Ungewöhnlich ist dieses neue Album der Legacy Pilots, dem Projekt um den Hamburger Multiinstrumentalisten Frank Us, da es auf zwei CDs verteilt ist: "Volume 1" und "Volume 2". Die Vinylversion dagegen kommt als Doppel-Langspielplatte. Aus Produktion- und Versandgründen, wie es heißt. OK, aber gegen einen CD-Doppeldecker wäre auch nichts zu sagen.
Laut Mastermind Frank Us ist "Camera Obscura" seine bis dato größte und aufwändigste Produktion. Der vorliegende erste Teil ist der ruhigere, melodischere, während Teil zwei die Pfade des klassischen Progs mit einer guten Spurt Art Rock verlässt und in dunklere und extravagantere Sphären führen soll. Von »sogar exzentrischen Gefilden« ist die Rede.
Wie auch immer, Franks Projekt hat eine weitere Ungewöhnlichkeit zu bieten, dass nämlich stets eine Schar hochkarätiger Gastmusiker mit an Bord ist und damit eigentlich im Voraus bereits ziemlich sicher feststeht, dass man keine Katze im Sack kaufen wird. Todd Sucherman kennt man als Drummer bei Styx und bei einem weiteren Hamburger Multiinstrumentalisten, Georg Hahn, hat er vor nicht allzu länger Zeit ebenfalls getrommelt. Genauer gesagt, bei Finally Georges Album Painter Und Hans' Alter Ego Finally George ist auch hier bei Frank Urs unter dem Gastmusikern. So klein kann die Welt sein.
Mit Marco Minnemann ist ein weiterer Drummer zugegen, dessen Vita einige große Namen aufführt, bei denen er die Sticks wirbeln ließ. John Mitchell ist gerade mit seiner Band Perfect Beasts zugange; ansonsten kennt man ihn von Formationen wie It Bites, Frost, Arena, Kino und Asia. Bei Pete Trewavas sind unter anderem Transatlantic und Marillion zu nennen. Steve Morse hier vorzustellen, erspare ich mir. Ebenso die Suche nach den Musikern, die mir namentlich nichts sagen und bei denen auf die Schnelle wenig Infos zu finden waren. Wenn sie aber neben den eben Genannten im Line-up stehen, dann sind das garantiert ebenfalls alles Könner.
Aber wie bei der Schwalbe, die noch keinen Frühling macht, bedeuten große Namen noch nicht unbedingt auch hervorragende Musik. Für vorliegende Scheibe möchte ich in dieser Sache aber Entwarnung geben. Der Einstieg ist bereits seht gut und zaubert mir ein Grinsen ins Gesicht, denn obwohl da der Stxy-Drummer an den Fellen agiert, erinnern hauptsächlich die Keys an die Amerikaner. Passend auch die Vocals von Jake Livgren, dessen Stimme mir gut gefällt. Allerdings kann man gerade bei dem dreigeteilten "Midnight Tide" den Fokus nur kurz auf einem Instrument oder den Stimmbändern halten, denn dafür ist die Musik zu komplex. Die wechselt von verspielten Arrangements über leicht jazzig angehauchte und rhythmisch sehr kräftige Muster. Dazu gibt es verschieden gefärbte Einlagen der Gitarre, an denen auch Morse seine Finger im Spiel hat, Drum-Sequenzen äußerst guter Natur sowie einen saustarken Bass.
"My Anchor" schließt sich der Trilogie an, was aber nur auf die Reihenfolge zutrifft, denn musikalisch sind wir fast in orientalischen Gefilden. Getragen wogt der Song durch sechs Minuten, hat interessante Breaks und vor allem wieder eine starke Stimme am Micro. Wenn ich alle spärlichen Infos deute, müsste oder könnte diese singende Liza die Tochter von Frank sein. Jazzig, soulig, klar und frisch kommen diese Vocals und aller Instrumenteneinsatz drumherum ist perfekt choreografiert. Wahrscheinlich, obwohl nicht aufgeführt, spricht sie auch das Intro zu "Cloud City", einem erst mal melodischen Ohrenschmeichler wie aus Oldfields besten Zeiten. Zartes akustisches Gitarrenspiel erinnert fast an eine Harfe und in Verbindung mit der akzentuiert aufspielenden Bassgitarre sowie dem ebenso filigranen Drumspiel ergibt das eine äußerst idyllische Stimmung. Mastermind Us legt aber alsbald Feder an die Komposition und es proggt nun mit forcierter Fellbearbeitung, solierender E-Gitarre und vertrackter werdende Umfeld.
Als Melodiemonster präsentiert sich "A Fleeting Echo" und dann bricht die äußerst warme und wohlklingende Stimme von Georg Hahn aka Finally George aus den Membranen. Klasse ist das und man freut sich bereits auf das Kommende, denn das Stück ist etwas über zehn Minuten lang. Zeit genug also, um viele Prog-Geschütze in Stellung zu bringen. Und Frank Us zeigt uns, dass er das Metier beherrscht. Mit traumwandlerischer Sicherheit kreeirt er eine Prog-Landschaft nach der anderen. Mal zurückgenommen, aufbauend und dann kurzerhand hinführend zu choreografisch gut gesetzten Intermezzi. Tastensequenzen, mal zart, mal hart, ebenso abwechslungsreich die Felle, die Saiten und dann wieder die ruhige Stimme Finally Georges sowie starke Gitarrensoli von Seth Hankerson.
"No Pause in Time" und No Change in Vocals, denn auch bei diesem Stück hören wir Finally George singen und in dieser Nummer zeigt er, das er auch höhere Frequenzen kann. Die stimmliche Qualität John Mitchells steht ebenfalls außer Frage, was er in "Afterglow" mit Bravour beweist. Und auch Seths Gitarrensolo zum rhythmisch anspruchsvoll gelegten Teppich ist stark. Das alles wirkt aber auch nur so gekonnt, weil Fran Us' Kompositionen genau darauf abzielen: Spannung, Stimmung, instrumentales und gesangliches Können. Und dann das Gesamtkonzept: melodiös und Ins Ohr gehend, ohne seicht und mainstreamig zu wirken und auf der anderes Seite auch mal vertrackt und kompliziert, aber ohne den geringsten Ansatz, die Hörer zu überfordern.
Hätte ich jetzt das Doppelvinyl, könnte ich die andere Seite der Medaille hören. Aber dann müsste ich aufstehen und die Platte wechseln. So kann ich im Sessel bleiben und die Repeat-Taste drücken …
Line-up Legacy Pilots:
Frank Us (keys, guitars, vocals – #4,background vocals – #,5,8), drum programming – #4,5)
With:
Todd Sucherman (drums – #1-6)
Marco Minnemann (drums – #7,8)
Lars Slowak (bass -#1-5,8)
Jake Livgren (vocals -#1,3)
Liza (vocals-#4)
Finally George (vocals – #6,7, bass – #6)
John Mitchell (vocals – #8)
Pete Trewavas (bass – #7)
Steve Morse (guitar solo – #1)
Seth Hankerson (guitar solo- #6-8)
Tracklist Camera Obscura Volume 1:
- Midnight Tide Parts I-III (8:41)
• Midnight Tide Part I
• Midnight Tide Part II (Instrumental)
• Midnight Tide Part III - My Anchor (6:00)
- Cloud City (6:48)
- A Fleeting Echo (10:14)
- No Pause in Time (5:04)
- Afterglow (7:28)
Gesamtspielzeit: 44:51, Erscheinungsjahr: 2026



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