsvolle Aufbau aus sanfter Percussion, mit der einst auch der Brasilianer Egberto Gismondi fantastische Klanglandschaften schuf, und vor allem die zarte Trompete von Gustaf Sörnmo. Palle Mikkelborg spielte sie einst bei Terje ganz ähnlich, da gibt es zahllose unfassbar gute Kompositionen wie aus einer anderen Welt.
Doch dann wechselt der Drive von "Pablo Octavio – 1st Departure" in einen ungeheuer treibenden, funkigen Groove, der hier besonders ausgeprägt wie ein Jam daher kommt.
Wer nun aber dieser Pablo Octavio ist, hab ich nicht herausbekommen, das Netz kennt einen brasilianischen Tänzer dieses Namens. Wie dem auch sei, die dritte Komposition heißt dann "Pablo Octavio – 7th Sea" und verstärkt den lässig fließenden Jam-Charakter aus dem Vorgänger noch um einiges. Wieder diese schönen repetitiven Lines, hier auch versehen mit coolen Riffs, über denen sich der Song quirlig sprudelnd entwickelt. Fast mag man hin und wieder ein wenig vom Geist der Grateful Dead spüren, etwa so, als wenn die sich mit Miles Davis getroffen hätten. Immerhin soll Miles ja in diesen Tagen genau vor 50 Jahren im Filmore West mal als Support für die Dead aufgetreten sein. Bill Graham machte es möglich. Wie geil die Welt doch sein kann.
Auch Gov’t Mule hatten mit ihren Auftritten gemeinsam mit dem Jazz-Gitarristen John Scofield solche Verschmelzungen im Angebot.
Ach Du liebe Zeit, der letzte Song ist betitelt "Krematorium (Arrival For Autocrats)". Hoffen wir erst einmal, dass es die bösen Autokraten sind, die hier eingeäschert werden. Der Song hingegen legt los wie die Feuerwehr und weckt wehmütige Erinnerungen an eine Band, die ich ebenfalls immer sehr geschätzt habe. Die Orgel klingt tatsächlich stark nach dem Canterbury-Sound und dessen größte Helden, Caravan. Wie sich die Gitarre ganz allmählich aus der Tasten geprägten Landschaft heraus kristallisiert, hat einen erhöhten Gänsehautcharakter. Hier finden wir uns tatsächlich wieder ein gutes Stück näher im Rock, die jazzigen Attituden stehen jetzt im Hintergrund.
Ein wunderschön nachdenkliches Break ohne jede rhythmische Begleitung strebt fast ein wenig modernem Artrock zu, bis die herrliche Trompete noch einmal zu einem Höhenflug ansetzt. Erhaben, gemächlich und total überlegen. Nils Petter Molvaer kommt mir in den Sinn, der hat auch viele geile, verrückte Sachen gemacht. Doch Gustavs Gebläse legt auf für Jockes letztes Aufbegehren, jetzt geht die Gitarre ab und lässt nicht den leisesten Zweifel daran, dass wir es in erster Linie mit einer Rockband zu tun haben. Die herrliche Reflektion auf dem Bass von Pär Hallgren gibt noch einmal das Zeichen für eine letzte Eskalation. Kirchenglockengeläut beenden die musikalische Betrachtung des Einäscherung.
Das schöne Bild auf dem Cover entstammt übrigens einem Gemälde von Thomas Ströhmdahl und zeigt eine Straßenszenerie aus Malmö, der Herkunft der Band. Das Werk entstand zwischen 1976 und 1979 und man mag am Ende glauben, die Musik wäre parallel dazu entstanden.
Ich bin mächtig beeindruckt. Zwischen Progressive Rock und Jazz liegen viele Felder, die man bestellen kann. Eine derart kernig, erdige, fast möchte man sagen bluesige Interpretation habe ich seit Jahren nicht gehört und alles, was ich dazu sagen kann, ist eine ausdrückliche Empfehlung für jeden, der improvisierte, handgemachte Musik geil findet. Klar, hier muss man ein Stück weit stilistische Ausflüge mitgehen, ganz einfach geht eine solche Musik nicht jedem ins Blut. Wer aber den Mut hat auf ein wildes Abenteuer zwischen den Gefilden und im Getöse der Zeit, der wird von dieser Musik mitgerissen werden. Garantiert.
Line-up Hooffoot:
Pär Hallgren (bass)
Jacob Hamilton (drums, percussion)
Jocke Jönsson (guitar)
Bengt Wahlgren (keyboards)
guests:
Samuel Lundström (violin)
Johannes Tärk (percussion)
Ida Karlsson (saxophone)
Göran Abelli (trombone)
Gustaf Sörnmo (trumpet)
Tracklist "The Lights In The Aisle Will Guide You":
- The Lights In The Aisle Will Guide You (13:05)
- Pablo Octavio – 1st Departure (09:46)
- Pablo Octavio – 7th Sea (8:37)
- Krematorium (Arrival for autocrats) (14:39)
Gesamtspielzeit: 46:07, Erscheinungsjahr: 2020



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