Morbide Wiener Melancholie
»Wien oh Wien, du kennst mich up, kennst mich down …«
Vor über 40 Jahren trug Falco das Subversive Wiens in alle Welt … bis in die USA, wo plötzlich in der neuen Welt Wolfgang Amadeus durch das Land der ehemals unbegrenzten Möglichkeiten rockte und rappte.
Knapp zehn Jahre zuvor ermittelte Adolf Kottan mit schwarzem, ironischem Humor in der österreichischen Hauptstadt, in der Jetztzeit können auf dem berühmten Zentralfriedhof, der schon Schauplatz beim Kinoklassiker "Der dritte Mann" (1949) war, die Gräber zeitgenössischer Künstler wie genannter Falco, Kurt Hauenstein (Supermax), beides gebürtige Wiener, oder Udo Jürgens besucht werden, während das eine oder andere Plakat auf Konzerte von Peter Cornelius hinweist, der ebenfalls vor über 40 Jahren reif für die Insel war und noch eher den Kaffee fertig hatte.
Wien hat sich trotz aller neoliberaler Kapitalismus-Auswüchse und Tourismus-Flutungen seinen Charme bewahrt, trotzt den rechtsextremistischen Tendenzen des Landes mit einer Koalition aus SPÖ und Neos (Liberale), während in der Opposition die Grünen stärker als die ÖVP sind und nach aktuellen Umfragen gar die KPÖ (Kommunistische Partei Österreichs) Chancen auf die Überwindung der 5% Hürde hat.
Entsprechend hat Wien auch eine rege kulturelle Subkultur zu bieten. Teil davon sind Die Buben Im Pelz, eine Indie Rock- und Post Punk-Band, die ihre Meriten durch die Transformation der Warholschen Banane in den Wiener Dialekt erwarb. In ihrer derzeitigen Inkarnation wird die Musik komplett selbst geschrieben, mit gesellschaftskritischen, ironisch distanzierten Texten, bissig, sarkastisch, düster und mit einer morbiden melancholischen Grundstimmung. Das ergibt mitnichten eine fröhliche Party-Platte, sondern lässt einen stellenweise das Blut in den Adern gefrieren, die Haut wird zur Gänsepelle, auf den Punkt gebracht mit dem Titelstück, das passenderweise ganz zum Schluss in eine dystopische Zukunft entlässt, die vielleicht nicht ganz zufällig im derzeit heiß diskutierten Berlin liegen soll (letzte Textzeile »… Bevor ich nach Berlin geh, räum ich noch auf«). Da herrscht offenbar eine toxische Beziehung mit der Metropole des Nachbarn, denn weiter vorne auf dem Album heißt es »Wir sterben kleine Tode in Berlin, zwei Gegensätze, die sich irgendwie anziehn, ist es schon Liebe, sind es nur Triebe, was wir hier tun ist als ungesund verschrien.«
"Menschen ohne Freunde", das passt zu der Tendenz, das weltweit menschenfeindliche Politik großen Zuspruch erfährt, gleichzeitig wird der scheinbar unumkehrbare Trend gespiegelt, dass soziale Interaktion und "Freundschaften" sich in die unsozialen Medien verlagern.
Trotz aller sinistren Tendenzen ist die musikalische Umsetzung unnachahmlich charmant, manchmal geradezu leichtfüßig verpackt, wie es halt nur echte Wiener können. Die instrumentale Umsetzung erhält mit Trompete und Geige noch weitere Farbtupfer und der Klang ist für eine Indie-Produktion ausgesprochen klar, transparent, differenziert und ohne Schärfe, aber mit heutzutage eher selten anzutreffender defensiver Dynamikkompression.
Da die Band in der Vergangenheit Ton Steine Scherben coverte, dürfte auch die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth, vormals Managerin derselben, nicht abgeneigt sein.
Aber auch abseits der Scherben könnten ihr Die Buben Im Pelz durchaus zusagen. Diesen Gedankengang findet der Rezensent, um ehrlich zu sein, ausgesprochen tröstlich. Hat doch der aktuelle Kulturstaatsminister Wolfram Weimer einem Buchladen in Bremen ohne stichhaltige Begründung eine Preisverleihung mit entsprechender finanzieller Würdigung verwehrt … aus ideologischen Gründen, die bigotterweise genau dieser Buchhandlung vorgeworfen werden. Selbige würde jedenfalls auch in Wien eine sehr gute Figur machen, während Die Buben Im Pelz den tobenden Kulturkampf schwermütig paraphrasieren. Zu Zeiten Falcos ging es wahrlich fröhlicher zu!
Line-up: Die Buben im Pelz
David Pfister (Gesang, Trompete)
Christian Fuchs (Gesang)
Bernd Supper (Piano, Keyboard, Gesang)
Christof Baumgartner (elektrischer Bass, akustischer Bass, akustische Gitarre, Gesang)
Markus Reiter (elektrische Gitarren, akustische Gitarren, Gesang)
Roland Reiter (Schlagzeug, Perkussion)
Gäste:
Teo Reiter (Gesang)
Brezel (Gesang)
Delia Krammer (Gesang)
Daniela Czurda (Geige)
Tracklist "Menschen ohne Freunde":
- Luft (3:43)
- 1000 Jahre (3:53)
- Für Di (3:36)
- I bleib am Mars (4:51)
- Kleine Tode in Berlin (4:09)
- Goldener Sand (4:00)
- I ruf den Teifl (4:49)
- Hund (3:10)
- Ende der Nacht (4:50)
- Unser Moment (3:02)
- Verschwören uns gegen die Welt (4:29)
- Menschen ohne Freunde (4:36)
Gesamtspielzeit: 49:34; Erscheinungsjahr 2026




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