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V.A. / 16 Bars – CD-Review

V.A. / 16 Bars – CD-Review

Sheriff C.T. Woody Jr. aus Richmond, Virginia ist sicherlich als erster zu nennen, wenn es um vorliegendes Project "16 Bars" geht. Wenn er auch selbst musikalisch nicht eingebunden ist, so ist es doch ihm zu verdanken, dass dieses Album, der Soundtrack zur gleichnamigen Dokumentation, entstanden ist.

Besagter Sherrif startete im Richmonder Gefängnis ein Rehabilitationsprogramm, das neben Jobtraining, Entzug und Gruppentherapie den Insassen auch ein kleines Aufnahmestudio bietet. Woody Jr. lud den zweifachen Grammy-Gewinner Todd 'Speech' Thomas von der Hip-Hop-Gruppe Arrested Development ein, um sich musikalisch darum zu kümmern. Begleitet wurden das Programm von den Filmemachen von Resonant Pictures, die die Dokumentation "16 Bars" nannten. Die Bezeichnung Bars ist hier meiner Meinung nach doppeldeutig zu sehen, da die Protagonisten in der Tat behind bars sind und weil der Begriff 16 bar im RAP einen Beat-Part darstellt. So jedenfalls ergab das eine schnelle Suche und man möge mir nachsehen, dass mein Wissen über die Taktung von Hip-Hop und Rap eigentlich überhaupt nicht vorhanden ist.

Man muss allerdings auch nicht wissen, wie eine gute Consommé gemacht wird, um sie zu genießen. Dass Hip-Hop und Rap auf vorliegendem Album vertreten sind, darf nicht verwundern, da das doch vorwiegend die Musik auf den Straßen ist, die nicht zu den besten gehören. So zumindest mein bescheidener Eindruck, den ich ansonsten auch nicht belegen kann. Ich gebe daher die Worte von Speech wieder, der in einem der "Interludes" sagt, dass es in den USA die weltweit größte Population an Gefängnisinsassen gibt. Weiter erzählt er, dass in manchen Bundesstaaten jeder vierte männliche Farbige Gefängniserfahrung hat.

Das will und muss ich jetzt mal so stehen lassen, zumal es eigentlich darum geht, was musikalisch aus den Gefängnismauern nach draußen gelangt ist. Vier der Insassen haben zusammen mit Speech gearbeitet und präsentieren ihre eigenen Kompositionen, die erstens zeigen, wie die vier Männer ihren Gefängnisalltag in Musik und Worte fassen, wie sie vom harten Alltag behind bars, den dort herrschenden Ungerechtigkeiten und ihrem Leben im Allgemeinen berichten. Zweitens zeigen die Vier, dass sie genug Talent haben, welches – sofern frühzeitig erkannt und ausgelebt – sie vielleicht nicht in den Knast gebracht hätte.

Was die vier Männer ins Gefängnis gebracht hat, wird nicht erzählt, im Prinzip spielt es auch weniger eine Rolle. Ich denke aber, da es hier um ein Resozialisierungsprojekt geht – die Teilnehmer also auf ein Leben außerhalb der Mauern vorbereitet werden -, werden es keine Taten gewesen sein, die in den USA schon mal mit vier mal lebenslänglich geahndet werden. Dass Teddy Kane, Anthony Johnston, Devonte James und Garland Carr in einem neuen Leben außerhalb des Richmonder Gefängnisses mit ihrem Talent bestehen können, steht nach dem Hören ihrer Musik für mich außer Frage.

Die Musik auf "16 Bars" hat eines gemeinsam: sie kommt komplett von den Häftlingen. Keine Gemeinsamkeit gibt es bei dem Musikstil. Neben Hip-Hop und Rap finden sich auch Blues, Outlaw Country/Americana und Gospel. Los geht es mit "Inspire" von Teddy Kane, dem ein Intro von Speech vorangeht, in dem er Kindern von dem Projekt erzählt. Es sind die Kinder, die als Chor im Song mitwirken und als Kontrast zum elegisch wirkenden Gesang von Teddy klasse Tupfer setzen. Die Aufnahmen des Chors fanden in Speechs Haus statt und wurden hinzugemixt.

Speech steuert übrigens zwei Interludes, sowie ein Outro bei. Aber erst gibt es mit "Lost One" und "Where’s My Daddy At" von Teddy Kane zwei weitere Stücke. Wie auch bei "Inspire" ist der Rap-Gesang ruhig und unaufgeregt, was ihn auch für Hörer, die ansonsten dieser Musik nicht zugetan sind hörenswert macht. An die Klasse von "Inspire" reichen die beiden Stücke meiner Meinung nach nicht heran, aber gerade "Where’s My Daddy At" gibt textlich nachdenkenswerte Einblicke in 'Karrieren' und Viten von der anderen Straßenseite.

Anthony Johnston steuert eine Nummer bei, auf der er von Speech begleitet wird. Auch er singt über das System und sein Leben darin. Allerdings musikalisch eine Spur härter und aggressiver als Teddy, der stellenweise auch eine Prise Soul integriert hat. Auch Devonte James wird auf seinem "Broken Chains" von Speech begleitet, geht aber im Vergleich zu Johnston etwas ruhiger zur Sache. Musikalisch wohlgemerkt, textlich lässt auch er seiner Seele freien Lauf.

Ganz anders geht Garland Carr die Sache an. "Lay My Burdon Down" ist ein astreiner, aber harter Gospel, der vom Gefängnischor des REAL-Programmes (Recovering From Everyday Addictive Lifestyles) begleitet wird. Das ist eindrucksvoll. Mit "Freedom Wind" bewegt sich der Rezensent wieder in bekanntem Gewässer. Das ist ein bluesiges Stück Americana mit Spuren einer Southern Rock-Gitarre. Der Mann ist gut und das Stück wäre wohl was für den White Buffalo.

"Steam Train Salvation" ist astreiner Country der Nicht-Nashville-Art. Kein Wunder, dass der Promozettel Parallelen zum jungen Johnny Cash zieht. Auch "Two Stamps" geht in diese Richtung und man ist geneigt zu bedauern, dass so ein Talent hinter Gittern sitzt. Man kann aber auch Hoffnung haben, dass durch dieses Projekt die Resozialisierung funktioniert und die Musiker am Tag X 'draußen' aufgefangen werden und statt mit Fäusten mit Musik argumentieren.

War ich anfangs von dem scheinbar unpassenden musikalischen Mix auf "16 Bars" etwas irritiert, so ist es im Nachgang eigentlich konsequent durchdacht. Aus Berichten und Sendungen bekommt man ab und an Einblicke in den Alltag in diesen unschönen Bauwerken und gerade wenn diese in den Vereinigten Staaten stehen, ist es nun mal so, dass sich auf dem Freiganggelände schwarz und weiß oft in getrennten Gruppen aufhalten. Somit musste auf dem Album neben black music auch das weiße Amerika musikalisch abgebildet werden. Auf Platte funktioniert das Nebeneinander ohne Probleme – im richtigen Leben, ob nun vor oder hinter bars nicht immer und überall. Auf diese Problematik geht auch der Bonustrack, Arrested Developments "Trauma", ein.

Auf jeden Fall aber ist diese Initiative von C.T. Woody Jr. eine lobenswerte Sache und so verwundert es nicht, dass die Dokumentation gerade in den USA in verschiedenen Städten aufgeführt wird. Vielleicht macht sie auf den Straßen Mut und bringt den einen oder anderen zu der Einsicht, dass es oftmals Alternativen zum bisherigen Weg gibt. Feine Sache, also.


Tracklist 16 "Bars":

  1. Speech’s Intro (Speech)
  2. Inspire (Teddy Kane feat. Positive Impact Choir)
  3. Lost One (Teddy Kane)
  4. Where’s My Daddy At (Teddy Kane)
  5. Speech’s Interlude #1 (Speech)
  6. Recidivism (Anthony Johnston feat. Speech)
  7. Broken Chains (Devonte James feat. Speech
  8. Speech’s Interlude #2 (Speech)
  9. Lay My Burdon Down (Garland Carr feat. The REAL Program Chorus)
  10. Freedom Wind (Garland Carr)
  11. Steam Train Salvation (Garland Carr)
  12. Two Stamps (Garland Carr)
  13. Speech’s Outro (Speech)
  14. Trauma (Arrested Development feat. Daunta) [Bonus]

Gesamtspielzeit: 44:03, Erscheinungsjahr: 2019

Über den Autor

Ulli Heiser

Hauptgenres: Mittlerweile alles, was mich anspricht
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