Nachträglich sollte die Marke "DT 64" Einzug in das Verzeichnis des Deutschen Patent- und Markenamtes halten. Doch die gültige Anmeldung vom 10. März 1999, eingetragen im Register am 17. August 1999, wurde am 1. April 2019 wieder abgemeldet. »Akte vernichtet« heißt es dazu kurz und bündig unter dem Eintrag auf der Internetseite des Amtes, für jedermann nachzulesen. Die Frage könnte lauten: Wie will man etwas schützen, was es gar nicht mehr gibt? Jugendradio DT64 war der Hörfunksender, der 1964 zum Deutschlandtreffen in der DDR entstanden ist, der aber erst ab 1986 ein eigenständiger Kanal war und 1993 nach dessen Abschaltung von der medialen Bühne verschwand.
In dieser Zeit pendelte der Sender zwischen Propagandafunktion und Pop-Subversion. Ein Spagat, den "DT 64" mit einem speziellen Programm schaffte. Eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung. Olaf Leitner, Jahrgang 1942 und von 1968 bis 1992 Redakteur beim (West-)Berliner Rundfunksender RIAS, widmete sich dem Phänomen in "Rock im DDR-Jugendradio. Eine Westanalyse anno 1983". So ist das Kapitel in dem Buch "Power von der Eastside! Jugendradio DT64. Massenmedium und Massenbewegung" überschrieben. Seine Einschätzung fällt sachlich-nüchtern aus. Der Radiomacher geht weitestgehend auf Distanz, indem er die Verhältnisse nur beschreibt, aber keineswegs kommentiert. Nur ein Beispiel: »Zwei Staransager von DT64 sind Christine Dähn und Andreas Fürll, deren routinierte, brav biedere Freundlichkeit bei längerem Zuhören den Eindruck aufkommen lässt, da machen zwei ihren Job – und mehr nicht.«
Überhaupt sei die »typische DT 64-Ansage kumpelhaft-vertraulich, anbiedernd jugend-tümelnd und auf Gags versessen gewesen«. Nach seiner Einschätzung war die "Notenbude" die profilierteste Sendung, weil hier »häufig genug Sendezeit« zur Verfügung stand, »um Entwicklungen des Rock in großer Ausführlichkeit aufzuarbeiten« und weil es neben wichtigen Porträts zu Persönlichkeiten dieser Musik »Hörerdiskussionen zu Einzelthemen« gab. Das sind anerkennende Worte eines Moderationskollegen, der wiederum Wolfgang 'Wölfi' Martin aus dem Team der Notenbude ausdrücklich lobt und ihn als »profundesten Kenner der internationalen und engagiertesten Förderer der nationalen Rockszene« heraushebt. Soweit die sachliche Analyse eines Radiomachers aus dem früheren 'Westen'.
"Power von der Eastside!" basiert zu großen Teilen auf der Lektüre "DT 64. Das Buch zum Jugendradio 1964-1993", das bereits 1993 im Leipziger Thom-Verlag erschienen war. Herausgeber nach Idee und Redaktion von Thomas Bille waren damals Andreas Ulrich und Jörg Wagner. Die erweiterte Neuauflage sieht Heiko Hilker und Alexander Pehlemann zusätzlich im Kreis der Herausgeber.
Wagner und Ulrich arbeiteten einst als Redakteure und Moderatoren bei DT 64. Sie haben sozusagen Stallgeruch, die zwei anderen Herausgeber näherten sich mit eigenen Beiträgen aus unterschiedlicher Sicht dem Thema. Heiko Hilker, Jahrgang 1966, saß von 1994 bis 2009 als parteiloses Mitglied des Sächsischen Landtags in der PDS Fraktion/Linksfraktion, einer seiner Beiträge als Co-Autor trägt den Titel "Runter vom Sofa. Die DT 64-Hörerbewegung oder: Wer hat bloß die Politiker erfunden?"
Immer gern gefragt, wenn es um DDR-relevante Themen aus Vergangenheit und Gegenwart geht, sind die Autoren Christoph Dieckmann (Die Zeit) und Alexander Osang (Der Spiegel). Dieckmann habe im August 1990 während einer Reise durch die USA die Anfrage erhalten, ob er Intendant beim früheren Jugendradio werden wolle. Nach seiner Einschätzung habe man dem Sender viel vorgeworfen, um »DT 64 nicht in die neue Rundfunklandschaft integrieren« zu müssen. Aufgrund seiner Entwicklung nach 1990 sei DT 64 »über Nacht Deutschlands meistdiskutierter Radiosender« geworden.
»Für gut eine Million ostdeutscher Stammhörer und auch für eine beachtliche Anhängerschaft in Westdeutschland ist es unerträglich, dass dieses Musterbeispiel für einen Wandel mit Charakter der ewigen Funkstille übergeben werden könnte«, ergreift der Journalist Partei für den Sender, um dann DT 64 Rundfunk-Liquidator Rudolf Mühlfenzl ins Spiel zu bringen. Mühlfenzl, der am 15. Oktober 1990 zum Rundfunkbeauftragten der neuen Bundesländer gewählt worden ist, war damit beauftragt, DT 64 abzuschalten, wenn es nicht gelingen würde, den Sender in eine neue Struktur zu überführen. Auf Grundlage des Rundfunküberleitungsgesetzes als Bestandteil des Eingungsvertrages war die Regelung der Radio- und Fernsehlandschaft praktisch über Nacht Ländersache. Mit fatalen Folgen, wie das Vorwort aus dem 1993 erschienenen Buch zeigt. Es wurde für die erweiterte Auflage übernommen und als letztes Kapitel beigefügt. In unnachahmlicher Weise schrieb der damalige Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Kurt Biedenkopf (1930-2021), ein Vorwort, das man besser als Nachruf hätte verstehen können. In dem Text heißt es: »Jede Generation muss sich auch mit sich selbst auseinandersetzen, muss einen Weg finden zur Verantwortung in der Gesellschaft, ohne rechten oder linken Ideologien auf den Leim zu gehen. Diese selbstkritische Frage muss auch DT 64 immer wieder an sich selbst richten. Manches in der Geschichte dieses Jugendsenders war kein Ruhmesblatt«. An dieser Stelle darf man durchaus fragen, ob sich der promovierte Jurist und spätere Landespolitiker jemals mit dem Sender befasst hatte.
Der Untertitel des Buches "Jugendradio DT 64. Massenmedium und Massenbewegung" ist durchaus treffend gewählt. Auf 384 Seiten kommen viele Zeitzeugen zu Wort, wurde akribisch viel Material zusammen getragen, wobei der Eindruck entsteht, hierbei geht es in der Darstellung mehr um die Massenbewegung infolge der geplanten Abschaltung und weniger um den Radiosender von einst. Mahnwachen, Demonstrationen, Hungerstreik und Besetzungen von Staatskanzleien und Radiostudios bestimmen die Szene. Die Aktionen waren darauf gerichtet, die für 1991 geplante Abschaltung schließlich bis 1993 hinauszuzögern. Die Intensität dieser Ereignisse bestätigen die knapp 30 Seiten im Kapitel "DT 64-Chronik:" Abschaltung wurde in der Wahrnehmung klar zum Reizwort, der Einigungsvertrag war unbeliebtes Gesetzeswerk.
Verständlich auch, dass MDR Sputnik, das aktuelle Jugendradio des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) und damit legitimer Nachfolger von Jugendradio DT 64, kein Trostpflaster für Hörer und Macher war und deshalb nicht mit offenen Armen aufgenommen wurde.
Als neutraler Beobachter muss man allerdings sagen, dass sich die Neuordnung der Rundfunklandschaft auf dem Gebiet der früheren DDR, so bitter sie für die Betroffenen war, einreiht in die radikale Neugestaltung der Wirtschaft nach dem Fall der Mauer, wo hunderttausende Menschen ihren Arbeitsplatz verloren und keine Lobby hatten.
"Power von der Eastside!" ist zugleich ein politisches Buch, weil viele Beiträge stark subjektiv gefärbt sind. Das sollte, das muss der Leser wissen. Ein Manko des Buches ist es, dass Musiker so gut wie nicht zu Wort kommen. Der frühere Sänger von City, Toni Krahl, meldet sich in einem Interview, auf einem Foto sehen wir den »in der DDR gestrandeten« kanadischen Liedermacher Perry Friedmann.
Bei Rex Joswig, Produzent, Radio DJ und seit 1987 Rocksänger der Band Herbst in Peking, wird allein schon in der Überschrift eines Kapitels deutlich, wohin die Reise geht ("Wider die Sender, die dem Kapitalismus den Soundtrack dudeln".) Alles legitime Wortwahl, aber wer allein bis Seite 347 vorgedrungen ist, wird an dieser Stelle genau wissen, ob er diese Zeilen liest oder nicht.
In jeder Hinsicht lesenswert ist das Kapitel "Der Anfang. Andreas Ulrich im Gespräch mit Kalle Neumann, dem ersten Moderator von DT64." Eine Empfehlung, so sollte Journalismus funktionieren. Eine solch sachlich-distanzierte Analyse hätte man sich durchgängig für das Buch gewünscht und die Zeitzeugen hätten in dem geschichtlichen Diskurs völlig anders Einzug halten können. "Power von der Eastside!" hätte somit zugleich einen höheren Unterhaltungswert auf Dauer erhalten.
Subjektiv gefärbte Beiträge werden im Gegensatz viel schneller ausgeblendet, wenngleich Meinungsbeiträge durchaus erwünscht sind. Doch sie sollten dann unbedingt als solche kenntlich gemacht werden.
"DT 64: Was war? Was bleibt? Was wird?" fragt Herausgeber Heiko Hilker, seit 2009 Geschäftsführer des von ihm gegründeten Dresdner Institutes für Medien, Bildung und Beratung, gegen Ende des Buches. Die Fragestellung lässt auf einen versöhnlichen Dialog hoffen, mit genügend Abstand zum Geschehen. Wenn aber auf der ersten Seite seiner zehnseitigen Abhandlung ein Foto mit der Unterschrift "Ohrenschützer für die CDU. Jugendradio für uns! Heiko Hilker als Demo-Redner in Dresden" auftaucht, dann scheint es eine sachlich-neutrale Aufarbeitung nicht zu geben. Genau an dieser Stelle haben die Herausgeber eine Chance vertan.
Die Regie in Personalie der Herausgeber hat nicht nur an dieser Stelle versagt.
Herausgeber: Ventil Verlag, 1. Auflage (2024)
Heiko Hilker / Alexander Pehlemann / Andreas Ulrich / Jörg Wagner (Hg.)
Sprache: Deutsch
Broschur, mit Abbildungen
384 Seiten
ISBN: 978-3-95575-231-6
Preis: 28,00 Euro



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